Raketenabwehr Zehn Jahre für einen lahmen Laser

Gegen primitivste Selbstbau-Raketen sind Militärs machtlos - trotz Hightech. Die Idee eines Abwehr-Lasers haben Israel und die USA nach zehn Jahren Entwicklungsarbeit jetzt aufgegeben. Heute wie damals ist er den Katjuschas der Hisbollah unterlegen.


Zehn Jahre Entwicklungszeit und 300 Millionen US-Dollar Kosten waren zuviel für einen Schutzschild, der die in ihn gesetzten Hoffnungen nicht erfüllte. Still und heimlich haben die Militärs der USA und Israels das Projekt im vergangenen Herbst begraben. Welcher technische Reinfall und welches Millionengrab das Projekt tatsächlich war, kommt erst jetzt ans Licht - auch wegen der aktuellen Krise im Nahen Osten. Denn die Laserkanone, die Israel und die USA gemeinsam bauen wollten, war einmal als Schutz gegen genau jene Katjuscha-Raketen gedacht, mit denen die Hisbollah derzeit Israel beschießt.

Die Idee hinter dem "Taktischen Hochenergielaser" (THEL) klingt zunächst verlockend: Ein sehr starker Infrarot-Lichtstrahl soll Projektile im Flug erfassen und zerstören. Einem Schutzschild gleich sollten THEL-Einheiten Israels Nordgrenze gegen die Katjuschas der Hisbollah abschirmen. 1996 hoben der damalige US-Präsident Bill Clinton und sein israelischer Amtskollege Shimon Peres den Plan aus der Taufe, nachdem Milizionäre - ähnlich wie jetzt wieder - Hunderte Raketen aus dem Südlibanon abgefeuert hatten.

Heute verfügt die Hisbollah offenbar nicht mehr nur über die Katjuschas post-sowjetischer Bauart, sondern über ein Arsenal voller unangenehmer Überraschungen. Doch die Arbeit an THEL wurde ohne viel Aufhebens im vergangenen September eingestellt. In einem Bericht der "New York Times" werden die Gründe genannt. "Ganz ehrlich, seine Leistung war nicht so toll", sagte der ehemalige Pentagon-Mitarbeiter Penrose Albright der Zeitung.

Zwar hatten die Entwickler 2000 und 2002 stolz vorgeführt, wie ein THEL-Prototyp anfliegende Katjuschas und sogar Artilleriegranaten erfasst und zerstört hat. Doch auch in Salven seien dabei nie mehr als zwei Katjuschas gleichzeitig abgefeuert worden, haben Militärangehörige der "New York Times" zufolge eingeräumt. Dabei könne ein Milizionär mit einem Raketenwerfer bis zu 40 Katjuschas in einer Minute abfeuern, sagte der Militäranalyst Yiftah Shapir von der Tel Aviv University.

Offiziell aus Kostengründen eingestellt

Selbst wenn THEL nicht eingestellt worden, sondern heute einsatzfähig wäre, hätte er Nordisrael also kaum Schutz bieten können. Offiziell wurde das Projekt jedoch schlicht wegen seiner hohen Kosten eingestellt, wie ein Sprecher der israelischen Botschaft in Washington sagte.

Ein weiteres Problem des Abwehrsystems: Um seine gewaltige Leistung zu erzeugen, verbraucht der Laser riesige Mengen hochgiftiger Chemikalien und muss nach ein paar Schuss - jeder einzelne kostet 3000 US-Dollar - nachgeladen werden. Keine guten Voraussetzungen für einen Einsatz in besiedelten Gegenden.

Dem Gegner hingegen würde THEL mit einer Größe von sechs Reisebussen ein großes, schwer bewegliches Ziel präsentieren. "Das wäre wie in einer Schießbude", urteilte der Wissenschaftler Subrata Ghoshroy, der das Projekt seit 1996 verfolgt und am Massachusetts Institute of Technology als Militäranalytiker arbeitet.

Der frühere Pentagon-Mitarbeiter Albright zieht nach zehn Jahren Arbeit am Abwehr-Laser ein lakonisches Fazit: "Gegen Raketen kann man einfach nicht viel tun, außer die Abschussgegend zu kontrollieren oder in den Bunker zu gehen."

Rüstungshersteller Northrop Grumman Space Technology stellte indessen just zu Beginn der aktuellen Nahost-Krise eine geschrumpfte THEL-Version vor, das mobile System "Skyguard". Diese Lasereinheit mit einem geschätzten Stückpreis von 150 Millionen US-Dollar soll allerdings nur noch einen Radius von zehn Kilometern abdecken - zu wenig für einen Schutzschild entlang der Grenze. Der Hersteller hat es unter anderem der US-Heimatschutzbehörde angeboten - um US-Flughäfen vor Terrorangriffen zu bewahren.

stx



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