Tabakkonzerne Liebe Leserin, lieber Leser,


mir ist es nicht anders ergangen als vielen von Ihnen. Als ich 16 Jahre alt war, wollte ich auf dem Schulhof dort stehen, wo die coolen Leute waren. Das war die Raucherecke, und die begann keinen Meter außerhalb des Schulgeländes. Ich fühlte mich da auf Anhieb wohl und tat so, als würden mir die Zigaretten schmecken. Bei den Partys das Gleiche: Wer rauchte, war cooler; einer meiner Mitschüler rauchte eine Mentholzigarette namens Cool, und das war irgendwie am allercoolsten.

So begann meine Suchtkarriere. War es meine Schuld, Raucher geworden zu sein? Vielleicht. Es hatte mich ja niemand dazu gezwungen. Aber heute denke ich anders. Die Tabakindustrie verwendet enorme Ressourcen darauf, junge Nachwuchsraucher zu gewinnen, denn sie weiß: Wer mit spätestens 25 nicht angefangen hat, wird dies nie tun. Die Jüngeren sind ihre Zielgruppe, sie gilt es anzufixen.

In meiner Kindheit, ich bin Jahrgang 1966, hüpfte das sehr kindgerechte HB-Männchen durch das Fernsehprogramm, und der Marlboro-Mann ritt noch ewig über die Leinwand. Das Camel-Kamel fand ich toll. Ein West-Werbeplakat hat mir so gut gefallen, dass ich die Firma anbettelte, mir eines als Tapete für mein Jugendzimmer zu schicken. Mein Wunsch wurde freundlicherweise erfüllt.

Später gab es Raucherkinos, Raucherabteile, in jeder Disco wurde geraucht, auch in jeder Kneipe, und schöne Mädchen verteilten bei Promo-Aktionen Umsonstzigaretten in der Innenstadt.

Bloomberg via Getty Images

In Wahrheit war es in der damaligen Welt für Kinder und Jugendliche sehr schwer, den Tabakherstellern zu entgehen. Und die Erwachsenen sprangen uns auch nicht zur Seite. Niemand hinderte die Tabakkonzerne daran, sich immer neue Fallen auszudenken.

Die Light-Zigarette war so eine. Laut Werbung war sie besonders nikotin- und teerarm, also viel weniger schädlich, weniger süchtig machend. Spaß ohne Reue. Mit der kann man nicht so viel falsch machen, das dachte ich, und Sie dachten das vielleicht auch. Tatsächlich hat es eine risikoarme oder auch nur risikoreduzierte Leichtzigarette nie gegeben. Die Hersteller wussten das. Wir nicht.

Mit 33 Jahren habe ich, nach etlichen Anläufen, endlich aufgehört. Es war sehr schwer, aber es hat geklappt. Jetzt bereue ich, je geraucht zu haben, denn im Ernst: Was hat mir Tabak als Substanz eigentlich gebracht? Gar nichts. Höchstens die kurzzeitige Linderung meiner Entzugserscheinungen. 70 Prozent der Raucher wollen weg von den Zigaretten, sie schaffen es aber nicht. Sucht ist die Basis für ein überaus einträgliches Geschäftsmodell, in dem Faktoren wie Kunden- und Produktzufriedenheit, selbst Anwendungssicherheit, schlicht keine Rolle mehr spielen.

Seither hat sich allerhand getan. Überall in der EU gilt ein Tabakwerbeverbot - mit nur einer Ausnahme: Deutschland. Bedanken Sie sich dafür bei Volker Kauder, der bis September 2018 der CDU/CSU-Bundestagsfraktion vorgesessen hat. Es besteht ein Rauchverbot in der Gastronomie und an den meisten Arbeitsplätzen. Kinder können nicht mehr problemlos am Automaten Zigaretten ziehen. Viele Schlachten wurden gewonnen, aber der Kampf ist längst nicht vorbei. Als Gesellschaft müssen wir auf der Hut bleiben.

Die Zahl der jugendlichen Raucher sinkt seit Jahren - aber die der jungen Nikotinabhängigen steigt zumindest in den USA wieder rapide. Schuld daran ist vor allem eine Firma: Juul Labs aus San Francisco. Seit 2015 stellt sie eine E-Zigarette namens Juul her, einen hübsch anzusehenden Verdampfer nikotinhaltiger Flüssigkeiten mit poppig bunt gestalteten Aromen wie "Mango", "Cool Cucumber" oder "Menthol". In den sozialen Netzwerken aggressiv beworben, wurde das Produkt unter Minderjährigen ein Sensationserfolg: Viele Millionen Highschool-Schüler "juulen" täglich; ihre Zahl ist von 2017 bis 2018 um 78 Prozent gestiegen.

Dies ist in hohem Maße beunruhigend. Weil Juul extrem viel Nikotin enthält, macht es besonders schnell abhängig. Vor allem aus diesem Grund dürfte sich der Tabakkonzern Altria ("Marlboro") unlängst mit fast 13 Milliarden Dollar an dem Start-up beteiligt haben. Altria weiß, dass sich unter Nikotinsüchtigen am leichtesten neue Zigarettenraucher rekrutieren lassen.

Wie konnte das passieren? Warum ließen Eltern, Schulen, Behörden, Ministerien und Parlamente das zu? Hat denn niemand aus der Geschichte gelernt, dass Millionen Menschen früh sterben, wenn die Gesellschaft Nikotinkonzernen freie Bahn lässt?

Mittlerweile beteuern Juul-Manager, keine Jugendlichen mehr anzusprechen; die Firma konzentriere sich auf erwachsene Raucher, die statt Tabak lieber eine risikoärmere E-Zigarette nutzen. Aber wer soll ihnen das glauben? Juul ist, immerhin geringer dosiert, seit etwa einem halben Jahr auch in Deutschland erhältlich. Rasch will die Firma weiter expandieren. Unterdessen geben US-Ärzte zu bedenken, dass Juul neben Lungenschäden auch Herzinfarkte und Schlaganfälle verursachen könnte. Suchtmediziner berichten von sehr stark abhängigen Teenies, deren soziale Entwicklung Schaden genommen habe.

San Francisco versucht nun, den Verkauf von E-Zigaretten an Jugendliche und an erwachsene Raucher ganz zu unterbinden. Applaus dafür. Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO stellt sich gegen E-Zigaretten in jeder Form. Meiner Meinung nach sind Zigarettenkonzerne immer der Ursprung des Problems; wenn sie sich mit neuen Nikotinprodukten wie E-Zigaretten als Teil der Lösung anpreisen, glaube ich ihnen kein Wort. Und Sie?

Herzliche Grüße

Marco Evers
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thatseemsoff 03.08.2019
1. Falsche Rubrik
Lieber Spiegel, sollte ein Artikel in der Rubrik Wissenschaft nicht einen gewissen Anspruch erfüllen um in dieser zu erscheinen? Mal ein Beispiel für einen Debattenbeitrag der die Bezeichnung auch tatsächlich wert ist: https://www.clivebates.com/the-great-american-youth-vaping-epidemic-really/ Auch wenn Artikel in diesem Format hier verständlicherweise nicht diesen Umfang aufweisen können. Der Autor zumindest sollte sich in ebendieser Tiefe mit dem Thema beschäftigt haben, ansonsten hat der Artikel in der Rubrik Wissenschaft leider nichts verloren. Bitte auch einfach mal die Grafik über die Raucherzahlen in der Mitte des Beitrags anschauen. Bei der Hysterie die um das Thema erzeugt wird muss man sich dann letztendlich eine Frage stellen: Cui bono. Diese Frage zu beantworten zu wollen war beim Spiegel vor einigen Jahrzehnten der Anspruch, es wäre wünschenswert der Spiegel würde sich seiner journalistischen Wurzeln besinnen. Versuchen Sie es mal, ich verspreche Ihnen eine sehr interessante Story.
ehsehs 03.08.2019
2. Danke Herr Evers,
Danke für Ihren Beitrag "Tabakkonzerne"! Ich, Jahrgang 1957, habe nach den ersten 100 Zigaretten aufgrund eines Schockerfilmes im Biologieunterricht aufgehört. Ich gehörte nicht zu den "coolen" Schülern, sondern war "vernünftig". Später wurde ich aktiver Streiter gegen das Zwangsberauchtwerden. Das Rauchen war und ist so schlimm in der Gesellschaft verbreitet, dass bis heute der Betriebsrat in meiner Firma schützend die Hand über die Raucher hält. Man musste als aktiver Nichtraucher immer den Kopf einziehen, auch bei Bewerbungen – kein potentieller Arbeitgeber wollte gerne hören, dass ich mich für diese Sache einsetzte. Jetzt tue ich es nicht mehr. Darum nenne ich hier meinen Namen: Eugen Hoppe-Schultze. Ich bin stolz darauf, dass ich 1989 – also vor 30 Jahren - die erste rauchfreie Hochschule Deutschlands bewirkt habe. Es war die damalige Fachhochschule Lübeck. Hier in Rheinland-Pfalz hält die SPD-Politik immer noch ihre schützende hand über die Tabak-Nikotindrogenindustrie: Im Wahlkreis Trier sind zwei Drogenkonzerne mit über 2000 Angestellten tätig, hier haben Frau Ministerpräsidentin Malu Dreyer und Ex-Justizministerin Katarina Barley ihre Wahlkreise. Frau Barley muss man neuerdings zu Gute halten, dass sie sich u. a. auf meinen Druck schriftlich für ein Tabakwerbeverbot ausgesprochen hat. Hoffen wir, das es nicht all zu viele Schlupflöcher im Gesetz geben wird.
mcbeul 03.08.2019
3. Wie immer beim Thema e-Zigarette...
... ein Artikel, der auf den allgemeinen Panik-Zug aufspringt und die Faktenlage völlig ignoriert. E-Zigaretten sind nachgewiesenermaßen das beste Hilfsmittel, um mit dem Rauchen aufzuhören. Und was die angebliche Sucht unter den Jugendlichen in den USA angeht, kann ich mich nur dem Foristen #1 anschließen, der Artikel unter dem von ihm geposteten Link ist wirklich lesenswert.
aurelis 03.08.2019
4. zu 1. falsche Rubrik
das Thema Alkoholismus, könnte ja vielleicht dem Anspruch von "thatseemsoff" genügen. Diese Sucht ist zäher!
burlei 03.08.2019
5. Lieber Herr Evers...
... es wäre schön gewesen, hätten Sie sich einmal über das was Sie so schön nieder machen einmal informiert. Die TPD 2 (https://ec.europa.eu/health/tobacco/products_de) hat schon vor zwei Jahren bei den E-Zigaretten den Auswüchsen wie in den USA einen Riegel vor geschoben. Nikotinhaltige Flüssigkeiten (Liquids) dürfen nur max. 18mg Nikotin/ml enthalten, die "Juul" in den USA enthält 54mg, darf hier also nicht verkauft werden. Unter 18jährige dürfen diese Geräte und Liquids nicht käuflich erwerben, noch nicht einmal so einen Laden betreten. Sie dürfen nicht - im Gegensatz zu den Tabakerzeugnissen - öffentlich beworben werden, bei den Online-Bestellungen werden Alterskontrollen mittels Ausweisabfrage durchgeführt, Paketboten müssen zusätzlich Alterskontrollen durchführen. Das gilt nicht nur für Liquids mit Nikotin, das gilt auch für solche ohne einen Tropfen Nikotin, das gilt für Akkuträger (arbeiten im Prinzip so ähnlich wie eine Taschenlampe und enthalten ebenfalls kein Nikotin) und Verdampfer. Im Gegensatz zu Nikotinpflaster und Sprays haben Nutzer von E-Zigaretten einen geringere Rückfallquote und werden von offiziellen Stellen mittlerweile positiv beurteilt. Ich empfehle Ihnen und allen Interessierten einmal "Konsumgewohnheiten und Motive von E-Zigaretten-Konsumenten in Deutschland – Eine Querschnittsanalyse", Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg (ZIS), veröffentlicht vom Bundesgesundheitsministerium (https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/E/E-Zigarette/161005_Anlage_5-Abschlussbericht_ZIS.pdf) Darin finden Sie auch jede Menge Hinweise zu Studien usw. Die E-Zigarette ist nicht gesund, sie ist für Raucher aber eine ernst zu nehmende Alternative zur Zigarette.
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