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SPIEGEL

Marco Evers

Zigarettenverkauf in den Niederlanden Schluss mit süchtig

Liebe Leserin, lieber Leser,  

wie man es auch dreht und wendet: Die Ziele der Tabakindustrie und der Gesundheitspolitik sind nicht miteinander vereinbar. Da er es nicht beiden Seiten Recht machen kann, muss der Staat sich also entscheiden - entweder schützt er die Interessen der Tabaklobby oder das Wohlbefinden ihrer potentiellen Kunden. Mittelwege gibt es nicht.

Meiner Meinung nach hat ein verantwortungsbewusster Staat in diesem Konflikt nur die eine Wahl: seine Bürger zu schützen - und nicht das Profitinteresse einer Branche, die jungen Leuten Freiheit und Abenteuer verspricht, ihnen aber tatsächlich und wissentlich Sucht, Krankheit und Tod verkauft. 

Werden also deutsche Konsumenten angemessen geschützt vor der Tabakindustrie? Keineswegs. Wer Zigaretten kaufen will, hat es sehr leicht in Deutschland. Tabak gibt es am Kiosk, im Supermarkt, in der Drogerie, am Imbiss, an der Tankstelle und an circa 300.000 Automaten. Kaum ein anderes Produkt ist im Lande des ansonsten unerbittlichen Ladenschlusses derart leicht verfügbar, 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. 

Zigaretten töten in Deutschland mehr als 120.000 Menschen im Jahr, weltweit bringen sie jährlich über sieben Millionen Frauen und Männer um. Sieben von zehn Rauchern möchten gerne aufhören, sie schaffen es nur nicht - Tabak ist ein überaus starkes Suchtmittel. Und er lockt: an förmlich jeder Ecke; wer aufhören will mit dem Rauchen, der kann den Zigaretten im öffentlichen Raum kaum entgehen.

Zigaretten in einem Kiosk

Zigaretten in einem Kiosk

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Mit diesen Missständen machen zumindest die Niederlande jetzt Schluss. Eine große Mehrheit im Haager Parlament hat die Regierung letzte Woche darauf verpflichtet, die Zahl der Verkaufsstellen für Tabak massiv zu senken. Obwohl sie für die Firmen sehr wichtige Umsatzbringer sind, sollen Zigaretten in den nächsten Jahren aus allen Supermärkten und Tankstellen verschwinden. Das zuvor beschlossene Verbot aller Zigarettenautomaten tritt schon Anfang 2022 in Kraft. 

Zigaretten sind künftig nur noch in vergleichsweise dünn gesäten Fachgeschäften zu kaufen. Im öffentlichen Raum sinkt zudem die Zahl der Orte, an denen gequalmt werden darf; ab Oktober etwa werden auch alle Bahnhöfe rauchfrei sein, so wie bereits viele Sportstätten, Krankenhäuser, Betriebe, Universitäten und Schulen. Die Zigarette, das ist so gewollt, soll in unserem Nachbarland die Aura des Alltäglichen, des Normalen und sozial Akzeptablen vollkommen verlieren.

In Deutschland sind indes Verkaufsbeschränkungen für Zigaretten ein unpopuläres Thema. Im Bundestag haben Abgeordnete vor allem der CDU, aber auch der SPD, lange für das Gegenteil gekämpft: dafür, dass Tabakwerbung auf Plakaten und im Kino legal bleibt. Kein anderer EU-Staat erlaubt der Tabakindustrie noch einen derartigen Zugriff auf seine Bevölkerung. Und obwohl die CDU/CSU-Bundestagsfraktion jüngst Besserung gelobte, ist das entsprechende Gesetz nicht in Sicht.                

Was meinen Sie? Übertreiben die Niederlande, verdienen bedrängte Tabakkonzerne und bedrängte Raucher Schutz vor staatlicher Übergriffigkeit? Oder würden Sie sich wünschen, dass auch Deutschland mehr tut, um Zigaretten weiter und weiter aus dem Straßenbild zu verbannen? Ich bin gespannt auf Ihre Reaktionen.  

Herzlich 

Ihr Marco Evers  

(Feedback & Anregungen? ) 

Abstract 

Meine Leseempfehlungen dieser Woche 

  • Weinflaschen aus den 1840er Jahren. Eine Haarbürste mit zwölf Haaren daran. Küchenutensilien, die Epauletten eines Offiziers, eine bestens erhaltene Zahnbürste, ein Akkordeon: die bislang erfolgreichste Tauchexpedition zu John Franklins 2014 entdecktem Expeditionsschiff HMS Erebus  hat rund 350 Gegenstände zu Tage gefördert. Forscher hoffen, dass diese ihnen helfen, das Schicksal des Polarforschers Franklin und seiner 128-köpfigen Mannschaft besser aufzuklären. 1845 fuhren sie von England los, um in der Arktis die legendäre Nordwestpassage nach Asien zu suchen. Sie scheiterten auf phänomenale Weise, nicht einer von ihnen hat überlebt.  

  • US-Soldaten schützen ihr Gehirn im Kampfeinsatz seit fast 20 Jahren mit dem "Advanced Combat Helmet" (ACH). Forscher haben nun überprüft, was der Kevlar-Kübel wirklich taugt. Ergebnis: Zumindest gegen gefährliche Schockwellen nach Explosionen in unmittelbarer Nähe ist der ACH längst nicht so wirksam wie der "Adrian"  - der 1915 im Ersten Weltkrieg eingeführte Stahlhelm der französischen Armee.

  • Etwa einer von fünf Deutschen glaubt fest daran, dass wir Journalisten unser Publikum systematisch belügen. Das ist die schlechte und für uns immer wieder erschütternde Nachricht. Aber hier kommt die Gute:  Die Zahl derer, die den "Lügenpresse"-Vorwurf entschieden zurückweisen, ist in letzter Zeit massiv gestiegen - von 44 Prozent der Erwachsenen im Jahr 2016 auf rund 58 Prozent im Jahr 2019. Die Glaubwürdigkeit der Medien hat also wieder merklich zugenommen. Dies geht hervor aus der Langzeitstudie "Medienvertrauen", die das Institut für Publizistik der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz durchführt. Etwas weniger erfreulich: Das Misstrauen gegenüber Inhalten in den sozialen Medien ist zwar erheblich - aber in der Tendenz nimmt es ab.

  • Waren Neandertaler stumpfe Holzköpfe oder empfindsame, kulturbehaftete Wesen? Shanidar Z. läßt die Diskussion darüber wieder aufleben. Er - oder sie - war ein Neandertaler, der vor circa 70.000 Jahren in einer Höhle im heutigen Nordirak verscharrt beziehungsweise bestattet wurde. Im Erdreich um seine verbliebenen Gebeine haben Forscher alte Pollen und die Reste von Pflanzenmaterial entdeckt. Die Funde deuten darauf hin, dass Blumen bei der Beisetzung von Shanidar Z. eine rituelle Rolle gespielt haben könnten; vielleicht haben die Hinterbliebenen damit sogar Gefühle von Trauer und Verlust ausgedrückt. Das zumindest schließt entgegen erster Skepsis die Studienleiterin Emma Pomeroy von der University of Cambridge . Die Rehabilitation des Neandertalers als Denk- und Fühlwesen  ist in vollem Gange.

  • Sie wollen das Klima schützen und glauben deshalb, vorzugsweise Lebensmittel aus Ihrer Region kaufen zu sollen? Damit sitzen Sie einem beliebten Denkfehler auf. Was Sie essen, ist für das Klima wichtig, aber nicht, wo es herkommt. Die auf den Lebensmitteltransport entfallenden Emissionen an Klimagasen wie CO2 sind bei nahezu allen Fressalien verschwindend gering . Ob Sie sich nun sonntags ein argentinisches Rinderfilet einverleiben oder ein deutsches Rumpsteak - von der CO2-Bilanz her ist das ziemlich egal. Bedenken sollten Sie vielmehr, dass die Herstellung eines Kilogramms Rindfleisch mit rund 60 Kilogramm CO2 zu Buche schlägt - die Produktion von einem Kilo Erbsen hingegen nur mit einem Kilo CO2.

  • Der deutsche Forschungseisbrecher "Polarstern" driftet derzeit mit dem Meereis durch die hohe Arktis, ein Jahr soll die spektakuläre Mission dauern. Ein russischer Eisbrecher kämpft sich im Augenblick mühevoll zur "Polarstern" hin mit Nachschub und einer frischen Forschungsmannschaft - doch das Eis dort oben ist jetzt selbst für ihn zu dick, wie mein Kollege Christoph Seidler berichtet. Es wird daher länger dauern als geplant, bis die "Kapitan Dranitsyn" das deutsche Schiff in der Finsternis erreichen kann. Und dem überbeanspruchten russischen Gefährt wird dann der Sprit fehlen für seine Heimkehr - weshalb nun ein weiterer russischer Eisbrecher mit Extratreibstoff auf dem Weg nach Norden ist. Nicht erst seit den Tagen von John Franklin gilt: In der Arktis können Pläne noch so gut sein - ganz leicht werden sie wertlos.

Quiz* 

  1. Auf welchem Planeten unseres Sonnensystems herrscht die stärkste Schwerkraft? 

  2. Wann erfolgte der erste militärische Angriff mit einer Rakete? 

  3. Wie viele Muskeln benutzt der Mensch beim Sprechen?

* Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter.

Bild der Woche

Da bist du ja! Für den westlichen Flachlandgorilla sind Wilderer in Teilen Äquatorialguineas eine existenzbedrohende Gefahr. Um zu prüfen, wie groß die Bestände dort überhaupt noch sind, stellten Forscher der Bristol Zoological Society Fotofallen im Regenwald auf. Damit sind ihnen jetzt Schnappschüsse von jungen, offenbar gut gedeihenden Gorillas ­gelungen. Diese äußerst seltenen Bilder könnten nun, so hoffen die Experten, ein Schutzprojekt für die Tiere legitimieren. 

Foto: Bristol Zoological Society /SWNS/ action press

Fußnote  

46.000 

Jahre alt ist ein Vogelkadaver, den eine Forscherin wegen seines sehr guten Zustandes zunächst für ziemlich frischen Ursprungs gehalten hat. Tatsächlich aber lebte die verblichene Ohrenlerche zu Zeiten der Mammuts und der Wollnashörner. Als das Weibchen sein Leben im Nordosten Sibiriens aushauchte, wurde es rasch im schützenden Permafrost eingeschlossen. Wissenschaftler haben das Alter des Federtiers jetzt mithilfe der Radiokarbonmethode ermittelt. Zwei heute lebende Unterarten der Ohrenlerche sind mit der Ahnin aus der Eiszeit sehr eng verwandt.  

SPIEGEL+-Empfehlungen aus der Wissenschaft 

*Quizantworten:  

  1. Auf dem Jupiter. Wer auf Erden 70 Kilogramm wiegt, der brächte dort 177 Kilogramm auf die Waage. 

  2. Der erste überlieferte Raketenangriff datiert vom Jahr 1232. Chinesische Truppen versuchten damals, mit schnell fliegenden Flugkörpern, angetrieben von Schwarzpulver, die Pferde ihrer mongolischen Feinde zu erschrecken.

  3. Mehr als 70.