Regierung zu H5N1 "Impfung ist keine Lösung"

Die Vogelgrippe-Fälle auf Rügen werden nicht die einzigen bleiben, befürchtet Agrarminister Seehofer. Für Verbraucher bestehe aber derzeit keine Gefahr, jetzt gelte es vor allem, ein Überspringen des Virus auf Nutztiere zu verhindern.


"Jeder Eintrag des Virus in die Nutztierhaltung erhöht automatisch auch die Gefahr für den Menschen", sagte Bundesverbraucherschutzminister Horst Seehofer (CSU) bei einer Regierungserklärung in Berlin. Seehofer sagte unter Verweis auf die Ausbreitung des Vogelgrippe-Erregers H5N1 in mehreren Ländern der Europäischen Union: "Wir rechnen auch mit weiteren Fällen in der Bundesrepublik Deutschland."

Seehofer erklärte, Experten des Friedrich-Loeffler-Instituts hätten erneut den Befund bestätigt, dass auf Rügen H5N1 aufgetreten sei. Er sagte, dass es sich "um einen Subtypen handelt, wie er erstmals im letzten Jahr in China bei Wildvögeln registriert wurde".

"Fernhalten von Geflügeln ist der beste Schutz", sagte der Minister. Dies gelte besonders für tote Vögel. Eltern sollten ihre Kinder entsprechend informieren. Dann gebe es für den Verbraucher keine Gefahr. Auch seine Nachredner verwiesen im Bundestag darauf, dass für Menschen derzeit keine Gefahr bestehe.

Nach dem Schutz der Menschen komme für die Regierung die Sorge, dass H5N1 nicht von Wild- auf Nutztieren übertragen werden. Die Stallpflicht für Geflügel sei hier die "wirksamste Maßnahme". Veterinäre seien zudem unterwegs, um auch Nutztiere zu untersuchen. "Jeder Eintrag des Virus in die Nutztierhaltung erhöht automatisch auch die Gefahr für den Menschen", sagte der Minister.

Seehofer gegen Tierimpfung

Eine Impfung sei keine Lösung. "Länder, die Impfung betrieben haben wie etwa China, haben eher das Seuchengeschehen vergrößert", sagte Seehofer. Er verwies auf die Gefahr der "Verdeckung": Bislang erhältlicher Impfstoff für Geflügel mache es unmöglich, zwischen einem geimpften und einem infizierten Tier zu unterscheiden. 

Untersuchungen haben zudem belegt, dass geimpfte Tiere das Virus weiterverbreiten können, ohne selbst daran zu erkranken. In zwei Jahren, so Seehofer, werde voraussichtlich ein besserer, sogenannte Marker-Impfstoff zur Verfügung stehen, an dem zur Zeit intensiv geforscht werde.

Risiko Vogelzug

Der Fund eines Habichts und zweier Schwäne mit H5N1 auf der Insel Rügen hatten die Experten überascht. Horst Seehofer warnte davor, andere Wege für eine mögliche Vogelgrippe-Einschleppung aus den Augen zu verlieren. "Alle Rückkehrrouten" seien potentielle Übertragungswege.

Vogelgrippe
Infografik:
Die globale Ausbreitung der Vogelgrippe

Die Ostroute über Südosteuropa gilt wegen der Vogelgrippefälle in der Türkei als gefährdet. Die zentrale Route über das Mittelmeer wegen der Fälle in Italien und des Verdachts in Slowenien und Österreich. Jene Vögel schließlich, die an der afrikanischen Westküste und über Spanien zurück nach Deutschland kommen, könnten sich in Afrika mit H5N1 infiziert haben. In Nigeria ist die Vogelgrippe ausgebrochen, in Niger gibt es Verdachtsfälle.

"Wir haben es mit einer weltweiten Entwicklung zu tun", sagte Seehofer und kündigte internationale und europäische Zusammenarbeit an. Er nannte konkret eine Deklarationspflicht für den Waren- und Reiseverkehr, die er am kommenden Montag im Agrarrat der EU vorschlagen werde.

Der Minister ermunterte besorgte Bürger, sich mit Einzelfragen an die Hotline seines Ministeriums zu wenden. Diese ist von Montag bis Freitag zwischen 9.00 und 17.00 Uhr unter den Telefonnummern 01888-529-4601 oder -4602,-4603,- 4604, und -4605 erreichbar.

Viele Maßnahmen schon seit Monaten in Kraft

Zwar hat der H5N1-Fund bei Schwänen und einem Habicht von der Insel Rügen die Experten überrascht. Dass die Vogelgrippe nach Deutschland kommen würde, hatten Veterinärmediziner aber seit langem erwartet. Bereits im Herbst letzten Jahres hatte es eine Stallpflicht für Geflügel in Deutschland gegeben. Die Grenzkontrollen gegen illegale Geflügelimporte wurden intensiviert, der Import von Geflügelfleisch aus betroffenen Ländern ist verboten. Tot aufgefundene Wildvögel wurden verstärkt kontrolliert.

Die Reaktion der Behörden auf Rügen entsprechen dem normalen Vorgehen bei Tierseuchen: Im Umkreis von drei Kilometern eine Schutzzone und in einem Radius von zehn Kilometern eine Beobachtungszone einzurichten. Würde in einem Nutztierbestand H5N1 gefunden, müssten automatisch alle Tiere innerhalb des Dreikilometerbereichs getötet werden. Mit solchen "Keulungen" konnte etwa 2003 ein Ausbruch der Geflügelpest im Landkreis Viersen am Niederrhein gestoppt werden.

Die Vogelgrippe
Virus
DDP
Die Vogelgrippe, auch als Aviäre Influenza bekannt, ist eine hochansteckende Viruskrankheit und befällt vor allem Hühner und Puten, aber auch Wildvögel, Fasane und Perlhühner. Der Virusstamm H5N1 ist eine besonders aggressive Variante, die bei 80 bis 100 Prozent der erkrankten Tiere innerhalb weniger Tage zum Tod führt. In seltenen Fällen können sich auch Menschen anstecken. Weltweit wurden bisher über 300 solcher Fälle festgestellt, die meisten in Asien. Fast 200 Menschen starben. Die meisten hatten beruflich mit Geflügel zu tun.

Übertragen wird die Seuche von Tier zu Tier durch direkte Berührung, über Kot, Speichel und Tränenflüssigkeit oder über Kontakt mit infiziertem Material wie Transportkisten oder Eierkartons. Bei starker Staubentwicklung ist auch eine indirekte Ansteckung über die Luft möglich.
Symptome
AP
Die Zeit von der Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit beträgt meist 3 bis 14 Tage. Oft treten hohes Fieber, Atemwegsprobleme, Schwarzfärbung von Kamm und Kehllappen, Mattigkeit, Fressunlust, verminderte Legeleistung und Durchfall auf. Die Tiere können aber auch plötzlich tot umfallen oder ersticken.
Gefahr für Menschen
AP
Forscher sind besorgt, dass H5N1 mutieren könnte, bis es von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Neuere Forschungsergebnisse bestätigen diese Befürchtung: Der Subtyp H1N1, der von 1918 bis 1920 als Spanische Grippe grassierte und bis zu 50 Millionen Tote forderte, war ein reines Vogelvirus, das sich an den Menschen angepasst hat. Denkbar ist auch eine Doppelinfektion eines Menschen oder eines Schweins mit menschlichen und tierischen Erregern. Dabei könnte sich eine Virus-Variante bilden, die eine verheerende weltweite Seuche - eine sogenannte Pandemie - auslösen könnte.
Behandlung
Zwei Medikamente können Menschen im unwahrscheinlichen Fall einer H5N1-Infektion helfen: Die antiviralen Medikamente Tamiflu (Roche) und Relenza (GlaxoSmithKline). Tamiflu gibt es als Tablette oder Saft, Relenza als Pulver, das inhaliert wird. Sie werden auch Neuraminidase-Hemmer genannt. Neuraminidase ist eine Eiweißstruktur an der Virushülle. Wird diese Struktur von den Medikamenten blockiert, können neu gebildete Influenza-Viren die Wirtszelle nicht mehr verlassen und sich daher nicht weiter im Körper ausbreiten. Die deutschen Bundesländer haben 2006 beschlossen, mehr als acht Millionen Dosen beider Medikamente als Vorsichtsmaßnahme kaufen. Sie sollen die Monate zwischen einem Pandemie-Ausbruch und der Entwicklung eines Impfstoffs überbrücken.

Der Leiter des Influenza-Impfstoff-Programms der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Klaus Stöhr, sieht in dem Ausbruch der Vogelgrippe in Deutschland keinen Anlass zur Panik. Man dürfe "vorsichtig optimistisch" sein, sagte Stöhr am Donnerstag im Deutschlandfunk. Selbst im Falle eines Ausbruchs in den Hausgeflügelbeständen könnte die Seuche mit viel Geld und Aufwand eingedämmt werden. Das Risiko, dass dies tatsächlich nötig wird, sei aber "weiterhin ganz minimal", betonte der Experte. Die Bundesrepublik ist nach Ansicht Stöhrs "vorzüglich" auf die Gefahr vorbereitet.

Furcht vor Pandemie entspringt Vorsorgegedanken

Ströh hatte zuvor gewarnt, wenn das Virus mutieren sollte und von Mensch zu Mensch übertragen würde, werde es "Tote geben". Zwar gibt es historische Vorbilder: Im letzten Jahrhundert hatten mehrere Grippepandemien Millionen Menschenleben gefordert, etwa die "Spanische Grippe" nach dem Ersten Weltkrieg.

Eine solche Krankheit steht aber erst am Ende einer Eskalationskette: Sie kann entstehen, wenn sich besonders aggressive Vogelgrippeviren in einem "Mischgefäß" - das können etwa Menschen oder Schweine sein, mit menschlichen Grippeviren kombinieren. Eine zweite Möglichkeit ist, dass ein Vogelgrippevirus so mutiert, dass er sich dem Atemwegessystem des Menschen anpasst. Beides wird umso wahrscheinlicher, desto weiter die Tierkrankheit sich ausbreitet und desto engeren Kontakte kranke Tiere zu Menschen haben. Doch auch dann muss nicht zwingend der Erreger für eine Pandemie entstehen.

Auch in Südostasien, wo das Virus ein festes Reservoir in den Wildtierbeständen hat und auch immer wieder in Hausbeständen ausbricht, sind die Fallzahlen bei Menschen bislang überschaubar. Seit 2003 sind nach offiziellen Zahlen der WHO 169 Menschen an H5N1 erkrankt, 91 von ihnen starben. Sie alle hatten direkten Kontakt mit Geflügel.

Infektionsweg unklar

Dringender Forschungsbedarf besteht nun, was den Infektionsweg der H5N1-infizierten Vögel von der Insel Rügen betrifft. Wie vor allem die Schwäne, die keine Zugvögel sind, sich ansteckten, stellt die Experten vor Rätsel.

Mecklenburg-Vorpommerns Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD) äußerte die Befürchtung, das Virus könnte bereits im Herbst nach Norddeutschland eingeschleppt worden sein. Er gehe davon aus, dass die gefährliche Tierseuche "latent" eingedrungen sei. Auch eine Einschleppung von kälteflüchtigen Schwänen aus Osteuropa gilt aber als möglich.

stx/ddp/dpa



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