Richtstätten-Archäologie Grabungen an Orten des Grauens

Von Jost Auler

2. Teil: Präzise Hiebe: Lesen Sie im zweiten Teil, wie Archäologen anhand von Skeletten die Art der Hinrichtung rekonstruieren


Fasspranger im Ulmer Zeughaus: Öffentliche Demütigung war Teil der Strafe
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Fasspranger im Ulmer Zeughaus: Öffentliche Demütigung war Teil der Strafe

Wohl von hinten oder der Seite kommend hatte eine scharfe Schneide den Kopf zwischen dem dritten und vierten Halswirbel abgeschlagen. Der Scharfrichter stand demnach hinter der Delinquentin, zum Einsatz kam vermutlich ein Richtschwert. Bei einem der Männer griff er aber wohl zum Beil: Es spaltete den vierten Halswirbel. Eine solche Waffe ist noch schwerer zu führen als ein Schwert; vermutlich musste der Verurteilte seinen Kopf auf einen Richtklotz legen.

Auf dem "Galgebakke" bei Slots Bjærgby, ebenfalls auf Seeland, entdeckte der Archäologe Peter Vilhelm Glob im Jahr 1946 vergleichbare Opfer von Schwert und Beil; die Schädel lagen zwischen Füßen oder Schenkeln. Einigen von ihnen war zusätzlich die rechte Hand durch einen Hieb abgetrennt worden, denn Hand- und Fingerknochen lagen isoliert. Dass die abgeschlagenen Köpfe, wie in manchen mittelalterlichen Berichten zu lesen ist, mitunter auch zur Warnung auf Stangen präsentiert wurden, fand der Archäologe an einem Skelett bestätigt: In dem abgeschlagenen Schädel steckte ein langer vierkantiger Eisennagel, der ihn einst auf einem Pfahl fixiert hatte.

So leicht sich das Köpfen nachweisen lässt, so schwer ist es mit dem Hängen - den Quellen zufolge die häufigste Todesstrafe. Ein weiteres Skelett von der Richtstätte Slots Bjærgby könnte solch ein Fall sein. Dem Verurteilten war offenbar der zweite Halswirbel aus dem ersten gezogen worden; der Verdacht liegt nahe, dass er "am Halse aufgehängt wurde, bis der Tod eintrat".

Rädern war grausamste aller Strafen

Ähnlich erging es wohl einem Mann im Schweizer Ort Matten. Direkt unter Galgenresten bargen Wissenschaftler dort ein in zwei Teilen verscharrtes Skelett. Den Oberkörper hatte man in Rückenlage in die Grube gelegt, quer dazu und auf den Bauch gedreht aber das Becken. Ein Bein schien zudem leicht aus der Hüftbeinpfanne ausgedreht und auch im Kniegelenk verdreht. Manche Knochen fehlten. Die Erklärung lautet: Der Mann wurde gehängt und verblieb so lange am Galgen, bis sein Unterleib durch Verwesung von selbst herunterfiel. Bis der Leichnam verscharrt wurde, hatten Tiere Teile davon verschleppt.

Die nach damaligem Verständnis schimpflichsten Verbrechen ahndete die Rechtsprechung mit der wohl grausamsten Hinrichtungsart: dem Rädern. Ausgrabungen der Friedlandburg bei Göttingen im Jahr 1970 brachten in einiger Entfernung der Richtstätte ein Skelett aus dem Mittelalter zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert zu Tage, das an den Bericht des Kreiskonservators Götze erinnert. Ein Gerichtsmediziner bescheinigte mehrere gebrochene Rippen, annähernd symmetrische Brüche beider Unterschenkel, jeweils eines Unterarmknochens sowie eine geborstene Schläfen-Scheitel-Region auf der linken Körperseite.

Deutschlands einziger vollständig erhaltener Galgen mit drei Pfosten in Beerfelden im Odenwald, erbaut um 1600: Letzte Hinrichtung soll hier 1804 stattgefunden haben
Claus Schäfer / Abenteuer Archäologie

Deutschlands einziger vollständig erhaltener Galgen mit drei Pfosten in Beerfelden im Odenwald, erbaut um 1600: Letzte Hinrichtung soll hier 1804 stattgefunden haben

Ein solcher Befund bestätigt Schilderungen mittelalterlicher Autoren. Beim Rädern warfen die Büttel den Verurteilten auf den Boden und banden seine Gliedmaßen gestreckt an Pflöcke. Unter Arme und Beine legte der Henker anschließend Hölzer. Sodann ließ er mehrmals ein schweres eisenbeschlagenes Speichenrad auf den Unglücklichen fallen, das seine Knochen zerschlug.

Dabei galt es als strafmildernd, wenn der Scharfrichter ihn vorher durch einen Schlag gegen die Schläfe betäubte. Später wurde der geschundene Körper "auf das Rad geflochten", also gebunden, und dann dieses auf einem Pfahl aufgerichtet, den Vögeln zum Fraß. Manch einer war zu diesem Zeitpunkt noch lebendig und bei Bewusstsein.

Arsenal des Schreckens

Schließlich berichten die Texte noch über eine ganze Reihe weiterer Methoden, Delinquenten möglichst qualvoll zu Tode zu bringen, vom Verbrennen und Ertränken über das Pfählen bis hin zum "Entdärmen". Archäologen und Anthropologen müssen hier aber leider abwinken, denn diese Verfahren hinterlassen kaum Spuren am Skelett.

Natürlich würde sich mancher gern eine Statistik der Vollstreckung wünschen, um abzuschätzen, wie viele Unglückliche letztlich auf die eine oder andere Art starben. Doch dergleichen gibt es nicht. Eine Zahl aus dem Jahr 1471 mag aber einen Eindruck geben: Als man damals in Augsburg eine Grube auf der Richtstätte öffnete, fand man 250 Schädel; zu diesem Zeitpunkt hingen noch 32 Diebe am Galgen. Die Abschreckung war allgegenwärtig.

Je größer eine Gemeinde, desto aufwändiger ihre Richtstätte. In Emmenbrücke (Schweiz) grenzte eine etwa zwei Meter hohe Mauer eine Fläche von 1650 Quadratmetern ab. Sie schützte vor den Überschwemmungen der Bäche und hielt Tiere ab. Durch ein Tor gelangten der Verurteilte, die Gerichtsherren, der Geistliche, der Scharfrichter und seine Gehilfen sowie die Schaulustigen in den Rechtsbezirk.

Dort ragte übermannshoch ein aus Schottersteinen und Mörtel gemauerter Galgen auf. Sein Grundriss war der eines gleichschenkligen Dreiecks mit jeweils etwa neun Meter Seitenlänge. Eine Tür führte ins Innere des Gemäuers, auf dessen Ecken die bis zu vier Meter hohen Pfeiler standen. Dieser Galgen wurde um 1560 errichtet und existierte bis ins 19. Jahrhundert.

Unmittelbar nördlich davon entdeckten Archäologen drei Pfostenlöcher. Steine und Ziegel dienten zur Verkeilung und als Widerlager senkrecht aufgerichteter Stangen - dort standen die Räder! Tierknochen von Hund, Rind und Schwein im Bereich der Richtstätte verraten übrigens, dass der Henker gleichzeitig auch Abdecker der Gemeinde war.

Erst der gesellschaftliche Wandel um 1800 beendete die mittelalterliche Rechtspraxis in Mitteleuropa. Im Zuge von Aufklärung und Französischer Revolution veränderten sich die Wertvorstellungen und bahnten einer Rechtsprechung den Weg, die Alternativen zur grausamen Abschreckung fand.



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