Raltegravir Neues Aids-Medikament bewährt sich in Studie

Mit Medikamenten-Cocktails kann man HIV in Schach halten, die Präparate attackieren das teuflische Aids-Virus an verschiedenen Stellen. In einer Studie hat sich nun ein neuartiges Präparat als wirkungsvoll für die Behandlung der Immunschwächekrankheit erwiesen.


Noch immer gibt es gegen Aids kein Heilmittel, aber man kann das Virus mit Medikamenten in Schach halten. Mit Medikamenten-Cocktails kann man das Virus daran hindern, sich im Körper zu verbreiten. Die verschiedenen Wirkstoffe der sogenannten antiretroviralen Therapie attackieren das Virus dabei an verschiedene Stationen in seinem Lebenszyklus.

Eine typische Medikamentenkombination besteht aus den Wirkstoffen Tenofovir, Emtricitabin und Efavirenz. Alle drei hemmen das Viren-Enzym reverse Transkriptase. Es schreibt das RNA-Erbgut des HI-Virus in DNA um, bevor dieses dann anschließend mit Hilfe des Enzyms Integrase in das Erbgut der Zelle eingebaut wird. Dann beginnt die Versklavung der Zelle zur Virenfabrik.

Ende 2007 wurde in den USA ein neuer Wirkstoff des Pharmakonzerns Merck zugelassen, der das Virus an einer anderen Stelle angreift: Raltegravir hemmt das Viren-Enzym Integrase. Das in DNA übersetzte Viren-Erbgut kann so nicht mehr in die Zell-DNA eingebaut werden. Raltegravir ist damit der erste zugelassene Wirkstoff vom Typ Integrase-Hemmer. Die US-amerikanische Gesundheitsbehörde FDA hatte das Präparat seinerzeit allerdings nur zur Behandlung von HIV-Patienten gestattet, bei denen die herkömmlichen Medikamente aufgrund von Resistenzbildung nicht mehr anschlugen.

In einer neuen klinischen Studie der Phase III, die nun im Fachmagazin " Lancet" veröffentlicht wurde, erwies sich Raltegravir in der Behandlung von HIV-infizierten Patienten als genauso wirkungsvoll wie die bereits etablierten Präparate. Aufgrund der Ergebnisse beschloss die FDA, den Wirkstoff künftig für die Behandlung aller HIV-Patienten freizugeben.

An der von Merck finanzierten Studie hatten 566 HIV-Patienten in 67 verschiedenen medizinischen Einrichtungen auf fünf Kontinenten teilgenommen. Alle Patienten hatten sich neu mit HIV infiziert und mit antiretroviraler Therapie begonnen. Die Studie erstreckte sich vom Jahr 2006 bis zum Jahr 2008.

Zu Beginn hatten alle Patienten mehr als 5000 Kopien des HI-Virus pro Milliliter Blut, die Hälfte sogar mehr als 100.000. Ziel der Therapie war es, die Virenkonzentration bis zur 48. Behandlungswoche auf unter 50 Kopien pro Milliliter zu senken.

Schnellere Wirkung, weniger Nebenwirkungen

Die Patienten wurden zufällig in zwei Gruppen aufgeteilt. Eine Hälfte erhielt täglich 400 Milligramm des neuen Wirkstoffs Raltegravir - zusätzlich zu den Standardmedikamenten Tenofovir und Emtricitabin. Die andere Patientengruppe bekam statt Raltegravir täglich 600 Milligramm des bewährten Wirkstoffs Efavirenz. Weder die Probanden noch die Mediziner wussten, welche Person welche Präparate erhielt.

Das Ergebnis: In der Raltegravir-Gruppe erreichten nach 48 Wochen 86 Prozent der Patienten das angestrebte Ziel, in der Efavirenz-Gruppe waren es 82 Prozent.

Bei den Raltegravir-Patienten sanken die Viren-Konzentrationen zudem schneller: Nach bereits nur vier Wochen hatte die Hälfte dieser Patientengruppe die angestrebte Viren-Menge erreicht, in der Efavirenz-Vergleichsgruppe war das zu diesem Zeitpunkt bei nur einem Fünftel der Fall. Auch die typischen Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Schwindel und erhöhte Cholesterinwerte fielen in der Raltegravir-Gruppe geringer aus.

Fazit der Forscher um Jeffrey Lennox von der Emory University School of Medicine im US-Bundesstaat Georgia: Der neue Wirkstoff Raltegravir ist genauso effektiv wie Efavirenz.

"Die Ergebnisse zeigen, dass wir hier ein wirksames Medikament haben, dass eine gut verträgliche Behandlungsoption für neu diagnostizierte HIV-positive Patienten darstellt", sagte Lennox. Die geringeren Nebenwirkungen im Vergleich zu Efavirenz könnten sich zudem als vorteilhaft erweisen. Allerdings müsse das Präparat eigentlich zweimal täglich genommen werden, in der Studie wurde die Dosis auf einmal gegeben - damit die Probanden nicht den Unterschied bemerkten.

lub



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