Risiko Antibiotika Resistente Superkeime erobern die Umwelt

Von Torsten Mehltretter

2. Teil: "Antibiotika sind kein Mittel gegen Erkältungen"


Bisher ging man davon aus, dass die Resistenzen in erster Linie eine Folge von übermäßiger und unsachgemäßer Vergabe von Antibiotika an den Menschen sei. Die Paul-Ehrlich-Gesellschaft für Chemotherapie hat deshalb die Initiative "Zündstoff Antibiotika-Resistenz" gegründet. Mit dem Ziel, Patienten zu sensibilisieren und den Einsatz von Antibiotika in der Humanmedizin zu reduzieren. "Antibiotika sind keine Mittel gegen Erkältungen" sagt Michael Kresken von der Initiative. "Aber die Patienten fordern das Mittel regelrecht beim Hausarzt ein. Das muss sich ändern. Jede Antibiotika-Einnahme hinterlässt Schäden."

Auch Tierärzte sollten dies beachten. Denn in den Mastanlagen ist das Problem identisch. In einem Stall mit Zehntausenden Hähnchen etwa breiten sich die Erreger ungehemmt aus. Der Mikrobiologe Witte hat das Auftauwasser von Masthähnchen untersucht: In 30 Prozent der Proben fand er MRSA-Keime. Für den Verzehr sind sie völlig ungefährlich, weil sie beim Kochen oder Braten abgetötet werden. Doch beim Zubereiten der Speise setzen sie sich auf der Haut und in kleinen Wunden fest. Auch dann sind sie rein statistisch keine ernste Gefahr, lösen aber hin und wieder Wundinfektionen oder Blutvergiftungen aus. Die daran Erkrankten schleppen sie mit in die Kliniken.

Offene oder entzündete Wunden sind eine der Hauptquellen für resistente Erreger in Kliniken. Im Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf schätzt der Leiter der Wundvorsorge, Matthias Augustin, dass die Ansteckungsrate durch die konsequente Isolierung von Wundpatienten auf unter ein Prozent gesenkt werden könnte.

Große Gefahr für geschwächte Patienten

Die Bakterien breiten sich überall dort aus, wo große Mengen Antibiotika im Umlauf sind. In Krankenhäusern genauso wie im Stall. Richtig gefährlich wird es, wenn die Keime ohnehin geschwächte Patienten erreichen. Zum Beispiel nach einer Operation. Setzen sie sich in der Operationswunde fest, breiten sie sich schnell bis zu den Organen aus. Die Folge: Lungenentzündungen oder Vergiftungen, die üblicherweise mit Antibiotika behandelt werden. Sind die resistenten Eigenschaften der Erreger dann noch nicht diagnostiziert, geht wichtige Zeit für die Rettung des Erkrankten verloren. Ihm helfen nur noch wenig verbliebene sogenannte Reserveantibiotika.

Die Wahl des falschen Mittels verstärkt die Ausbreitung der gefährlichen Keime sogar noch. Um diese Gefahr zu minimieren, werden Wundpatienten neuerdings nach Risikogruppen unterteilt. Bei bestimmten Vorerkrankungen, vorangegangenen Reisen oder nach Aufenthalten in Tiermastbetrieben, lassen Mediziner die Wundkeime aufwendig im Labor identifizieren. Das Screening ist teuer aber notwendig, um die Erreger rechtzeitig zu isolieren.

Während die Kliniken noch an der Umsetzung der neuen Hygienerichtlinien zur MRSA-Vorsorge arbeiten, kommt aus der Wissenschaft die nächste Hiobsbotschaft. Dick Heederick von der Utrecht University hat den Feinstaub im Umkreis von tausend Metern um Großställe niederländischer Mastbetriebe analysiert. Neben den MRSA-Keimen hat er auch das Erbgut von Bakterien analysiert, die spezielle Enzyme produzieren, die sogenannten Extended Spectrum Beta Lactamasen (ESBL).

Diese Keime beherbergen in ihren Genen zwei besorgniserregende Eigenschaften: Sie zerstören Penicilline, die nach wie vor am häufigsten eingesetzte Antibiotikagruppe, und sie können diese Fähigkeit im menschlichen Darm leicht an Krankheitserreger wie zum Beispiel Coli-Bakterien weitergeben.

Die ESBL-produzierenden Bakterien hält Witte für eine noch größere Gefahr als MRSA. Man müsse darauf achten, dass solche Antibiotikaresistenzgene auf die Infektionserreger beim Menschen übertragen werden, sagt der Mikrobiologe. "Es trifft sich alles im Verdauungstrakt des Menschen und dort sind Resistenzgenübertragungen nachgewiesenermaßen möglich. Wenn dann der Selektionsdruck dazu kommt, also die Tatsache, das resistente Bakterienstämme immer besser überleben, dann können wir ein Problem bekommen, das in den nächsten Jahren nur schwer in den Griff zu bekommen ist."


Mehr zum Thema bei: "Planet e: Gefahr aus dem Stall" am 16.10.2011 um 13.25 Uhr im ZDF



insgesamt 63 Beiträge
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Seite 1
karl1000 15.10.2011
1. Resistente Antibiotika - ein Regelkris der Natur
Eigentlich ganz einfach - wir haben da einen natürlichen Regelkreis. Die Menschheit vermehrt sich explosiv - um sich zu ernähren mästet man die Viecher in Massenhaltung mit Antibiotika - Die wirken nicht mehr als Medizin - Krankheiten werden unbehandelter - Die Menschheit reduziert sich.
OoogaBoooga, 15.10.2011
2. Falsch
Zitat von karl1000Eigentlich ganz einfach - wir haben da einen natürlichen Regelkreis. Die Menschheit vermehrt sich explosiv - um sich zu ernähren mästet man die Viecher in Massenhaltung mit Antibiotika - Die wirken nicht mehr als Medizin - Krankheiten werden unbehandelter - Die Menschheit reduziert sich.
Fleisch ist sicher nicht da, "um sich zu ernähren". Fleisch ist ineffizient in seiner Produktion, es ist ein Luxusprodukt. Für ein 1kg Fleisch benötigt man 7-8 KG Getreide und Unmengen von Wasser. Fleisch wird in diesen Mengen produziert, weil es für viele Menschen ein Genussmittel ist. So wie Gummibärchen eben. "Lecker", Supermarktregalfüllend, aber nicht notwendig.
Ylex 15.10.2011
3. Bumerang
Zitat: "Neben den MRSA-Keimen hat er auch das Erbgut von Bakterien analysiert, die spezielle Enzyme produzieren, die sogenannten Extended Spectrum Beta Lactamasen (ESBL). Diese Keime beherbergen in ihren Genen zwei besorgniserregende Eigenschaften: Sie zerstören Penicilline, die nach wie vor am häufigsten eingesetzte Antibiotikagruppe, und sie können diese Fähigkeit im menschlichen Darm leicht an Krankheitserreger wie zum Beispiel Kolibakterien weitergeben." Als Laie neigt man zu Vereinfachungen, meine wäre: Der übermäßige Einsatz von Antibiotika bei Menschen und bei der Massen-Tiermast ist ein Bumerang, der die erfolgreiche Behandlung ungezählter Krankheiten sehr erschweren könnte, wenn nicht sogar unmöglich machen könnte. Mir ist jemand bekannt, bei dem die meisten Antibiotika nicht mehr wirken, er schrammte haarscharf am Tod vorbei, nachdem er eine Ärzte-Odyssee hinter sich gebracht hatte, nun geht's ihm zum Glück wieder gut. Offenbar schlägt die Natur auf eine heimtückische Art zurück, wenn der Mensch sie überlisten will - vermutlich einer der Mechanismen zur Begrenzung der Population.
blowup 15.10.2011
4. Lobby
Und was tut die Politik, Das gleiche wie immer: sie nickt vor der Lobby ein. Diesmal ist es die Agrar-Lobby, bzw. die Krankenhaus-Lobby. Wann haben wir endlich mal Politiker, die sich dem Volk verpflichtet fühlen?
wrtlbrmft 15.10.2011
5. aha!
Zitat von blowupUnd was tut die Politik, Das gleiche wie immer: sie nickt vor der Lobby ein. Diesmal ist es die Agrar-Lobby, bzw. die Krankenhaus-Lobby. Wann haben wir endlich mal Politiker, die sich dem Volk verpflichtet fühlen?
Und was, bitte schön, soll "die Politik" da tun? Dieses Thema existiert seit Anfang der 80er Jahre und war damals aktueller denn heute, weil Antibiotika in der Tierhaltung damals gang und gäbe waren. Ein Anstieg der Resistenzen wird von den immer gleichen Angstmachern seit damals prognostiziert - tatsächlich nachgewiesen ist er bis heute nicht. Es gibt seit 30 Jahren in diesem Bereich absolut nichts Neues - außer einer vermehrten Angstmache.
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