Was auf Tagungen wirklich geschieht Kinder, wie die Zeit nicht vergeht

Tagungen folgen faszinierenden Ritualen: Man darf Wein trinken, aber nicht aufs Namensschild glotzen. Wer sind die Einsamsten, wer redet am meisten? Und was machen Fadfinder und Losmüsser? Eine Gebrauchsanweisung.

Seit 20 Jahren  besuche ich Wissenschaftstagungen, auf denen im besten Fall neues Wissen der Menschheit präsentiert wird, oder aber schlichte Gedanken mit gewaltigem Aufwand in ermüdende Reden verpackt werden. Nur Eingeweihte bekommen üblicherweise eine Ahnung von der Dramatik dieser Veranstaltungen und ihrer mysteriösen Rituale.

Kürzlich war ich auf der Jahrestagung der European Geosciences Union (EGU), anlässlich derer ich einen Einblick geben möchte in die faszinierende Welt der Wissenschaftskonferenzen.

"Jetzt aber tagt's! Ich harrt und sah es kommen." (Hölderlin)*

"Eine wissenschaftliche Konferenz ist eine Tagung für Wissenschaftler, auf der diese ihre Arbeiten und Erkenntnisse vorstellen und untereinander diskutieren können." (Wikipedia)

Konferenzen sind das, was der Pausenhof für Schüler ist. Teilnehmer möchten den eigenen Ruf verbessern, neue Freunde finden, herausbekommen, an was die anderen forschen, Tratsch oder möglichst Streit aufschnappen. In den Vorträgen geht es um Wissenschaft, aber drumherum herrscht uneiliges, ferienheiteres Durcheinander.

Die wichtigste Benimmregel

"Wissenschaftliche Konferenz (Symposium, von altgriechisch sympósion 'Gastmahl', ' Tischgesellschaft')." (Wikipedia)

Sie gehen aufeinander zu, schütteln sich die Hand, blicken sich in die Augen - doch dann geschieht es: Bevor sie sich ansprechen, schnellt der Blick des einen Wissenschaftlers abwärts. Er starrt auf das Namensschild, das dem anderen brustbeutelartig am Hals baumelt. Es ist ein Verstoß gegen die wichtigste Regel in den Tagungshallen: Aufdringliches Namensschildglotzen ist des Teufels.

Die größten Gruppen versammeln sich um Umsonstnahrung, um Kaffee- oder Trinkwasserstationen, um belegte Brote, deren Käsescheiben traurig die Ecken hängen lassen.

Getränkeausschank auf der EGU-Tagung

Getränkeausschank auf der EGU-Tagung

Foto: SPIEGEL ONLINE

Unterhaltungen verlaufen in einer eigenen Wissenschaftstagungssprache, einem gebrochenen Englisch, das einen kleinen Wortschatz, dafür aber Hunderte unterschiedliche Akzente umfasst und nach einer Woche unerträglich wird. There we have the salad.

Ein Requisit verrät Konferenzteilnehmer schon am Flughafen: die Postertasche, eine lange Röhre.

Geoforscherin Julia Meister auf der EGU-Tagung

Geoforscherin Julia Meister auf der EGU-Tagung

Foto: SPIEGEL ONLINE

Das in der Tasche eingerollte Poster wird auf der Tagung ausgestellt, es präsentiert die Forschungsergebnisse in anschaulicher Form.

Foto: SPIEGEL ONLINE

Posterboys und Postergirls

"Alternativ oder zusätzlich zum mündlichen Vortrag wird oft die Möglichkeit angeboten, ein Poster zu präsentieren." (Wikipedia)

Eine der betrüblichsten Anblicke auf Tagungen ist der Forscher, der unbeachtet vor seinem Poster steht, inmitten des Posterwändewalds. Zuflucht findet er an der Weinausgabe, die am Nachmittag eröffnet mit Hunderten gefüllten Plastikbechern. Sie verleihen den Posterräumen ihr prägnantes Bouquet.

Posterausstellung auf EGU-Tagung in Wien

Posterausstellung auf EGU-Tagung in Wien

Foto: SPIEGEL ONLINE

Die Kleidung

Der Dichter Peter Rühmkorf schrieb über die Beschäftigung mit der Natur: "Und jetzt gehen wir doch noch über in einen Bereich, wo die Kultur ihr Recht verloren hat und keine Kritik mehr zuständig ist." Naturwissenschaftler betonen den Umstand mit ihrer Kleidung (Funktionskleidung, immer bereit für die große Expedition). Journalisten sympathisieren mit der Wissenschaftlermode, endlich ist man mal nicht der am schlechtesten Gekleidete.

Posterraum auf der Wiener EGU-Tagung

Posterraum auf der Wiener EGU-Tagung

Foto: SPIEGEL ONLINE

Im Seminarraum - Kinder, wie die Zeit nicht vergeht

"Bei größeren Konferenzen ist es üblich, Vortragsreihen zeitgleich in sogenannten Sessions anzubieten. In der Regel werden Forschungsarbeiten in kurzen, sachlich gehaltenen Referaten von etwa zehn bis 30 Minuten Länge vorgestellt." (Wikipedia)

Kurioserweise leiden ja ausgerechnet jene, die viel wissen, darunter, nicht noch mehr zu wissen, sodass ihnen die strahlende Selbstverständlichkeit der Halbwissenden fehlt. Wohl deshalb versprühen Fachvorträge selten Euphorie.

In einem typischen Seminarraum einer großen Tagung blicken ein paar Dutzend Forscher gedankenvoll oder gedankenverloren - ihre genaue Verfassung lässt sich nicht bestimmen - auf eine Kollegin, die in schwer verständlichem Wissenschaftsenglisch mit ruhiger bis sehr ruhiger Stimme eine Studie vorträgt, die der Dramaturgie traditioneller Schulbuchregie folgt, also keiner.

Der Titel (zum Beispiel: "Neotethys-Schließung und die Entwicklung transgressiver Pop-up-Struktur") genügt als Anheizer, er liefert den gesamten Vortrag lang den einzigen Hinweis auf die Bedeutung des Stoffs. Andeutung von Kontext gilt als unseriös, Fachbegriffe bilden das sichere Fundament jedes guten Vortrags.

Den Vorwurf, zugespitzt, plakativ oder gar anschaulich zu berichten, wie er gegenüber Journalisten erhoben wird , brauchen sich Wissenschaftler nicht anhängen zu lassen.

Die Powerpoint-Präsentation an der Leinwand zeigt eng und klein beschrieben Zahlen, Grafiken und Definitionen, die die eingeweihten Kollegen im Raum selbstverständlich verstehen könnten, sofern sie jeden Versuch aufgeben würden, den Worten der Vortragenden folgen zu wollen.

Seminar auf der EGU-Tagung in Wien

Seminar auf der EGU-Tagung in Wien

Foto: SPIEGEL ONLINE

Die Diskussion - Frontalangriff und Scheinfrage

"An die Referate schließt sich eine Diskussionsmöglichkeit an (meist drei bis fünf Minuten)." (Wikipedia)

Alle Vorträge überschreiten das Limit, so bleibt bestenfalls Zeit für zwei kurze Fragen - beziehungsweise als eigene Beiträge getarnte Fragen, schließlich gilt auf Konferenzen die Maxime: Nicht zuhören und lernen, sondern reden und angeben.

Es geht darum, das eigene Anliegen möglichst geschickt in eine Scheinfrage zu verwandeln: "Interessanter Vortrag, aber wie sieht es denn in anderen Fällen aus? Zum Beispiel..." Nun lässt sich das eigene Thema ausbreiten.

Ebenfalls beliebt ist der versteckte Frontalangriff, um dem Auditorium die eigene Überlegenheit in Erinnerung zu rufen: "Mmh, aber wie definieren Sie denn X?" Zurücklehnen, Kopf aufrichten, Arme verschränken und Stirn in Falten legen. Eine Debatte um Definitionen stellt die Voraussetzungen einer Studie infrage, sodass man elegant die eigene als bessere Alternative einbringen kann.

Ein Ideenaustausch findet nicht unbedingt statt. Die Wahrheitssuche auf Tagungen verlaufe - so hat es mal ein Klimaforscher formuliert -, als würden Polizisten ohne Absprache einen Mörder suchen, und jeder Polizist würde in eine andere Richtung gehen, ohne die Suche zu koordinieren.

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Die zehn wichtigsten Typen im Auditorium

  • der Fadfinder (gähnt mit leeren Augen),
  • die Kennerin (grinst eingeweihtheitsselig),
  • der Spötter (schweigt und blickt süßsauer),
  • die Esserin (knackend, schmatzend, Tüten knüllend),
  • der Schläfer (manchmal schnarcht er),
  • die Laut-auf-dem-Laptop-Tipperin,
  • der Toilettengeher,
  • die Lautflüstererin,
  • der Zuspätkommer,
  • die Haustiermitbringerin.

Die zehn wichtigsten Typen auf Podien

  • der Karrierist (doziert in geölter Sprache mit kalten Augen im Dreiteiler),
  • die Leidenschaftliche (sprudelnde Rede mit funkelnden Augen),
  • der Erbsenzähler (selbst wenn er recht hat, hat er unrecht),
  • die Sendungsbewusste (stellt nie auf Empfang),
  • der Ungnädige (bellt sogar Jungforscher an),
  • die Zitiererin: "Zitat" - ausdauerndes Vorlesen - "Zitat Ende",
  • der Geniedarsteller (macht Kennermiene zu allem),
  • die Monotone (spricht in nur einer Stimmenlage),
  • der Losmüsser (entschuldigt sich wortreich, um auf wichtige Verpflichtungen hinzuweisen),
  • die Leisesprecherin (psssst).

Die Viertypen-Regel der Debatte

"Zur Eröffnung einer Konferenz und zur Einführung in spezifische Fachgebiete werden oft Plenarvorträge (Keynotes) von etwa einstündiger Dauer von anerkannten Kapazitäten in den jeweiligen Gebieten dargeboten." (Wikipedia)

Beliebt sind Podiumsdiskussionen, zu denen bekannte Forscher eingeladen werden, was die Anziehungskraft der Veranstaltung erhöht und der Meinungsfreudigkeit auf dem Podium nützt. Auch in der Wissenschaft gilt die Viertypen-Regel der Debatte:

Typ 1) Jene, die viel wissen, bleiben stumm - weil ihnen keiner folgen kann.

Typ 2) Jene, die Ahnung haben, zweifeln - weil sie Widersprüche sehen.

Typ 3) Jene, die ein bisschen wissen, ergreifen Partei der Starken - weil sie auf der sicheren Seite sein wollen.

Typ 4) Jene, die keine Ahnung haben, kommentieren - damit alle glauben, sie wüssten am besten Bescheid.

Naturgemäß sind auf den Podien auf Wissenschaftstagungen Typ 3 und Typ 4 anzutreffen.

"Große Debatte" auf der EGU-Tagung

"Große Debatte" auf der EGU-Tagung

Foto: SPIEGEL ONLINE

Der Presseraum - "könnte das gefährlich werden"?

Größere Konferenzen stellen einen Raum für Journalisten zur Verfügung, in denen auf Pressekonferenzen Wissenschaftler Forschungsergebnisse vorstellen, deren Relevanz nicht selten darauf beruht, dass sie auf jener Pressekonferenz vorgestellt werden. Die Forscher halten wortgleich ihren Vortrag, den sie auf der Tagung bereits bei ihren Kollegen erprobt haben.

Damit gelingt ihnen, was sonst nur Nordkoreas Machthaber schaffen: Journalisten zum Schweigen zu bringen. Werden nach Pressekonferenzen normalerweise drängelnd Fragen gestellt, herrscht nach Pressekonferenzen auf Wissenschaftstagungen meist ratlose Stille - bis ein Journalist sich zu der bewährten Frage aufrafft: "Okay. Könnte das gefährlich werden?"

Medienraum auf der Wiener EGU-Tagung

Medienraum auf der Wiener EGU-Tagung

Foto: SPIEGEL ONLINE

Einige Konferenzveranstalter haben Medienprofis angestellt (oder welche, die sich als solche präsentieren). Manchmal gelingt es den Kommunikationsleuten gegen den Willen der Forscher immerhin, die Überschriften der Pressekonferenzen zu ändern. Geht es etwa um Luftverschmutzung, heißt es dann wahrscheinlich: "Es liegt was in der Luft."

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Ende

"Ausgearbeitete Veröffentlichungen werden nach der Konferenz oft als Tagungsband, 'Proceedings' oder in einem wissenschaftlichen Journal veröffentlicht." (Wikipedia)

Der Tagungsband, der später die Vorträge der "Kick-off-Treffen", "Jahrestagungen" oder "Workshops" zusammenfasst, bietet gerade ideenärmeren Gelehrten die Möglichkeit eines "Beitrags" für ihre Veröffentlichungsliste.

Wissenschaftlern fehlt die Zeit, die Bände zu lesen, schließlich müssen sie Veröffentlichungen publizieren. Der Druck zur unentwegten Publikation sei das Erfolgsgeheimnis der Wissenschaft, hat Peter Gruss jüngst verraten, seinerzeit Präsident der Max-Planck-Gesellschaft: "Wenn man Dauerstellen direkt im Anschluss an die Doktorarbeit vergibt, gibt es viele, die dann nicht mehr entsprechende Höchstleistungen erbringen", sagte er der "FAZ".

Nach unbezahlten Nachtschichten, Wochenenden im Labor und einsamen Mensamahlzeiten hoffen Wissenschaftler einem Ereignis entgegen, auf dem sie endlich fröhlich Austausch pflegen können: der Wissenschaftskonferenz.

*Klassikerzitat sichert Glaubwürdigkeit

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