SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

14. September 2019, 09:56 Uhr

Anthropologie

Liebe Leserin, lieber Leser,

es ist schlimm, dass es wieder gesagt werden muss, aber unumgänglich, wenn AfD-Obere wie Andreas Kalbitz mit Begriffen wie "Ethnodeutsche" den Rassismus im Land befeuern: Es gibt keine menschlichen Rassen. Oder, um es mit Forschern der Friedrich-Schiller-Universität Jena und der Universität Rostock zu sagen: "Das Konzept der Rasse ist das Ergebnis von Rassismus und nicht dessen Voraussetzung."

Der Satz stammt aus der "Jenaer Erklärung", die Experten jetzt anlässlich des 100. Todestags von Ernst Haeckel veröffentlicht haben. Biologe Haeckel begründete einst in Jena die Stammesgeschichtsforschung, trug jedoch durch seine Klassifizierung von Menschen in einen "Stammbaum" von "Rassen" in fataler Weise zu einem angeblich wissenschaftlich begründeten Rassismus bei.

Die Autoren der "Jenaer Erklärung", Zoologen und Evolutionsforscher, widersprechen dem Gelehrten nun vehement. "Die Verknüpfung von Merkmalen wie der Hautfarbe mit Eigenschaften oder angeblich genetisch fixierten Persönlichkeitsmerkmalen und Verhaltensweisen ist eindeutig widerlegt", schreiben sie. Diese Argumentation heute noch zu verwenden, sei "falsch und niederträchtig".

Tatsächlich ist jeder von uns mit jedem Afrikaner genetisch mindestens genauso eng verwandt wie mit Frau Müller von nebenan. "Es gibt im menschlichen Genom unter den 3,2 Milliarden Basenpaaren keinen einzigen fixierten Unterschied, der zum Beispiel Afrikaner von Nichtafrikanern trennt", schreiben die Autoren.

Nicht einmal der winzigste Schnipsel im menschlichen Erbgut lasse sich ausmachen, der "rassische" Unterschiede begründen könnte. Die größten genetischen Unterschiede seien beim Menschen "innerhalb einer Population zu finden" und nicht "zwischen den Populationen": "Aus stammesgeschichtlicher Sicht sind alle Menschen Afrikaner." Das Konzept von Rassen sei "rein willkürlich" und ein "Konstrukt des menschlichen Geistes".

Zwar würden Begriffe wie "Rasse" heutzutage vermieden, so heißt es weiter, die Ressentiments aber fürderhin gepflegt mit Vokabeln wie "Selektion", "Reinhaltung" oder "Ethnopluralismus". Bei solchen Begriffen handle es sich "um nichts weiter als um eine Neuformulierung der Ideen der Apartheid".

Die Forscher müssen AfD-Mann Kalbitz und seine rechtsradikalen Mitstreiter nicht explizit erwähnen - ihr Papier lässt sich auch so schon verstehen als Anklageschrift gegen die xenophoben Hassredner. Gut, wenn sich auch Naturwissenschaftler mal, selten genug, politisch zu Wort melden.

Herzlich

Ihr Philip Bethge

Feedback & Anregungen?


Abstract

Meine Leseempfehlungen dieser Woche

Quiz*

* Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter.


Bild der Woche

Ein Monument der Hoffnung ist Rhinozeros Fatu, eines der beiden letzten Nördlichen Breitmaulnashörner der Erde. Forscher haben der Kuh vor wenigen Wochen Eizellen entnommen, die nun in einem Speziallabor in Italien mit Samenzellen des 2014 verstorbenen Bullen Suni verschmolzen wurden. Im Brutschrank reiften zwei lebensfähige Embryonen heran, die jetzt in flüssigem Stickstoff ruhen. Forscher hoffen, dass Fatu oder Najin, das andere lebende Exemplar der Nashorn-Unterart, sie eines Tages austragen werden.


Fußnote

291.100 Menschen starben in Europa 2016 an den Folgen übermäßigen Alkoholkonsums, berichtet die WHO. In keiner anderen Weltregion wird so viel Bier, Wein und Schnaps getrunken. Deutschland nimmt dabei einen Spitzenplatz ein, vor allem beim "episodischen Rauschtrinken". Rund die Hälfte der deutschen Männer und 17 Prozent der Frauen konsumieren einmal im Monat mindestens so viel Alkohol, wie fünf Biere oder fünf Glas Wein enthalten.


SPIEGEL+-Empfehlungsliste Wissenschaft

* Quizantworten: seit 118 Jahren: Sie wurde 1901 in der Feuerwache der kalifornischen Stadt Livermore angeschaltet, brennt seither mit vier Watt Leistung vor sich hin und heißt inzwischen "Centennial Light"; hier ist die "BulbCam" dazu / weil ein Teil des mittleren Beinpaares dieses Käfers an einen Bizeps erinnert / französischer Vorschlag von 1976, um Weltraumfahrer zu bezeichnen (aus dem Lateinischen spatium, Raum)

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung