Rechtsmedizin "Die ganze Wahrheit wäre keinem Leser zuzumuten"

Eine Frau mit ausgestochenen Augen, ein totes Mädchen im Karton: In seinem neuen Buch "Der Totenleser" liefert der Forensiker Michael Tsokos einen Blick hinter die Kulissen der Rechtsmedizin. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview sagt er: "Mir ist bewusst, dass das eine Gratwanderung ist."

REUTERS

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem neuesten Werk schneidet ein rachsüchtiger Ehemann seiner untreuen Frau die Augen aus. Ein Vater ermordet seinen Sohn, um die Mutter zu treffen. Sind solche Geschichten nicht Gewaltpornografie?

Tsokos: Mir ist bewusst, dass das eine Gratwanderung ist. Meine Mutter ist auch Ärztin und eine meiner kritischsten Leser. Die hat zu der ersten Version gesagt: "Michael, das Buch kommt auf den Index!" Ich glaube aber nicht, dass ich die Grenze zur Gewaltpornografie überschritten habe. Ich hätte die Fälle viel detailreicher schildern können, habe aber bewusst darauf verzichtet.

SPIEGEL ONLINE: Die Realität ist also noch schlimmer als das, was im Buch steht?

Tsokos: Ja. Mir ist inzwischen klar: Ein Buch mit der ganzen Wahrheit, wie wir Rechtsmediziner sie täglich erleben, würde kein Verlag veröffentlichen und wäre auch keinem Leser zuzumuten.

SPIEGEL ONLINE: Wer sind denn Ihre Leser? Menschen, die sich im Kino Gewaltfilme wie "Saw" angucken?

Tsokos: Die Zielgruppe sind interessierte Laien, die sich für einen realen Blick hinter die Kulissen interessieren und nicht nur die Hochglanzwelt im Fernsehen haben wollen. Wenn Sie mal in die Zeitung gucken, werden Sie fast jeden Tag von so einem Fall lesen. Aber in der Zeitung ist das ein Fünfzeiler, und ich habe auch die Schicksale dahinter aufgeschrieben.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst sprechen im Untertitel Ihres Buches von "neuen, spektakulären Fällen aus der Rechtsmedizin". Wie häufig kommen solche Fälle eigentlich vor?

Tsokos: Das erstaunliche ist: Diese wirklich irren Fälle erleben wir ständig, mit denen könnte ich jedes Jahr ein Buch füllen, und damit meine ich nicht eine Messerstecherei mit zwei Toten. Vieles habe ich gar nicht berücksichtigt. Etwa den Randalierer in der Berliner U-Bahn, der sich an der Haltestange emporgeschwungen hat und die Scheiben im Waggon herausgetreten hat. Einmal hat er zu doll geschwungen, gerät mit seinen Füßen an den entgegenkommenden Zug und wird aus dem Waggon geschleudert. Dann liegt er halb bewusstlos im Gleisbett und der nächste Zug überfährt ihn. Das sind Sachen, über die man den Kopf schüttelt.

SPIEGEL ONLINE: Sie geben viele Details und Fachwissen aus dem Alltag des Rechtsmediziners preis. An manchen Stellen bleiben Sie aber betont vage - etwa, wenn es darum geht, wie man die Szenerie einer Mordtat manipuliert. Warum?

Tsokos: Ich kann natürlich nicht die Gebrauchsanweisung für die Inszenierung eines Tatorts geben.

SPIEGEL ONLINE: Sie wissen aber, wie man den perfekten Mord ausführt?

Tsokos: Ja. Ich habe in 16 Berufsjahren genug Möglichkeiten kennengelernt, ein Tötungsdelikt zu begehen, ohne dass überhaupt vermutet wird, dass es sich um ein Tötungsdelikt handelt. Aber diese Büchse der Pandora dürfen wir Rechtsmediziner nicht öffnen.

SPIEGEL ONLINE: Leidet die Plausibilität von Serien wie "Tatort" oder "CSI" darunter, dass sie nie darstellen können, wie es wirklich ist, um nicht potentielle Verbrecher auf dumme Gedanken zu bringen?

Tsokos: Nein, die leiden aus meiner Sicht darunter, dass Methoden dargestellt werden, die es gar nicht gibt. Man hat den Eindruck, die werden nicht von Fachleuten beraten.

SPIEGEL ONLINE: Wurden Sie schon von Filmproduzenten um fachkundigen Rat gebeten?

Tsokos: Ich war mal bei den Dreharbeiten zum Münsteraner "Tatort". Jan Josef Liefers hatte mich eingeladen und auch ein paar Fragen gestellt, aber ich war nicht als Berater da. Inzwischen hat es einige Anfragen gegeben, aber das ist zeitlich gar nicht möglich. Das wäre ein eigener Job für sich. Das ist nicht meine Aufgabe, als Hochschullehrer Filmteams zu beraten.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie sich eigentlich Krimis im Fernsehen an?

Tsokos: Das kommt schon vor. Aber ich mag zum Beispiel nicht diese Geschichten über Serienkiller, die immer ganz schlau sind und angeblich über ein Hintergrundwissen verfügen, das man nur haben kann, wenn man Jahrzehnte mit offenen Augen in meinem Beruf gearbeitet hat.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man der Darstellung im Fernsehen glauben darf, klären Rechtsmediziner mindestens so viele Verbrechen auf wie die Polizei.

Tsokos: Es wird oft so dargestellt, als würden die Rechtsmediziner die Fälle lösen. Wobei auch die Grenzen zwischen Rechtsmedizin und Polizei in vielen Serien verschwimmen. Bei den Amerikanern gibt es ja tatsächlich Kriminaltechniker, die bei den Sektionen dabei sind und sich auch um Fingerabdrücke und DNA-Proben kümmern und auch noch Verdächtige verhören.

SPIEGEL ONLINE: Und in Deutschland?

Tsokos: In Deutschland sind wir nur ein Puzzlestein, und der einzelne Rechtsmediziner ist in einem Team von Wissenschaftlern eingebunden: Genetiker, Toxikologen, Obduzenten und andere. Da gibt es nicht diesen einen hervorstehenden Helden, der mit hellseherischen Fähigkeiten und fachübergreifendem Wissen alles überstrahlt. Das ist reine Teamarbeit. Und überführt wird der Täter von der Polizei.

SPIEGEL ONLINE: Anders als Polizisten werden Rechtsmediziner selten mit der Waffe bedroht. In Ihrem Buch erfährt der Leser allerdings, dass es durchaus Berufsrisiken gibt.

Tsokos: Ja, ich kenne einige Kollegen, die schwer an Tuberkulose erkrankt und längere Zeit ausgefallen sind. Natürlich sind wir auch durch Hepatitis und HIV gefährdet, wie jeder Chirurg. Ich erinnere mich aber auch an einen Rechtsmediziner aus Hamburg, der zehn Jahre lang mit einer Pistole durch die Gegend rannte, weil er nach einem Hells-Angels-Prozess Morddrohungen gekriegt hatte.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch ist nachzulesen, dass Sie in heiklen Fällen ausgesagt und Gutachten vorgelegt haben, die zu Ungunsten der Angeklagten ausgefallen sind, beispielsweise in einem Prozess gegen Mitglieder der Russenmafia. Wurden Sie schon mal bedroht?

Tsokos: Nicht nach einem Prozess. Aber die Mitarbeiter der Berliner Rechtsmedizin sind zwei Jahre lang von einem Stalker verfolgt worden, der sich in einem Gutachten ungerecht beurteilt fühlte. Der hat uns rund um die Uhr massiv belästigt.

Das Interview führte Frank Thadeusz

insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
evida 13.09.2010
1. Ganz sicher nicht "Saw"
So gerne ich Dokutainments aus dem Bereich Rechtsmedizin in Ergänzung zu meinen Interessen Biologie / Medizin und Krimis lese - so wenig bin ich in der Lage Filme zu gucken, in denen die Gewalt, die Folter und auch das Leiden daran tatsächlich dargestellt werden. Gerade weil ich mir vorstellen kann, wozu Menschen fähig sind, verstehe ich diejenigen Menschn überhaupt nicht, die das Leiden der Opfer (und wenn es auch nur von SchauspielerInnen dargestellt wird) sehen wollen! Das Gute an einem Buch ist ja gerade, dass ich es zuschlagen kann, wenn es mir zu viel wird. Und dass die Buchstaben nie zu so mächtigen Bildern werden, wie eine gute Regisseurin, ein guter Regisseur darzustellen weiß. Menschen, denen die Empathiefähigkeit abgeht, die einem offensichtlich fehlen muss, wenn man Filme wie "Saw" oder "Hostel" freiwillig sieht und genießt, machen mir Angst.
Teebeutelchen 13.09.2010
2. Blanker Hohn
Zitat aus dem SPON-Interview: "Die Zielgruppe sind interessierte Laien, die sich für einen realen Blick hinter die Kulissen interessieren und nicht nur die Hochglanzwelt im Fernsehen haben wollen." Wie schön, dass unsere Gesellschaft aus so vielen "interessierten Laien" besteht, die fernab von Sensationsgier, Voyeurismus und Gruselschauer mal so richtig ernsthaft erfahren wollen, wie das denn so ist in einer Gerichtsmedizin. Glaubt der Mann etwa, was er da sagt? Ich persönlich halte es für widerlich, mit so einem Thema, hinter dem tragische Schicksale stehen, Geld zu machen.
GinaBe 13.09.2010
3. Seelische Hornhaut- nein danke!
Zitat von TeebeutelchenZitat aus dem SPON-Interview: "Die Zielgruppe sind interessierte Laien, die sich für einen realen Blick hinter die Kulissen interessieren und nicht nur die Hochglanzwelt im Fernsehen haben wollen." Wie schön, dass unsere Gesellschaft aus so vielen "interessierten Laien" besteht, die fernab von Sensationsgier, Voyeurismus und Gruselschauer mal so richtig ernsthaft erfahren wollen, wie das denn so ist in einer Gerichtsmedizin. Glaubt der Mann etwa, was er da sagt? Ich persönlich halte es für widerlich, mit so einem Thema, hinter dem tragische Schicksale stehen, Geld zu machen.
Diese Ansicht unterstütze ich, erweitere sie um die Perspektive einer Abstumpfung der menschlichen Seele, die durch den KONSUM gewaltmäßiger Einwirkungen via Film und TV echte Empfindungen nicht mehr wahrnehmen kann. Es muss abhärten, wenn diese Bilderflut bestialischer Folterungen und defiziler Morde durch die visuelle Gestaltung der Regie zu dem Innersten des Menschen vordringt und dort Einkehr hält, zwar abstrahiert, und nur gestellt, aber durchaus sich an wahren Vorbildern anlehnend, die eine richtige Unterscheidung zwischen Realität und Fiktion unmöglich macht und einmal mehr die Differenz zwischen Leben und Traum, Vision und Halluzination, Einbildung und Phantasie verschleiert und verwischt. Es hat bereits Kinder gegeben, die getötet haben, um es nur harmlos auszuprobieren, was passiert, wenn.... Sie hatten es im Fernsehen gesehen. Oder ist es Absicht, dass Menschen durch allmögliche Abhärtung eine so dicke seelische Hornhaut bekommen sollen, daß sie die Roheit und Brutalität in der Welt nicht mehr sehen?
Acerb 13.09.2010
4. Bigot
Zitat von TeebeutelchenZitat aus dem SPON-Interview: "Die Zielgruppe sind interessierte Laien, die sich für einen realen Blick hinter die Kulissen interessieren und nicht nur die Hochglanzwelt im Fernsehen haben wollen." Wie schön, dass unsere Gesellschaft aus so vielen "interessierten Laien" besteht, die fernab von Sensationsgier, Voyeurismus und Gruselschauer mal so richtig ernsthaft erfahren wollen, wie das denn so ist in einer Gerichtsmedizin. Glaubt der Mann etwa, was er da sagt? Ich persönlich halte es für widerlich, mit so einem Thema, hinter dem tragische Schicksale stehen, Geld zu machen.
Schon längst passiert und Beteiligte anonymisiert - was soll's? Hätte er ein, zwei Fakten geändert, wär's dann OK gewesen? Schauen Sie "Pannenvideos" auf SRTL und lachen dabei? Ist das in Ordnung, weil keiner verletzt wird - zumindest ernsthaft? Dass Gewalt eine Unterhaltungsform ist, wird von solchen Leuten dementiert/verleumdet, die für gewöhnlich bei weiteren menschlichen Bedürfnissen/Eigenschaften Defekte aufweisen.
Teami 13.09.2010
5. Für Interessierte sicherlich gut...
Sicherlich wird es einige gewaltgeile Personen geben, die sich solche Bücher antun, weil es ihnen ein Kick gibt. Ich denke aber, dass die breite Masse der Leute, die auf so etwas "abfahren", doch eher bei visuellen Darstellungen per Kinofilm bleiben. Bücher die in dieser Form beschreiben, wozu der Mensch fähig ist, haben in der Tat eher Interesse für Leute, die die Hintergründe begreifen wollen. So ist es beispielsweise sehr interessant, nicht unbedingt zu lesen, wozu der Mensch als solches fähig ist, sondern wie sich dies gerichtsmedizinisch feststellen lässt. Ich habe selbst im Zuge meines Rechtswissenschaftsstudiums einen Kurs mit dem schönen Titel "Gerichtsmedizin für Juristen" besucht. In diesem Kurs wurden Leichen obduziert, um gerichtsmedizinische Gutachten zur Todesursache zu erstellen. Sinn des Kurses war es, den zukünftigen Juristen klar zu machen, wie ein Gerichtsmedizinisches Gutachten entsteht, wie hypothetisch einiges Schlussfolgerungen sind und wie gesichert andere. Einen solchen Einblick kann ich aus heutiger Sicht nur jedem angehenden Juristen, der vor hat irgendwann im Strafrecht zu arbeiten, empfehlen. Man erkennt, dass Wissenschaft nicht unfehlbar ist und dass viele Dinge, die das öffentliche Halbwissen als gesichert sieht, völlig neben der Wahrheit liegen.
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