Reproduktionsmedizin Retortenbaby Oliver wird volljährig

Vor 18 Jahren wurde das erste deutsche Retortenbaby Oliver Wimmelbacher geboren. Damals war eine solche Geburt auch für Mediziner ein Abenteuer, heute ist sie fast Routine.

Per Kaiserschnitt erblickte Oliver Wimmelbacher vor 18 Jahren in der Frauenklinik der Universität Erlangen-Nürnberg das Licht der Welt - und war eine medizinische Sensation. Erstmals hatten Mediziner in Deutschland ein Kind im Reagenzglas gezeugt. Das erste deutsche Retortenbaby wurde am 16. April 1982 putzmunter geboren, wog 4150 Gramm und war 53 Zentimeter groß.

"Olivers Geburt war eine Revolution", sagt Reproduktionsmediziner Siegfried Trotnow, der damals Olivers Eltern zum Kinderwunsch verhalf. "Seit diesem Tag konnten wir 85 Prozent unserer Patientinnen helfen, die vorher als unbehandelbar galten."

Am Sonntag wird der Junge aus Oberfranken volljährig. Oliver hat die Schule abgeschlossen und macht inzwischen eine Lehre. Das 1978 geborene weltweit erste Retortenbaby, Louise Brown aus England, ist inzwischen selbst stolze Mutter. "Künstlich gezeugte Kinder sind ganz normale Kinder und Erwachsene", sagt der Leiter der Erlanger Frauenklinik, Ludwig Wildt. "Sie lernen im selben Alter wie andere Kinder das Sprechen, sie werden genauso groß und schreiben dieselben Noten in der Schule." Eine Erlanger Studie habe zehn Jahre nach Olivers Geburt gezeigt, dass der Junge genauso wie andere Retortenbabys keine Auffälligkeiten zeige.

Der Sohn einer Schneiderin aus dem oberfränkischen Langensendelbach gibt sich vor seinem runden Geburtstag ebenso pressescheu wie seine Eltern. "Das Kind soll ohne viel Rummel um sich aufwachsen", lautet die knappe Auskunft der Mutter immer wieder. Diese Zurückhaltung ist nach Ansicht von Experten bei Paaren mit künstlich gezeugten Kindern häufig. "Viele Eltern wollen die künstliche Befruchtung möglichst bald vergessen, weil sie ein Stigma ist und die Paare sich als 'nicht ganz normal' fühlen", sagt Michael Thaele, Vorsitzender des Bundesverbandes Reproduktionsmedizinischer Zentren Deutschlands (BRZ).

Dabei ist die in-vitro-Fertilisation oder künstliche Befruchtung heute ein Routine-Eingriff. Nach Schätzung des BRZ sind weltweit bisher mehr als 500.000 Kinder mit Hilfe dieser Methode auf die Welt gekommen, in Deutschland rund 80.000. "Die Hoffnungen der Mediziner sind bei weitem übertroffen worden", sagt Wildt. Etwa 60 bis 80 Prozent aller Paare kann heute nach BRZ-Angaben zum heiß ersehnten Kind verholfen werden.

Während vor 18 Jahren nur Frauen in Frage kamen, deren Eileiter verschlossen waren, können Paare heute auch bei männlicher Unfruchtbarkeit ein Wunschkind bekommen. Die neue Methode ICSI (Intracytoplasmatische Spermieninjektion), bei der eine Samenzelle direkt in die Eizelle injiziert wird, macht dies seit 1992 möglich.

Die Krankenkassen fürchten jedoch bei der neuen ICSI-Methode Fehlbildungen und haben deswegen im Juli 1999 die Finanzierung der Behandlung eingestellt. "Das ist unmöglich und beruht auf fadenscheinigen Argumenten", kritisiert Thaele. "Die 15.000 Mark Behandlungskosten pro künstlich gezeugtem Kind sind ein Klacks, wenn man bedenkt, dass das Kind als Arbeitnehmer künftig rund 1,15 Millionen Mark in die Sozialversicherung einzahlt."

Ein weiteres Problem der künstlichen Befruchtung ist der doppelte und dreifache Kindersegen: Weil pro Behandlung bis zu drei befruchtete Eizellen in die Gebärmutter eingesetzt werden, bekommen im Durchschnitt 18 Prozent der Frauen Zwillinge, zwei Prozent sogar Drillinge. Der Missbrauch von Embryonen wird dagegen durch das Embryonenschutzgesetz von 1991 verhindert, das die Spende von Eizellen und die Leihmutterschaft verbietet.

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