Offensive für Energieeffizienz von Minister Habeck Sparen bleibt die Ausnahme

Während die Regierung beim Zukauf von teurem Flüssiggas nicht zögert, will sie beim Energiesparen weiterhin niemandem wehtun. Wissenschaftler äußern jetzt Kritik an den Plänen von Robert Habeck.
Wirtschaftsminister Habeck bei einem Aufritt im Bundestag

Wirtschaftsminister Habeck bei einem Aufritt im Bundestag

Foto: Klaus-Dietmar Gabbert / dpa

Was in Coronazeiten das Lüften war, ist in Zeiten des Ukrainekrieges das Herunterregeln der Heizkörper. Auch in der jetzigen Krise sind alle Bürgerinnen und Bürger gefragt, mitzuhelfen. Denn Öl und Gas sind teuer und Erdgas könnte bereits in ein paar Monaten knapp werden.

An Lösungen wird fieberhaft gearbeitet: Bereits im April gab die Ampel drei Milliarden Euro für die Anmietung von vier schwimmenden Flüssiggas-Terminals frei, dann folgte ein LNG-Beschleunigungsgesetz , das es ermöglichen soll, sogenannte Flüssiggas-Terminals im Eilverfahren einzurichten. Die russischen Gasimporte sollen zügig ersetzt werden – insgesamt sind das rund 40 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr – auch wenn nächsten Winter erst einmal nur rund zehn Milliarden ersetzt werden sollen. Natürlich nur gesetzt den Fall, dass Putin nicht schon vorher den Gashahn abdreht.

Robert Habeck zu Besuch in Wilhelmshaven: Dort sind schwimmende Flüssiggas-Terminals geplant

Robert Habeck zu Besuch in Wilhelmshaven: Dort sind schwimmende Flüssiggas-Terminals geplant

Foto: Fabian Bimmer / REUTERS

Doch die Gaskrise lässt sich nicht nur mit teuren Zukäufen lösen. Es gibt auch klimapolitische Bedenken: Wenn Gas etwa im Fracking-Verfahren gewonnen wird, hat es eine viel schlechtere Umweltbilanz als Pipeline-Gas.

Deshalb drängen Energieexperten und Umweltschützer seit Wochen auf mehr Energieeffizienz. Jahrelang wurden Maßnahmen für weniger Verbrauch meist ignoriert und nur von wenigen Experten für voll genommen.

Energiesparen – aber nur, wenn es nicht wehtut

Nun hat Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck reagiert. Am Dienstag legte er erstmals einen Arbeitsplan zum »Energiesparen für mehr Unabhängigkeit« vor . Das Papier ist nur fünf Seiten lang und gibt die Richtung vor, wie die Regierung den Gasverbrauch senken will. Darin enthalten: Eine Energiesparkampagne, die schon im Juni starten soll, Solardächer sollen zum gesetzlichen Standard gemacht werden, ein Programm für Wärmepumpen, Anreize und Förderungen für die Industrie. So sollen Betriebe dazu gebracht werden, ihre industrielle Prozesswärme zu nutzen und die Grundstoffindustrie soll bei der Umstellung auf klimafreundliche Verfahren unterstützt werden.

Auch bei der Wärmewende, also bei Wohnhäusern und Gewerbe, sollen strengere Maßnahmen zum Heizungstausch gelten. Ab 2024 muss den Plänen zufolge jede neu eingebaute oder ausgetauschte Heizung mindestens zu 65 Prozent mit erneuerbaren Energien betrieben werden. Und im Neubau wird bereits ab dem kommenden Jahr der Effizienzhausstandard 55, ab 2025 der Standard EH 40 gelten.

Flüssiggastanker im Hafen von Rotterdam

Flüssiggastanker im Hafen von Rotterdam

Foto: Lex Van Lieshout / AFP

Das klingt alles gut, ist aber völlig unzureichend, meinen Wissenschaftler und Energieexperten in ersten Reaktionen. Während die Regierung beim Flüssiggas-Kauf ohne zu zögern in die Offensive ging, werde der Arbeitsplan von Habeck der aktuellen Krise nicht gerecht, sagt etwa Matthias Koch vom Thinktank E3G. »Wir brauchen verpflichtende Instrumente, keine Beratungsangebote«, so Koch. Der Arbeitsplan des Ministers sei lobenswert, würde aber gerade für die kurzfristigen Einsparungen nicht ausreichen.

»Der verstärkte Fokus auf Solardächer, Wärmepumpen und Gebäudeeffizienz ist sinnvoll, aber das bringt uns erst in zwei bis drei Jahren wirklich etwas«, so der Energieexperte. Derzeit seien Maßnahmen gefragt, die schon im kommenden Winter wirken. Der Thinktank hat errechnet, dass solche kurzfristigen Maßnahmen rund 15 bis 20 Prozent des deutschen Erdgases einsparen könnten – wenn sie ambitioniert genug sind. Mit den jetzigen Plänen würden aber sehr wahrscheinlich weniger als zwei Prozent erreicht.

»Jeder Kubikmeter Gas, den wir jetzt einsparen, macht uns im Herbst weniger erpressbar.«

Peter Mellwig, ifeu-Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg

Nicht nur Privathaushalte könnten sparsamer sein. Kurzfristig sei auch bei der Industrie noch Luft nach oben. So könnten Industrieanlagen ihre Raumtemperaturen runterfahren. »Wenn man außerdem kurzfristig die Produktion drosselt, aber dafür effizientere und elektrifizierte Anlagen einbaut, ist das eine Win-win-Situation«, sagt Koch. Auch über einen kurzfristigen Wechsel von Erdgas auf Heizöl und einen verstärkten Einsatz von Kohlekraftwerken könne man nachdenken – wenn dieser Einsatz befristet sei.

»Mit solchen Maßnahmen könnte Deutschland über die nächsten zwölf Monate ungefähr die Menge Erdgas einsparen, die es an neuen Importen auf dem Weltmarkt einkaufen will«, meint Koch. »Aber ohne einschneidende Maßnahmen, die an manchen Stellen auch wehtun, wird das nicht gehen, und das ist eben politisch heikel.«

»Wir brauchen unpopuläre Entscheidungen!«

»Die Regierung muss die Bevölkerung aus ihrer Komfortzone holen, wenn sie die Krise wirklich nachhaltig lösen will«, meint auch Peter Mellwig vom ifeu-Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg. Dafür müssten schon mal unpopuläre Entscheidungen gefällt werden. Auch der Bundeskanzler müsse in Sachen Energieeinsparung endlich mal ein Machtwort sprechen.

»Jeder Kubikmeter Gas, den wir jetzt einsparen, macht uns im Herbst weniger erpressbar«, so der Ingenieur und Energieberater. Bei allem Verständnis für einzelne Betroffene müsse man in der jetzigen Situation entschiedener handeln.

Andere Experten halten die von Habeck geforderte Energiesparkampagne für sinnvoll aber »an sich nicht Neues« – denn private Verbraucher könne man schwer zum Energiesparen zwingen – außer über den Preis, meint Stefan Thomas, Energieexperte am Wuppertal-Institut. »Wir wissen aus früheren Untersuchungen, das die Menschen bei höheren Preisen ihren Verbrauch sehr schnell zurückfahren können.« Das Problem sei, dass sie es derzeit noch nicht merken würden, weil die Abrechnungen erst im nächsten Jahr kommen. »Wer aber intelligent heizt und lüftet, kann locker zehn Prozent seiner Kosten einsparen ohne zu frieren.«

Deutsches Wohnen der Zukunft: Versorgt mit erneuerbaren Energien und gut gedämmt

Deutsches Wohnen der Zukunft: Versorgt mit erneuerbaren Energien und gut gedämmt

Foto: Leopold Nekula / Viennareport / IMAGO

800 Energieberater auf 40 Millionen Haushalte

Laut dem Arbeitsplan des Ministeriums sollen die Bürgerinnen und Bürger mit »praxisnahen Tipps und Beratung ermutigt werden, selbst den Energieverbrauch zu reduzieren«. Doch es gibt einen Haken. Seit Monaten herrscht ein Mangel an Energieberatern. Die erklären in Hausbesuchen, wie man mit kleinen Maßnahmen wie dem Abdichten von Fenstern oder der Wartung einer Therme am besten spart. Laut den Verbraucherzentralen  kommt es zu langen Wartezeiten, es gibt wohl von deren Seite deutschlandweit nur 800 Energieberater – auf immerhin rund 40 Millionen Haushalte. Diese leisten vor allem niedrigschwellige Beratung etwa für Familien.

Doch auch bei umfangreicheren Energieberatungen von anderen Anbietern, etwa für Gewerbe oder größere Haussanierungen gebe es nicht genügend Experten, heißt es aus Branchenkreisen. Da die Kampagne schon im Juni losgehen soll, bleibt zu klären, wo so schnell neue Beraterinnen herkommen sollen.

»Es fehlt an guten Fachkräften und bei deren Ausbildung müsste zuerst etwas passieren«, meint Thomas. Auch die mittelfristigen Maßnahmen reichen ihm nicht aus. Eine Untersuchung des Wuppertal-Instituts habe ergeben, dass man für Habecks 65-Prozent-Ziel für erneuerbares Heizen ab 2024 mindestens 700.000 bis 800.000 Wärmepumpen pro Jahr zubauen müsste – also um fast die Hälfte mehr als im Plan vorgesehen.

Nicht nur beim Austausch von Heizungen und beim Dämmen bräuchte es deshalb eine ehrgeizigere Offensive, sondern auch bei der Wohnraumsituation allgemein. »Aus Einfamilienhäusern könnten Zweifamilienhäuser werden, denn immer noch werden viel zu große Flächen unnötig beheizt bei gleichzeitigem Wohnungsmangel.«

Während beim Zukauf von Flüssiggas mittlerweile genaue Zahlen genannt werden, ist unklar, wie viel Kubikmeter Gas durch Habecks Arbeitsplan für die Energieeffizienz eingespart werden soll. Solch eine Schätzung oder Zielvorgabe wäre aber hilfreich, wenn die Regierung wirklich vorhat, nur so wenig teures Flüssiggas wie möglich zu importieren. Zwar ist das kurzfristig einfacher – aber langfristig sicherlich für den Steuerzahler weitaus teurer. Denn in 20 Jahren müssen Industrie und Haushalte ohnehin klimaneutral sein.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes standen irreführende Preisangaben für Flüssiggas. Zudem gelten die 800 Energieberater nur für die Verbraucherzentralen, aber auch bei anderen Beratungen gibt es Engpässe. Wir haben die Passage korrigiert und ergänzt.