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29. April 2009, 13:08 Uhr

Reduzierte Fallzahlen in Mexiko

Erste Zweifel an Gefährlichkeit der Schweinegrippe

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159 Schweinegrippe-Tote hatte Mexiko gemeldet, doch plötzlich ist nur noch von sieben die Rede. Die Krankheit sei damit womöglich nicht gefährlicher als eine normale Grippe, sagen Experten - geben aber keine Entwarnung.

Neue Zahlen sorgen für Verwirrung um die Schweinegrippe. Mexiko, das Ursprungsland der Seuche, schien bisher mit Abstand am schwersten betroffen zu sein: 2500 Verdachts- und 159 Todesfälle meldeten die Behörden als Folge der Schweinegrippe. Jetzt aber hat das Gesundheitsministerium in Mexiko-Stadt diese Zahlen drastisch nach unten korrigiert - auf ganze 26 Infektionen, von denen nur sieben zu Todesfällen geführt hätten. Ist das Schweinegrippe-Virus womöglich viel weniger gefährlich als gedacht?

Alexander Kekulé, Mikrobiologe an der Universität Halle, erklärt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE die Zahlendiskrepanz so: "Die Diagnose des A/H1N1-Virus ist schwierig und unter den mexikanischen Gesundheitsbedingungen nicht möglich." Die Bestätigungen der Todesfälle durch Schweinegrippe mussten daher in kanadischen Labors durchgeführt werden - und anschließend waren die Zahlen deutlich kleiner.

Sigrun Smola, Direktorin des Instituts für Virologie in Homburg, sieht das im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE ähnlich: "Die WHO hatte sich mit den Todesfällen in Mexiko bisher nie festgelegt, sprach immer von berichteten Fällen. Jetzt hat man die bestätigten Zahlen."

Doch woher kommen die restlichen der insgesamt 159 Todesfälle? Für Kekulé ist die Sache klar: "Das sind die ganz normalen Todesraten in einem Schwellenland." Nicht jeder, der an einer Lungenerkrankung sterbe, sei gleich ein Epidemieopfer. Es könnte sein, dass das Virus möglicherweise doch nicht so gefährlich ist wie gedacht. "Im Vergleich zum Vogelgrippe-Virus, das eine hohe Virulenz aber eine geringe Übertragungsrate von Mensch zu Mensch besaß, scheint es bei diesem neuen Virus eher umgekehrt zu sein", sagt Smola.

Kekulé, der auch Mitglied in der Schutzkommission beim Bundesminister des Inneren ist und die Bundesregierung bei Katastrophenfällen berät, mahnt zur Wahrung der Verhältnismäßigkeit. Von 2500 Verdachtsfällen sei bislang die Rede. Die Dunkelziffer noch nicht erkannter Infektionen werde üblicherweise auf rund das Zehnfache geschätzt. Gehe man also von etwa 25.000 Ansteckungen und sieben Todesfällen aus, komme ein Toter auf 3000 Infizierte. Das sei weniger als bei einer normalen Influenza. "Da haben Sie etwa einen Toten pro 1000 Infizierte", sagt Kekulé. "Das neue Virus wäre damit also nicht sehr aggressiv." Dazu passe die Tatsache, dass außerhalb Mexikos bislang nur ein einziger Todesfall aufgetreten ist - ein Kleinkind.

Wirkliche Pandemie-Viren sind laut Kekulé viel aggressiver: Rund vier von tausend Infizierten würden sterben. Zudem sei auch noch überhaupt nicht bewiesen, dass das Schweinegrippe-Virus bevorzugt Menschen mittleren Alters befällt.

Also alles ein Fehlalarm? Nicht unbedingt, meint Kekulé. "Die mexikanischen Behörden hatten wohl wenig Daten zur Verfügung", so der Virologe. Das Verhalten von Experten und Behörden hält er aber für richtig: "Man war einfach vorsichtig." Von einem Fehlalarm will auch Smola nicht sprechen: "Bei einem neuen Virus, das aus verschiedenen tierischen Komponenten besteht, gibt es immer die Gefahr, dass die Menschheit nicht vorbereitet ist." Zudem: "Influenza-Viren verändern sich ständig und schnell", sagt Smola.

Entwarnung wollen daher weder sie noch Kekulé geben. "Man muss das Virus im Auge behalten", sagt Kekulé. Grund zur Sorge bestehe laut Smola aber nicht: "Deutschland ist gut vorbereitet. Wir haben durch die Vogelgrippe viel gelernt."

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