Faszination Höhlenforschung "Man merkt die Tiefe nicht"

Seit Sonntag liegt Höhlenforscher Johann Westhauser verletzt in der Riesending-Schachthöhle in den Berchtesgadener Alpen. Sein Kollege Wolfgang Morlock erklärt, warum es manche Menschen immer wieder in die gefährlichen Tiefen treibt.
Faszination Höhlenforschung: "Man merkt die Tiefe nicht"

Faszination Höhlenforschung: "Man merkt die Tiefe nicht"

Foto: Markus Leitner/ dpa

SPIEGEL ONLINE: Herr Morlock, was treibt Menschen trotz der ja bekannten Gefahren dazu, sich immer wieder in unbekannte Tiefen hinabzuwagen?

Zur Person
Foto: Monika Morlock

Wolfgang Morlock, ist Ehrenvorsitzender der Höhlenrettung Baden Württemberg e. V. Der studierte Betriebswirt und Machinenbauer arbeitete bei einer Versicherung, bevor er sich jetzt als Rentner vollends seiner Höhlenleidenschaft widmen kann.

Morlock: Die Neugierde. Wenn sie eine Felswand sehen, mit einem Loch darin, und sie wollen nicht sofort und unter allen Umständen herausfinden, was dahinter ist - dann werden sie mit großer Wahrscheinlichkeit nie ein Höhlenforscher. SPIEGEL ONLINE: Welche speziellen Techniken muss man denn beherrschen?

Morlock: Die Anforderungen sind sehr vielfältig. Man braucht alpine Erfahrung, muss klettern können und Seiltechniken beherrschen. Aber weite Strecken liegen auch unter Wasser, Taucherfahrung sollte man also auch unbedingt mitbringen. Und für eine Höhle wie die Riesending-Höhle muss man topfit sein. Der Abstieg und Aufstieg bedeuten extreme körperliche Belastung über mehrere Tage.

SPIEGEL ONLINE: Welche Ausbildung braucht man, bevor man sich in eine so schwierige Höhle wie die Riesending-Höhle hinabwagen kann?

Morlock: Eine geregelte Ausbildung gibt es nicht. Für die Höhlenbegehung gilt als beste Ausbildung immer noch "learning by doing". Natürlich gibt es Seminare, die man vorweg besuchen kann, aber am besten lernt man in der Höhle von Leuten, die viel Erfahrung haben. Deshalb sollte man als Anfänger auch nur mit Gruppen gehen, unter denen sich auch Leute mit viel Schachterfahrung befinden.

SPIEGEL ONLINE: Wie bereitet man sich auf so eine Höhlenbegehung vor?

Morlock: Vieles in der Riesending-Höhle wurde ja schon für weitere Begehungen vorbereitet, zum Beispiel die Biwaks für Übernachtungen. Das sind trockene, ebene Orte zum Ausruhen, wo zum Teil sogar Lebensmittel deponiert sind. Da kann man anhalten und in Ruhe schlafen und essen. Ansonsten sollte man einfach körperlich in Höchstform sein. Man muss ja nicht nur die anspruchsvolle Strecke zurücklegen, sondern auch noch die ganze Ausrüstung tragen.

SPIEGEL ONLINE: Wie fühlt es sich an, so tief unter der Erde zu sein?

Morlock: Die Tiefe selber merkt man gar nicht. Irgendwann wird es zur Routine: Dann ist es ganz wurscht, ob man 30 Meter oder 100 Meter unter der Erde ist. Rauf muss man in jedem Fall wieder.

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Foto: Kerstin Joensson/ AP/dpa

SPIEGEL ONLINE : Hatten Sie selber schon mal Angst in einer Höhle?

Morlock : Angst hatte ich nie. Wenn man sich vorsichtig bewegt, ist es dort unten nicht gefährlich. Jedenfalls auch nicht gefährlicher als auf einer Straße. Da wird man ja auch, wenn man zur falschen Zeit am falschen Ort steht, von einem Auto umgefahren. Aber Respekt hatte ich schon das eine oder andere Mal.

SPIEGEL ONLINE: Und was hat Ihnen Respekt abverlangt?

Morlock: Vor allem das Wasser. Wenn man durch einen langen, engen Siphon tauchen muss, in dem das Wasser dann auch noch trüb ist. Man muss sich die ganze Zeit über bewusst sein, dass man die Strecke ja auch wieder zurück muss.

Das Interview führte Angelika Franz.

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