Rauchen in der Kindheit Eine Zigarette verdoppelt das Suchtrisiko

Schon eine Zigarette in der Kindheit verdoppelt einer Studie zufolge die Wahrscheinlichkeit, zum Raucher zu werden. Zum Weltnichtrauchertag fordern Mediziner nun eine nikotinfreie Fußball-WM. Statistiker haben derweil errechnet: Raucher sterben sieben Jahre früher.


Eine ist keine - das gilt nicht, wenn es um Kinder und Zigaretten geht. Nicht nur, dass der Tabakkonsum für Heranwachsende besonders schädlich ist. Schon eine einzige Zigarette im sehr jungen Teenager-Alter erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mensch später zum Raucher wird.

Das ist das Ergebnis einer Studie mit 2000 Schülern aus 36 Schulen aus dem Süden von London. Jennifer Fidler vom University College London hatte Heranwachsende ab elf Jahren befragt: "Rauchst Du oder hast Du schon einmal geraucht?"

Die Ergebnisse sind durchaus beunruhigend. "Wir konnten zeigen, dass solche Schüler, die von nur einem einzigen Mal Rauchen berichtet hatten, unter erhöhtem Risiko standen, im Alter von 14 Jahren Raucher zu sein - selbst wenn sie in den Jahren zuvor nicht geraucht hatten", sagte Fidler der Zeitung "The Guardian".

"Schläfer-Effekt" schon nach einer Zigarette

18 Prozent der 260 Teenager, die mit elf Jahren ein einziges Mal geraucht hatten, waren demnach drei Jahre später regelmäßige Raucher. Bei denjenigen, die mit elf noch keine Glimmstengel-Erfahrung hatten, betrug der Raucheranteil im Alter von 14 Jahren dagegen nur sieben Prozent.

Schon ein flüchtiger Kontakt mit Nikotin steigere also das Risiko, Raucher zu werden, um mehr als das Doppelte, schreiben Fidler und ihre Kollegen in der Fachzeitschrift "Tobacco Control" (2006; 15:2005-9). Und aus diesem Wert seien bereits andere Einflussfaktoren wie das Geschlecht, ethnischer Hintergrund, Entbehrungen, rauchende Eltern und Verhaltensauffälligkeiten herausgerechnet.

Die Wissenschaftler sprechen von einem "Schläfer-Effekt", der sich noch nach Jahren in Phasen von schulischer Überforderung, Stress oder Depression Bahn brechen könne. Der Grund dafür sei unklar, möglicherweise habe der Effekt mit der Wirkung des Nikotins auf das Belohnungszentrum des Gehirns zu tun.

Raucher sterben sieben Jahre früher

Das Statistische Bundesamt in Wiesbaden veröffentlichte unterdessen neue Zahlen zu den gesundheitlichen Folgen des Rauchens in Deutschland. Menschen mit typischen Raucherkrankheiten wie Lungen-, Kehlkopf- oder Luftröhrenkrebs werden im Schnitt 69 Jahre alt, teilte das Amt mit. Die Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2004. Berücksichtige man hingegen alle Todesursachen, liege das durchschnittliche Sterbealter in Deutschland bei 76 Jahren.

Mit fast 40.000 Fällen war Lungenkrebs im Jahr 2004 die häufigste Todesursache, die in Zusammenhang mit Tabakkonsum gebracht werden kann. Seit 2001 stieg diese Zahl von damals 38.525 kontinuierlich an. Lungenkrebs ist mittlerweile die vierthäufigste Todesursache in Deutschland.

Der Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer, Dietmar Oesterreich, sagte, es gebe eine wissenschaftlich belegbare Risikosteigerung bei Krebserkrankungen durch Rauchen. "Allein in Deutschland erkranken jährlich etwa 7650 Männer und 2950 Frauen neu an Tumoren in der Mundhöhle oder im Rachen."

Unter den Deutschen im Alter von 15 Jahren und darüber rauchten im Jahr 2003 etwa jeder dritte Mann und mehr als jede fünfte Frau. Insgesamt waren das 27 Prozent der Bevölkerung. 3300 Tote pro Jahr gebe es in Deutschland durch das Passivrauchen.

Appell für rauchfreie Fußball-WM

Die Deutsche Krebshilfe sprach sich wie auch die Bundeszahnärztekammer für ein Rauchverbot in den Stadien während der Fußball-Weltmeisterschaft aus. "Das Motto 'Zu Gast bei Freunden' muss aus Sicht der Deutschen Krebshilfe bedeuten, dass sich unsere Gäste auf den Gesundheitsschutz verlassen können", sagte Dagmar Schipanski, Präsidentin der Deutschen Krebshilfe. Die Fußball-WM 2002 in Japan und Südkorea sei bereits offiziell rauchfrei gewesen, 2010 in Südafrika werde es ebenso sein.

Am Montag hatte Schipanski einen offenen Brief an den deutschen Cheforganisator Franz Beckenbauer und an Fifa-Präsident Joseph Blatter unterzeichnet und den Fußball-Organisatoren Unterstützung bei der Aufklärungsarbeit angeboten.

stx/dpa/rtr



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