Ringheiligtum Pömmelte - das deutsche Stonehenge

1200 Baumstämme in riesigen Kreisen angeordnet: In Sachsen-Anhalt haben Archäologen ein mehr als 4000 Jahre altes Heiligtum wieder entstehen lassen. Einst wurden dort bei geheimnisvollen Riten jede Menge Knochen verbuddelt.
Rätselhaftes Heiligtum aus der Steinzeit in Sachsen-Anhalt

Rätselhaftes Heiligtum aus der Steinzeit in Sachsen-Anhalt

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Menschenopfer. Das ist so ein hartes Wort. "Forscher bevorzugen den Begriff 'rituelle Tötungen'", sagt Norma Literski-Henkel vom Landesamt für Archäologie und Denkmalpflege in Sachsen-Anhalt fast entschuldigend.

Aber im Endeffekt läuft die Sache eben auf das Gleiche hinaus. Im Dienst einer größeren Idee werden Menschen ermordet. Genau das ist offenbar hier zwischen dem 23. und dem 21. Jahrhundert vor Christus passiert, Frauen wurden gemeuchelt, Kinder, Jugendliche.

Dabei sieht die Gegend am Rand der Magdeburger Börde, durch die Literski-Henkel ihre Gäste führt, heute so harmlos aus. Hier steht Mais, dort Getreide, da drüben Raps - und mittendrin 1200 etwa vier Meter hohe Baumstämme, in riesigen Kreisen angeordnet. Sie erinnern an eine Zeit, als Menschen am Übergang zwischen Stein- und Bronzezeit hier höhere Mächte wohlwollend stimmen wollten, in einem geheimnisvollen Heiligtum aus kreisrunden Palisadenringen, Gräben und Schächten.

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Archäologie: Das Ringheiligtum in Pömmelte

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Über Hunderte von Jahren feierten sie hier. Und vergruben alles, was sie für rituell bedeutsam hielten. In der Nähe des Örtchens Pömmelte im Salzlandkreis, südöstlich von Magdeburg, haben Archäologen in den vergangenen Jahren die Spuren dieser spektakulären Anlage erforscht. Am Dienstag wird nun ein Nachbau des Ringheiligtums offiziell eingeweiht.

In den Festreden wird ein spektakulärer Vergleich gewiss nicht fehlen. Denn immer wieder ist im Zusammenhang mit Pömmelte vom "deutschen Stonehenge" die Rede. Und der Mann, der die Kultstätte jahrelang für Sachsen-Anhalts Denkmalpfleger erforscht hat, findet das auch durchaus angemessen. "Wissenschaftlich spielen wir da in einer Liga", sagt der Archäologe André Spatzier. "Mit der Rekonstruktion können wir die wissenschaftlichen Erkenntnisse von Weltrang nun auch anschaulich machen."

"Kirche der Vorzeit"

Denn das war jahrelang das Problem von Pömmelte: Von der kreisförmigen Anlage mit einem Durchmesser von 115 Metern war nur für Profis etwas zu erkennen. Entdeckt bei Überflügen nach dem Fall der Mauer, wurde dort seit 2005 gegraben. Doch während in Stonehenge die Steine die Jahrtausende überdauert haben, ist in der Börde nichts übriggeblieben, außer verdächtigen Spuren im Schwemmsand der nahen Elbe. Und die konnten eben nur Experten wie Spatzier decodieren. Ähnliche Herausforderungen gab es übrigens beim sogenannten Woodhenge, einer Holzkonstruktion aus derselben Zeit in der Nähe von Stonehenge.

Die wichtigsten Erkenntnisse zur Anlage von Pömmelte können Besucher nun auf kreisrunden, am Boden liegenden Betonblöcken nachlesen. Einen Überblick bietet außerdem ein neun Meter hoher Aussichtsturm. Wer dort oben steht, muss die Felder rundherum vergessen, die Windräder, den nahen Segelflugplatz, die Autobahn - und die Bauleute, die noch bis kurz vor der Eröffnung zugange waren.

Stattdessen gilt es, sich selbst in eine Zeit zwischen 2300 vor Christus bis 2050 vor Christus zurückzuversetzen, als hier Mitglieder der gerade noch steinzeitlichen Glockenbecherkultur auf die Bronzezeitmenschen der sogenannten Aunjetitzer Kultur trafen, die ein paar Jahrhunderte später die Himmelsscheibe von Nebra erschufen.

Wald und Ackerflächen dürften sich in dem Gebiet abgewechselt haben. Der Boden in der Gegend war von jeher gut. Mit Ochsen bestellten die Bewohner die Felder - doch Hinterwäldler waren sie nicht. Über ein europaweites Wegenetz handelte man bereits damals mit Erzen, Bernsteinen und Salz. Und auch die Ideen reisten über den Kontinent. So könnte auch das Konzept der kreisrunden Henge-Monumente aus dem Gebiet des heutigen Großbritanniens nach Osten exportiert worden sein. Bis nach Pömmelte.

"Man kann sich die Anlage als Kirche der Vorzeit vorstellen. Hier sollten die Naturgewalten positiv gestimmt werden", sagt Forscher Spatzier. "Man traf sich zu wichtigen Terminen des ackerbaulichen Jahres." Man feierte, man aß und trank - man verbuddelte Opfergegenstände in insgesamt 29 Gruben, jede um die drei Meter tief: absichtlich zerstörte Keramik, Trinkgefäße, Rinderknochen mit Schnittspuren, kaputte Mahlsteine, Beile. Und eben Menschenknochen.

Warum die bedauernswerten Frühzeitler starben, welche Rituale in den Holzringen genau gefeiert wurden - in vielen Fällen können Forscher darüber nur anhand der vorliegenden Hinweise spekulieren. So verhält es sich auch mit der Rekonstruktion des Ringheiligtums. Ein Teil der 1200 Robinienstämme ist eingefärbt, mit Querbalken verbunden und mit Mustern verziert. Die orientieren sich an Darstellungen auf Keramiken oder Steinstelen im Rest von Europa - erheben aber auch keinen Anspruch auf historische Korrektheit. Wie auch, wenn man über eine Zeit spricht, aus der es keine schriftlichen Aufzeichnungen gibt.

So weiß man auch nicht, warum der Bau irgendwann um 2050 vor Christus abgetragen wurde. Die Stämme wurden damals einer nach dem anderen aus dem Boden gezogen - und dann offenbar verbrannt. Jedenfalls deutet eine dicke Ascheschicht im Graben der Anlage darauf hin. So geheimnisvoll wie das Ringheiligtum entstand, verschwand es also auch wieder.

Heiligtum als Touristenmagnet?

Wer inmitten der Baumstämme im Rund des Nachbaus steht, wer die gute Akustik erlebt, wer sich an den - historisch, wie gesagt, gewagten - Farben der Bemalung freut, kann einen kleinen Teil der Geheimnisse von damals zumindest erahnen.

Zwei Millionen Euro hat die Anlage übrigens gekostet. Das Geld kam aus Landesmitteln und von der Europäischen Union. Ob das Heiligtum - wie von Lokalpolitikern erhofft - ein Touristenmagnet wird, muss sich allerdings noch zeigen.

Ein Beispiel, ebenfalls aus Sachsen-Anhalt, lässt jedenfalls zur Bescheidenheit raten. Vor gut zehn Jahren wurde im Saaletal bei Goseck ein Bronzezeit-Observatorium ebenfalls aus Hunderten riesigen Baumstämmen wiedererrichtet, es stand etwa 2500 Jahre vor Pömmelte.

Doch während in Stonehenge jedes Jahr um die 1,3 Millionen Besucher Erinnerungsfotos machten und Souvenirs kaufen, sind die Zahlen in Goseck deutlich bescheidener. Im vergangenen Jahr wurden laut offizieller Statistik genau 3767 Gäste begrüßt.

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