Hollywood Wann ein Film wirklich bedeutsam ist

Woran erkennt man einen wichtigen Film? Die Meinung von Kritikern, der Publikumserfolg oder Auszeichnungen spielen kaum eine Rolle, berichten Forscher. Entscheidend sei vielmehr, wie oft ein Film von anderen Filmen zitiert wird.

AP/ Courtesy Running Press

Evanston/USA - Die langfristige Bedeutung eines Films lässt sich am ehesten davon ableiten, wie oft er in anderen Werken zitiert wird. Einschätzungen von Filmkritikern, Preise wie etwa Oscars oder der Erfolg an den Kinokassen sind dagegen einer Studie zufolge nur wenig aussagekräftig. Das berichten Forscher der Northwestern University in Evanston im US-Staat Illinois im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences".

Das Team des Ingenieurs Luís Amaral, Co-Direktor des Instituts für Komplexe Systeme, verglich verschiedene Möglichkeiten, um die Bedeutung eines Films zu erfassen: Die Forscher entwickelten Skalen, die sowohl subjektive als auch objektive Kriterien messen. Zu den subjektiven Faktoren gehören etwa Bewertungen von Kritikern, Preise und die öffentliche Meinung. Zu den objektiven Kriterien zählen hingegen Zitierungen in anderen Filmen und der Kassenerfolg.

In die Analyse flossen insgesamt 15.425 US-Filme ein, die in der Datenbank Internet Movie Database (IMDb) gelistet sind. Darin finden sich auch Informationen, ob ein Film von einem anderen Werk inspiriert wurde oder ein Film einen anderen zitiert hat. Die Bedeutung eines Films machten die Wissenschaftler davon abhängig, ob er über einen Eintrag im National Film Registry (NFR) verfügt. Dieses Verzeichnis der US-Kongressbibliothek (Library of Congress) enthält derzeit 625 US-Filme, die als kulturell, historisch oder ästhetisch bedeutsam eingestuft werden.

Ergebnis: Bei Filmen, die von anderen Werken zitiert werden, ist die Wahrscheinlichkeit am höchsten, dass sie auch in das Filmregister aufgenommen wurden. Dazu gehören etwa "Der Zauberer von Oz", "Star Wars", "Casablanca", "Vom Winde verweht" oder auch der Thriller "Psycho" mit seiner berühmten Duschszene.

Realistische Einschätzung oft erst nach Jahrzehnten

Die Bedeutung eines Films symbolisiert mitunter eine einzige charakteristische Szene, etwa jene Einstellung aus "Das verflixte 7. Jahr", in der Marilyn Monroes weißer Rock durch die Abluft der U-Bahn aufgewirbelt wird. 55 Prozent jener Filme, die "Das verflixte 7. Jahr" zitierten, bezogen sich auf diese Szene.

Amaral sagt dazu: "Jeder Film hat etwas, das für uns versteckt ist, aber es gibt messbare Faktoren wie Kritikerbewertung, Preise und die Zitierungen anderer Filmemacher, die einen Hinweis auf dieses versteckte Element - nämlich die Bedeutsamkeit eines Films - geben." Die Studie zeige, dass nicht die Kritiker festlegten, welche Filme wichtig seien, sondern die Filmemacher der Gegenwart und Zukunft.

"Filmkritiker können zu selbstsicher darin sein, wichtige Filme zu entdecken, und sie haben Vorlieben", wird Amaral in einer Mitteilung der Universität zitiert. Das von ihm und seinen Kollegen entwickelte Analyseraster sei hingegen so objektiv wie möglich. Es erfasse nicht nur Filme, die in der NFR aufgeführt seien, sondern auch solche wie "Charlie und die Schokoladenfabrik" aus dem Jahr 1971. Dieser floppte zwar an den Kinokassen, wurde aber über die Jahre immer beliebter und steht in der Analyse der Forscher nun in Hinblick auf Zitierungen durch andere Filme auf Platz 37. Zudem könne es manchmal 25 Jahre dauern, bis ein Film Teil des NFR werde, wie das Beispiel "Dirty Harry" (1971) zeige.

Es liege in der Natur der Sache, dass die Bedeutung nicht immer gleich klar sei. Dies gelte auch für andere Formen der Kunst oder Bereiche, in denen Einfluss erst wachsen müsse. Die Forscher wollen ihr Raster nun auf andere kreative Gebiete übertragen, vor allem auf die Wissenschaft. "Jedes Jahr werden weltweit mehr als eine Million wissenschaftliche Artikel veröffentlicht", erläutert Amaral. "Es kann schwierig sein, eine gute Veröffentlichung von einer durchschnittlichen zu unterscheiden - ähnlich wie bei Filmen."

In der Wissenschaft sind Zitierungen übrigens schon lange ein wichtiges Kriterium, um die Bedeutung von Forschern und Studien zu ermitteln. Das Prinzip nutzten auch die Erfinder der Suchmaschine Google, um den Page Rang einer Webseite zu berechnen. Ihre Hypothese: Je mehr Links auf eine Seite zeigen, umso wichtiger muss diese sein.

hda/dpa



insgesamt 7 Beiträge
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Friedrich Hattendorf 19.01.2015
1. nur amerikanische Filme
sind wichtig? Und Filme wie z.B. die von Melies, Eisenstein, Fritz Lang wurden von amerikanischen Filmemachern nie zitiert?
DieterFr 20.01.2015
2. Dumbing down
So weit ist es also schon an der einmal recht 'bedeutenden' Northwestern University in Evanston gekommen. Wieder eine sogenannte Studie, die mit Wissenschaft nichts zu tun hat, jedenfalls wenn der Bericht einigermaßen zuverlässig wiedergibt, was da gemacht wurde. Was hier 'Bedeutung' genannt wird, müsste erstmal wissenschaftlich brauchbar durch objektiv erkennbare Kriterien festgelegt werden, bevor man empirisch daran geht festzustellen, welche Filme diese Kriterien erfüllen. Eine solche Festlegung hat aber mit Wissenschaft nichts zu tun, sondern repräsentiert bestenfalls, was die einzelnen Kriterien angeht, ein nicht gewichtbares Sammelsurium von Kritikermeinungen etc., die sich historisch wandeln. Die Vorstellung, die Bedeutung eines Films wissenschaftlich, und damit 'objektiv', bestimmen zu können, kann nur von Akademikern kommen, die so gut wie keine Ahnung davon haben, was Wissenschaft ist. Ich kann mir das nur erklären durch den fortschreitenden Prozess des Dumbing Down, der leider seit Jahrzehnten selbst an namhaften Universitäten zu beobachten ist. Hauptsächlich natürlich in den geisteswissenschaftlichen Fächern.
biggiesmalls 20.01.2015
3.
Warum soll ein Film nur bedeutsam sein, wenn er in anderen Filmen zitiert wird? Hat es nichts zu bedeuten, wenn er in Liedern, Büchern und in der Kunst zitiert wird?
koenigludwigiivonbayern 20.01.2015
4. Am schlechten Beispiel lernen
Aus der Wissenschaft, zum Beispiel "Science Citation Index", ist schon bekannt, wie sich die Erscheinungsfrequenz eines Mediums auf das Ranking auswirkt: je öfter, je höher, Masse statt Klasse. Wenn also eine täglich produzierte SitCom in ihrem Vorspann irgendeinen anderen filmischen FlachGag oder noch besser: sich selbst zitiert, dann steigt sie im Ranking immer weiter nach oben. Das macht sie oder das zitierte Werk aber nicht besser. Amerikanern kann man das aber leider nicht erklären. Die lieben ihre Hitparaden und "Box Offices" zu sehr.
michaeldub 20.01.2015
5.
Meine Kritik am SPON-Artikel geht an dessen Autor: Weder ein Link zum besprochenen Aufsatz, noch der Original-Titel, noch Jahr, Band oder Seite werden genannt! Schlechter Wissenschaftsjournalismus. Trotz ausfuehrlicher Suche in PNAS, in Google Scholar und auf der Webseite des Autors konnte ich den besprochenen Aufsatz nicht finden. Es gibt eine aehnliche Veroeffentlichung von L. Amaral im "Journal of the Association for Information Science and Technology" 2014, darin geht es aber um andere Aspekte, wie Bewertungen durch Nutzer der IMDb oder Filmbudget. Koennte das korrgiert werden?
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