Risiko Geburtsmonat Frühlingskinder bringen sich häufiger um

Eine Forschergruppe glaubt, einen Risikofaktor für Selbsttötungen gefunden zu haben: den Geburtsmonat. Ihrer Studie zufolge ist die Gefahr eines Suizids bei Menschen, die im Frühjahr oder im Sommer geboren wurden, wesentlich höher.


April, Mai und Juni sind der Studie zufolge gefährliche Geburtsmonate. Wie Emad Salib und seine Kollegen im "British Journal of Psychiatry" berichten, ist das Suizidrisiko für Menschen, die in diesen Monaten geboren werden, 17 Prozent höher als für Zeitgenossen, die im Herbst oder im frühen Winter zur Welt kommen. Das gleiche gelte für die Gefahr, dem Alkohol zu verfallen oder an Depressionen und anderen Gemütsleiden zu erkranken.

Sprung in die Tiefe: Steigert die Frühjahrsgeburt das Suizid-Risiko?
DDP

Sprung in die Tiefe: Steigert die Frühjahrsgeburt das Suizid-Risiko?

Das Team aus Forschern von der St. Helen's und der Liverpool University sowie dem Institute of Child Health des University College London analysierte alle verfügbaren Daten über nachgewiesene Selbstmorde und Todesfälle aufgrund von Verletzungen ungeklärter Ursache von 1979 bis 2001 in England und Wales. Die insgesamt 26.916 Fälle ergaben ein überraschend deutliches Bild: Für im Frühjahr geborene Frauen war das Suizidrisiko um 30 Prozent, für Männer um 14 Prozent erhöht - jeweils im Vergleich zu Menschen, die in den Herbstmonaten geboren worden waren.

Die Ergebnisse stützen nach Angaben der Forscher die Hypothese, dass es einen saisonalen Suizid-Effekt gibt: Im Frühling und Frühsommer kämen mehr Menschen zur Welt, die sich später selbst töteten. Die BBC zitiert Salib mit einem Erklärungsversuch: Im Mutterleib seien Föten sehr anfällig. Das Gehirn des Babys sei "sehr empfindlich für jegliche Art von Veränderung beim Zustand der Mutter". Infektionen und erhöhte Temperatur könnten "die Art und Weise beeinflussen, wie die Gehirnzellen angeordnet sind".

Infektionen bei der Mutter, die sich möglicherweise im Herbst und Winter häuften, könnten also das Selbstmordrisiko von im Frühjahr Geborenen erhöhen. Schon in einer Studie aus dem Jahr 1998 hatten schwedische Forscher festgestellt, dass Komplikationen während der Geburt eine erhöhte Suizidwahrscheinlichkeit zur Folge haben.

Die Wechselwirkung der vielen beteiligten Faktoren macht es allerdings schwer, klare Schlussfolgerungen über die Zusammenhänge zu ziehen. Beispielsweise sind auch schwerwiegende negative Erfahrungen zu Beginn des Lebens (Misshandlungen, sexueller Missbrauch, Substanzmissbrauch in der Familie, häusliche Gewalt, Trennung oder Scheidung der Eltern, seelische Erkrankungen wie Depressionen) wesentliche Faktoren, die das Selbstmordrisiko erhöhen.

Zwillinge dagegen haben ein geringeres Selbstmordrisiko - obwohl sie häufig früher geboren werden und oft ein niedriges Geburtsgewicht haben. Hier wird die soziale Unterstützung, die Zwillingspaare einander zukommen lassen können, als positiv wirkender Faktor betrachtet. Bei Einzelkindern dagegen besteht ein erhöhtes Selbstmordrisiko.

cis



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