Sprachwissenschaft Wie die Rechtschreibreform in die Köpfe kommt

Ist eine Idee zum Scheitern verurteilt, oder setzt sie sich durch? Forscher haben ein Rechenmodell entwickelt, das die Chancen von Neuerungen vorhersagen soll. Ausprobiert haben sie es an einem besonders umstrittenen Fall: der deutschen Rechtschreibreform.
Neuerung in der Rechtschreibung: Manches setzt sich durch, anderes hat keine Chance

Neuerung in der Rechtschreibung: Manches setzt sich durch, anderes hat keine Chance

Foto: AP

Der Delphin musste das ph gegen ein f tauschen, der Panther verlor sein h, der Fluß heißt jetzt Fluss: Derartige Neuerungen stürzten noch vor wenigen Jahren nicht nur Grundschulklassen, sondern auch Verlage in eine Rechtschreibkrise. Medienhäuser, Schriftsteller und Wissenschaftler weigerten sich, die Reform der deutschen Rechtschreibung umzusetzen. Bürgerentscheide sollten das neue Regelwerk kippen, sogar das Bundesverfassungsgericht wurde bemüht. Heute, fast 20 Jahre später, ist die Rechtschreibreform in der Gesellschaft angekommen. Welche Faktoren dafür entscheidend waren, haben Forscher nun mit einem mathematischen Modell gezeigt.

Die Wissenschaftler um Fakhteh Ghanbarnejad und Martin Gerlach vom Max-Planck-Institut für Physik komplexer Systeme in Dresden werteten dazu mehrere Millionen Bücher auf Google Books aus. Mithilfe der Software Ngram  durchsuchten sie einen Teil der digitalisierten Bücher der vergangenen 200 Jahre nach einzelnen Wörtern, aber auch bestimmten Zeichenfolgen. Das Ergebnis ist: eine S-Kurve.

Akzeptanz hat eine S-Kurvenform

Diese S-förmige Kurve sei typisch für den Anpassungsprozess, schreiben Ghanbarnejad und Gerlach im "Journal of the Royal Society Interface" . Sie zeige, dass eine Gruppe zunächst langsam anfange, eine Veränderung wie etwa eine abgewandelte Schreibweise zu akzeptieren. Nach der Eingewöhnungsphase folge ein rascher Anstieg der Neuerung und dann die allgemeine Akzeptanz: Die Kurve flacht wieder ab.

Die Kurve kann stark gestreckt oder gestaucht sein: Manche Veränderungen brauchen einige Jahre, um sich durchzusetzen, andere benötigen Jahrhunderte. Wie schnell es geht, lässt sich nach Angaben der Forscher an inneren und äußeren Faktoren ablesen. "Innere Faktoren beschreiben, wie sich Personen innerhalb einer Gemeinschaft verhalten", erklärt Physikerin Ghanbarnejad. "Sie zeigen, wie stark Menschen voneinander lernen." Zu den äußeren Faktoren gehören beispielsweise ein Regelwerk, nach dem Universitäten und Schulen die Reform umsetzen, oder der Sprachgebrauch in den Medien.

Den Dresdner Wissenschaftlern ist es nun nach eigenen Angaben gelungen, die inneren und äußeren Faktoren zu gewichten, sagt Ghanbarenjad. Mit dem Modell lasse sich so auch ableiten, was in Deutschland maßgeblich zur Akzeptanz der neuen Rechtschreibung beigetragen hat.

Anhand der Doppel-s und ß-Schreibweise konnten die Forscher zeigen, dass die Reform klar durch die äußeren Faktoren in der Gesellschaft angekommen ist. Der Lernprozess von Mensch zu Mensch spielte demnach kaum eine Rolle: Die neue Rechtschreibung war wenig ansteckend, sondern ist dank des äußeren Einflusses von Medien und Regelwerken innerhalb kurzer Zeit umgesetzt worden. Die hitzige Debatte in der Bevölkerung und eine Verweigerung gegenüber der Reform haben als innerer Faktor also keine entscheidende Rolle gespielt.

Modell könnte auch Akzeptanz neuer Technologien vorhersagen

Die Stärke des mathematischen Modells zeigt sich auch in anderen Bereichen. So konnten die Forscher fein abgestuft an weiteren Beispielen zeigen, welche Einflüsse die Entwicklung von Verbformen über Jahrhunderte vorantrieben oder wie die Übertragung russischer Namen ins lateinische Alphabet erfolgte.

Sogar über die Sprachwissenschaft hinaus könnte der Ansatz der Dresdner nützlich sein. "Das von uns entwickelte Modell bezieht sich beispielhaft auf linguistische Daten", erklärt Ghanbarnejad. "Es lässt sich aber ebenso auf andere gesellschaftliche Entwicklungen anwenden, wie die Akzeptanz einer bestimmten Technologie." Auch könne mit ausreichend Daten bereits am Beginn der S-Kurve eine Vorhersage für die weitere Entwicklung getroffen werden. Das eröffnet Möglichkeiten für den Bereich der Konsum- und Marktforschung und für die Wissenschaftskommunikation.

Seit einiger Zeit ist beispielsweise die Verwendung der Begriffe "globale Erwärmung" und "Klimawandel"  in den Fokus  von Klima- und Sprachforschern, aber auch Lobbyisten gerückt. So zeigen Untersuchungen , dass unterschiedlich starke Folgen und Szenarien mit den Begriffen verknüpft werden: "Globale Erwärmung" klingt für die meisten Menschen deutlich dramatischer als "Klimawandel". Das Wort, das sich am Ende durchsetzt, könnte das gesellschaftliche Verständnis und Handeln mitbestimmen.

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