Raketen-Dschungel Himmelfahrt auf Usedom

Er wollte zum Mond und schuf die Terrorwaffe V2: Wernher von Braun schrieb in Peenemünde ein prekäres Stück Technikgeschichte. Ein Museum auf dem verfallenen Testgelände soll nun die dunklen Ursprünge der Raumfahrt aufzeigen.

Von


Dirk Zache hebt den Schlagbaum und springt in den VW-Bus zurück. Im Schritttempo geht es an gesprengten Nazi-Laboratorien vorbei auf die Nordspitze Usedoms. Seeadler kreisen vor der Küste, "Vorsicht Lebensgefahr ­ munitionsverseuchtes Gebiet", warnt ein rostiges Schild.

Ausstellung im Kraftwerk: In Peenemünde soll ein großes Raketenmuseum entstehen
DPA

Ausstellung im Kraftwerk: In Peenemünde soll ein großes Raketenmuseum entstehen

Kilometerweit holpert der Wagen über schmale Wege, vorbei an Eichen und Kiefern. In den Wipfeln sitzen Kormorane. Der Transporter passiert zerborstene Katapulte und Einschlagskrater britischer Sprengbomben.

Zache, 37, ist Museumsleiter in der Gemeinde Peenemünde. Seine Mission führt über eine gewaltige Militärbrache, die seit 1937 abgezäunt ist. Erst kamen die Nazis, dann die Nationale Volksarmee (NVA), schließlich das Bundesvermögensamt. Das Gelände ist 25 Quadratkilometer groß und gilt als Ursprung der Raumschifffahrt. Nun soll das verfallene Raketengelände zum größten Flächendenkmal Deutschlands ausgebaut werden.

Der Scout stoppt vor einem von Erdwällen umschlossenen Oval. "Prüfstand VII", sagt er. Wo einst 2800 Grad heiße Verbrennungsgase tosten, sonnt sich ein Frosch, daneben blühen Orchideen. Zache zeigt auf schwarze Lurche in einem mit Wasser voll gelaufenen Betongraben: "Das sind unsere Raketenmolche."

Exakt hier, wo heute ein rostiger Hydrant steht, gelang am 3. Oktober 1942 der Sprung in den Kosmos: Von Funkkommandos gesteuert, zündete ein Raketenofen mit 18 Mischkammern. In dessen Inneren verbrannten pro Sekunde 125 Liter Kartoffelschnaps und flüssiger Sauerstoff.

Peenemünde: Raketenkommando am Bodden
DER SPIEGEL

Peenemünde: Raketenkommando am Bodden

13 Tonnen Startgewicht hatte das "Aggregat 4" und kostete in der Serienfertigung 100.000 Reichsmark. Joseph Goebbels taufte das Geschoss in der 1944 losgetretenen Wunderwaffen-Kampagne auf den Namen V2. Das V stand für Vergeltung.

Über 10.000 Menschen hörten beim Start das ohrenbetäubende Grollen des Triebwerks. Um 15.58 Uhr hob der Metallzapfen vom Starttisch ab. Steuerkreisel hielten ihn in Ideallinie. In den umliegenden Bunkern saßen Aerodynamiker, Physiker, Mathematiker. Im Kommandostand flackerte ein Monitor mit Bakelitgehäuse ­ ein bisschen Kintopp, ein bisschen Cape Canaveral.

"21, 22, 23 ..." ­ während der Lautsprecher schnarrend die verstrichenen Sekunden der Flugzeit durchgab, verschwand der Prototyp Richtung Danziger Bucht im wolkenlosen Himmel. In über 80 Kilometer Höhe waren die Tanks leer. "Brennschluss!"

Die Rakete stieg weiter, kippte dann leicht vornüber und stürzte mit ungeheurer Wucht ins Meer. Ein Spezialboot erschien an der Aufschlagfläche, die ein Markierstoff grün gefärbt hatte.

Jubel brandete auf. Während die 6. Armee in Stalingrad kämpfte (und der Physiker Enrico Fermi in Chicago die erste nukleare Kettenreaktion vorbereitete), notierte der Chef der "Heeresversuchsstelle Peenemünde", Walter Dornberger: "Wir haben mit unserer Rakete in den Weltraum gegriffen." Abends trank die Führung in "Schwabes Hotel" in Zinnowitz Rotwein.

Vergeltung von der Ostsee: Die von den Nazis gefeierte "Wunderwaffe" V2
DPA

Vergeltung von der Ostsee: Die von den Nazis gefeierte "Wunderwaffe" V2

Peenemünde ist Mythos. Rund 5000 Fachleute waren an der Pioniertat beteiligt. Angeführt wurde das Team von einem Aristokraten, der meist im weißen Kittel, zuweilen aber auch in SS-Uniform herumlief und den das US-Magazin "Time" später zum "Universalgenie" und "Symbol der westlichen Raumfahrt" verklärte: Wernher von Braun.

"Wissenschaft an sich besitzt keine moralische Dimension", meinte der bei Bromberg geborene Sohn eines Gutsbesitzers, unter dessen Leitung den Amerikanern schließlich die Eroberung des Erdtrabanten gelang. Im Juli 1969 setzte eine Mondfähre im Meer der Ruhe auf. Braun hatte seinen Lebenstraum wahr gemacht.

Doch um welchen Preis: Insgesamt 5975 Raketen wurden bis Kriegsende im "KZ Mittelbau-Dora" im Harz unter Tage produziert. Mit Kreuzhacken und Presslufthämmern trieben Häftlinge die unterirdischen Stollen voran. Um die Staubkruste vom Gesicht zu kriegen, wuschen sich die Männer mit Urin. Sie schliefen auf Zeitungspapier.

"Diese Hungergestalten lasten schwer auf der Seele jedes anständigen Mannes", erklärte später der Raketenchef. Gleichwohl war er persönlich ins KZ Buchenwald gefahren, um für sein Projekt geeignete Häftlinge auszusuchen. Insgesamt forderte die Serienfertigung der V2 etwa 25.000 Menschenleben.

Tödliche Zwangsarbeit: Die Serienfertigung der V2 forderte rund 25.000 Menschenleben
DPA

Tödliche Zwangsarbeit: Die Serienfertigung der V2 forderte rund 25.000 Menschenleben

Der Historiker Jens-Christian Wagner hat jetzt weitere Dokumente über die Sklavenarbeit vorgelegt. "Auch in Peenemünde existierten zwei Konzentrationslager", berichtet er, "arbeitsunfähige Häftlinge kamen in ein Massengrab."

Das neue Beweismaterial belastet vor allem den ehemaligen Bundespräsidenten Heinrich Lübke schwer. Als oberster Bauleiter von Peenemünde ließ er Flugpisten, Prüfstände und Gebäude errichten. Unter seiner Regie wurden Tausende Zwangsarbeiter geschunden. "Fest steht", so Wagner, "dass Lübke von 1943 bis 1945 die Verantwortung für den Einsatz von KZ-Häftlingen hatte."

Mit diesem prekären Erbe muss Zache umgehen. Seit 1996 ist der Westdeutsche, ein gelernter Kunsthistoriker, in der pommerschen Provinz tätig. Er will das verfallene Testgelände als "historischen Ort" sichtbar machen:

  • Derzeit entsteht im Zentrum der Gemeinde ein großes Museum. Die zweite Etage der Ausstellung wird im Juli eingeweiht.
  • Im nächsten Jahr soll die Raketeninsel mit Rad- und Wanderwegen erschlossen werden. Geplant ist eine "begehbare Denkmallandschaft".

Zwölf Millionen Mark hat das Schweriner Wirtschaftsministerium für die Pläne freigegeben, weitere 1,6 Millionen Mark stellt das Kultusministerium zur Verfügung. Auch der Bund ist nach langem Zögern bei der Finanzierung eingestiegen ­ mit gerade mal 200.000 Mark.

Usedom: Zwischen Tourismus, Technikfaszination und Terror
DPA

Usedom: Zwischen Tourismus, Technikfaszination und Terror

Das Engagement gilt einem Ort, der schon heute von Touristen überrannt wird. Was sich den Besuchern bietet, gemahnt jedoch eher an eine Mischung aus Weltgeschichte und Knackwurst.

Im Hafen dümpelt ein Piratenschiff, Kioske verkaufen Landser-Gimmicks. Auf dem ehemalige NVA-Fliegerhorst Peenemünde finden Gokart-Rennen statt. Hubschrauber und alte MiGs vergammeln im Gelände. "Die wurden kurz nach der Wende heimlich von NVA-Offizieren in die Büsche gerollt", erzählt Zache. Es gibt ein "Bettenmuseum" und Grillfleisch aus einem Feldsalonwagen der DDR-Armee. "Die Wiege der Raumfahrt darf nicht wie ein verrosteter Kinderwagen aussehen", findet der Geschäftsmann Torsten Lamla ­ was ihn nicht davon abhielt, selber ein schrottiges Sowjet-U-Boot in den Hafen zu schleppen (Eintritt: neun Mark).

Knapp 400 Einwohner hat der Ort, viele sind arbeitslos, entschuldigen sich Lokalpolitiker für die Misere. Während draußen der Putz von alten Ossi-Kasernen bröckelt, kreist in der Hafenkneipe "Flunder" die Kornflasche ­ von blühenden Landschaften keine Spur.

Einziges Kapital bleibt der legendäre Name. Bereits 1991 hatten ehemalige NVA-Mitglieder in einem alten Bunker eine Ausstellung eingerichtet. Um die Schau zu bestücken, suchten sie das Gelände nach V2-Trümmern ab. Zerborstene Triebwerke und Raketensplitter wurden aus dem umliegenden Sumpf gezogen und mit Pappschildern beschriftet.

Zu techniklastig kam die Schau daher. Das Kapitel Zwangsarbeit wurde kaum erwähnt. Fast schien es, als habe sich die V2 auf ihrem Weg zum Mond nur aus Versehen als Terrorgeschoss nach London verirrt.

Zache will alles besser machen. Er residiert im Peenemünder Kraftwerk. Der Ziegelbau, Baujahr 1942, lieferte einst die Energie zur Verflüssigung von Sauerstoff. Nun entsteht hier ein großes Raketenmuseum.

Die Schauräume im ersten Stock sind bereits eingerichtet. Die Besucher wandern durch einen Lunapark, der von "Weltenraumschiffen" und den Opel-Raketenautos der zwanziger Jahre erzählt. In einem anderen Saal tönt Goebbels Stimme aus dem Volksempfänger. Der letzte Raum, pechschwarz und kaum beleuchtet, zeigt in der Mitte einen Einschlagskrater ­ Symbol für die Vernichtungskraft der V2, der die Briten schutzlos ausgeliefert waren.

Teil zwei im Erdgeschoss soll die Zeit nach 1945 umfassen: Wettrüsten, Kalter Krieg, der Sputnik-Schock. Für die zweite Etage (Motto: "Ethik und Technik") fehlt noch der Geldgeber.

Gleichwohl strickt Zache schon an neuen Plänen. Auch die umliegende Architektur will der Museumschef retten. Das riesige Rüstungslabor des Dritten Reichs ist in Spuren noch erhalten. Versunken im Biotop verlaufen Gleistrassen, Prüfstände und Beton-Bahnsteige. Das Sauerstoffwerk hat allen Sprengversuchen getrotzt.

Wer das Gelände abfährt, erahnt den Größenwahn, mit dem die Nazis einst zu Werke gingen. Ende 1935 besuchte Braun die schilfige Einöde am Bodden und empfand "Liebe auf den ersten Blick". Kurz danach rückten Bagger an. Eine militärische Doppelforschungsanlage entstand, ein Joint Venture zwischen Luftwaffe und Heer. Im Rekordtempo zogen Maurer Werkstätten und einen Überschall-Windkanal hoch.

Die Hauptpower richtete sich auf das "Aggregat 4". Aus 20.000 Teilen bestand der hoch komplizierte Flugkörper, sein Triebwerk erzeugte 650.000 PS. Nach Betankung mit Flüssigsauerstoff dampfte das Geschoss wie ein Drache.

Rund ein Dutzend Institute waren daran beteiligt, das Mammut-Projektil kontrolliert in die Luft zu kriegen. 282 Prototypen wurden in Peenemünde getestet. Immer wieder kam es zu Fehlstarts. Die Rakete "taumelt, verliert Abdeckbleche", sie "explodiert nach vier Sekunden", heißt es in Prüfberichten.

Als die Russen am 4. Mai 1945 die Versuchsanstalt besetzten, bot sich ihnen ein imposantes Bild. Der Raketenhangar am Prüfstand VII war auf zukünftige Weltherrschaft angelegt. Mit einer Höhe von 32 Metern hätte die Halle auch die zweistufige A9/10 aufnehmen können. Konzipiert als Interkontinentalwaffe, sollte diese Rakete bis nach Amerika fliegen.

All diese monströsen Visionen wären undenkbar ohne den Raketen-Maniac Braun. Zweimal wurde er bei Hitler vorstellig und pries seine Waffe an. Auch der Rüstungsminister Albert Speer hoffte auf die "Planung eines Wunders".

Militärisch gesehen gedieh das Projekt zum größten Fehlschlag überhaupt. Gut 3000 V2 flogen in den letzten Kriegsmonaten Richtung London und Antwerpen. Längst nicht alle trafen. Der US-Historiker Michael Neufeld nennt die V2 eine "in jeder Hinsicht einzigartige Waffe. Bei ihrer Produktion starben mehr Menschen als durch ihren militärischen Einsatz".

Gerade die Schattenseiten von Peenemünde sind längst noch nicht im Detail erforscht. Jüngst hat Zache, mit Spaten und Hacke bewehrt, das Barackenlager Trassenheide untersucht. Die Ruine, in der einst polnische und russische Zwangsarbeiter lebten, liegt idyllisch überwuchert im Wald.

30 Holzhütten konnten nachgewiesen werden. Zache stieß auf Fundamente und merkwürdige Umzäunungen, deren Verlauf mehrfach geändert wurde. Im Sommer will der Spatentrupp erneut hinausziehen und nach Hinterlassenschaften und weiteren Spuren suchen.

Läuft alles nach Plan, werden bald kleine Besuchergruppen ins Sperrgebiet stapfen. Begleitet von Führern, sollen sie kontrolliert durch das munitionsverseuchte Gebiet geleitet werden. Ein interner Plan sieht insgesamt sechs verschiedene Routen durch den Raketen-Dschungel vor.

Zache empfiehlt für die Rundgänge schon jetzt festes Schuhzeug. "Peenemünde ist ein Ort zwischen Technikfaszination und Nazi-Terror", erklärt er, "und zugleich ein Zauberwald, in dem Mufflons und giftige Kreuzottern leben."



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.