Rohstoffstreit Wer im Arktis-Monopoly gewinnt - und wer verliert

Fünf Staaten wetteifern um Öl und Gas in der Nordpol-Region - vor allem Russland schafft Fakten, drängt mit Macht nach Norden. Können die USA mithalten? Welche Chancen haben die anderen Länder? Ein Blick auf Gewinner und Verlierer im "Großen Spiel" um die Eiswelt.

Boot im Ilulissat-Fjord vor Grönland (August 2008): Polarstaaten im Arktischen Monopoly
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Boot im Ilulissat-Fjord vor Grönland (August 2008): Polarstaaten im Arktischen Monopoly

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Monopoly ist ein Spiel, bei dem die Teilnehmer versuchen, möglichst viel Besitz anzuhäufen. Die Wertung dabei ist klar: Wem die Schlossallee gehört, der steht auf der Siegerseite, die Eigentümer der Badstraße haben das Nachsehen. Und Geld ist das Mittel, um das Ziel zu erreichen. Doch mittlerweile dürfte deutlich geworden sein, dass die Dinge in der Arktis nicht so einfach liegen.

Geografische Befunde werden von den Mitspielern ins Feld geführt, ergänzt durch völkerrechtliche und historische Überlegungen. Gebietszuwächse versprechen Prestigegewinne und sollen gleichzeitig der nationalen Rohstoffsicherheit dienen. Auch gilt es, den Umweltrisiken Rechnung zu tragen, die sich letzten Endes auf alle Länder der Erde auswirken. Bleibt also die Frage, welcher der Polarstaaten aus dem Arktischen Monopoly als Gewinner hervorgeht. Falls es so etwas in diesem Fall überhaupt gibt.

Für die USA sieht es einstweilen wenig erbaulich aus. Das Land hat in der Arktis lange Jahre zu schlafmützig agiert, um kurzfristig eine führende Rolle in der Region einzunehmen. "Wenn es ein Fünf-Nationen-Rennen um den Nordpol gibt", warnt Küstenwachen-Admiral Gene Brooks, "dann sind wir gerade mal Fünfter." Vor rund hundert Jahren hatte zwar der US-Bürger Peary das Gebiet "im Namen des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika" förmlich in Besitz genommen, aber dann passierte lange nichts, insbesondere nach dem Niedergang der Sowjetunion. Nun reibt man sich in Washington verwundert die Augen, weil die anderen Polarstaaten Fakten schaffen. "Ich glaube, das Ganze ist ein Wettrennen", sagt Mead Treadwell.

Die USA werden im polaren Wettrennen weiterhin noch einige Zeit an der Seitenlinie stehen. Mit Blick auf die politische Rhetorik in der Region, die dadurch insgesamt etwas weniger aufgeladen ist, mag man das begrüßen. Allerdings fällt damit Washington auch als möglicher stabilisierender Faktor in der Arktis aus.

Ebenfalls wenig präsent ist Kanada - und das, obwohl die Perspektiven des Landes durchaus positiv sein könnten. Der Klimawandel erlaubt den Abbau von Rohstoffen in immer nördlicheren Regionen. Davon könnte gerade Kanada profitieren, wäre die arktische Infrastruktur des Landes nicht so dünn. Kanadas Politiker haben im hohen Norden jahrzehntelang vornehmlich rhetorisch geglänzt, aber kaum Geld in die Hand genommen.

Auch die Ankündigungen von Ministerpräsident Harper nach dem russischen Tauchgang im Sommer 2007 scheinen in diese Kategorie zu fallen. Denn die von Ottawa anschließend versprochenen Investitionen lassen auf sich warten. Und selbst wenn die Versprechen eines Tages erfüllt sind: Ein neuer Tiefwasserhafen, ein Militärtrainingszentrum, einige Patrouillenboote oder sogar der neue große Eisbrecher "John G. Diefenbaker", den die Regierung bauen möchte - all diese Projekte reichen noch nicht aus. Kanada wird in der Arktis weiterhin viel von seinem Potential verschenken.

Wie fromm der Wunsch nach effektiv ausgeübter kanadischer Souveränität im hohen Norden ist, kann ein Beispiel verdeutlichen: Von Alert, dem nördlichsten kanadischen Stützpunkt auf der Ellesmere-Insel, ist es näher nach Moskau als nach Ottawa. Das allein mag noch nicht dramatisch klingen.

Doch wenn man diese Information mit der Tatsache kombiniert, dass jener Außenposten zur Verteidigung der kanadischen Souveränität bei der letzten Volkszählung im Jahr 2006 mit nur fünf Menschen besetzt war, dann wird klar, dass sich die kanadische Regierung einigermaßen anstrengen muss, wenn sie sich tatsächlich als arktische Macht positionieren will. Im juristischen Streit um den Status der sich öffnenden Nordwestpassage wird sich die kanadische Position auf längere Sicht eher verschlechtern.

Die Perspektiven von Grönland sind gemischt. Die dänische Arktispolitik ist von einem Widerspruch geprägt: Einerseits hat sich das Land ganz besonders für eine politische Lösung des Wettrennens im hohen Norden stark gemacht. So berief die Regierung den Arktisgipfel in Ilulissat ein, der als Minimalergebnis das Bekenntnis der Anrainerstaaten erbrachte, sich auch weiterhin an die völkerrechtlichen Regeln halten zu wollen. Andererseits betreibt Kopenhagen ein großes Forschungsprogramm, um eine möglichst ausgedehnte Gebietsforderung vorzubereiten. Bis heute ist nicht klar, ob der dänische Claim tatsächlich auch den Nordpol umfassen wird. Wenn es aber so wäre, dann würde das zu Problemen mit den Russen und gegebenenfalls mit den Kanadiern führen.

Für die Grönländer ist der sich abzeichnende Rohstoffboom Fluch und Segen zugleich: Einerseits drohen Schäden an der fragilen Umwelt, andererseits bietet sich dem Land die Chance zur kompletten Eigenständigkeit nach Jahrhunderten der Fremdherrschaft. Einige warnen vor dem Traum vom schnellen Reichtum: "Wenn wir unsere Umwelt im Namen der Unabhängigkeit zerstören, dann ist der Preis zu hoch", mahnt etwa Aqqaluk Lynge, Chef des grönländischen Arms des Inuit Circumpolar Council.

"Manche Leute denken, der Klimawandel sei etwas Schlechtes. Wir Grönländer sagen: Wenn das Eis sich zurückzieht, müssen wir etwas tun. Wir wollen einen Gewinn daraus ziehen", hält Aleqa Hammond dagegen. Sie war lange Zeit Finanz- und Außenministerin in der grönländischen Selbstverwaltung.

In jedem Fall hat die Regierung Grönlands viele soziale Probleme zu lösen, die sich durch eine unkontrollierte Flut an Öleinnahmen noch verschärfen könnten. Der oft schlechte Bildungsstandard der Bevölkerung und der hohe Alkoholkonsum müssen langfristig bekämpft werden, wenn das Land stabil wachsen will.

Für Norwegen hängt viel vom zukünftigen Verhalten Russlands ab. Wenn Moskau friedlich und kooperativ auftritt, könnten auch seine Nachbarn im Westen zu Gewinnern im Wettrennen um die Bodenschätze der Polarregion werden, jedenfalls solange der Boom nicht mit schweren Umweltkatastrophen erkauft wird. Norwegen hofft auf große Mengen von Öl und Gas in der Arktis und darauf, dass der aktuelle Wohlstand noch für ein paar Jahre anhalten wird.

In einer politisch stabilen Arktis könnten die Norweger die zur Sicherung des eigenen Wohlstandes so dringend nötige Ausweitung der Öl- und Gasproduktion nach Norden vorbereiten und durchführen. Außerdem werden die technologisch exzellent aufgestellten norwegischen Öl- und Meerestechnikfirmen von einem möglichen Arktisboom in Russland mit profitieren. Der Streit um die Grenzziehung in der Barentssee und die unterschiedliche Auslegung des Spitzbergenvertrages belasten allerdings die Beziehungen Norwegens und Russlands.

Solange diese Fragen nicht geklärt sind, wird Norwegen wohl weiterhin russische Machtspiele fürchten müssen. Und für den Fall, dass Russland gar einen harten, antiwestlichen Kurs im hohen Norden einschlagen sollte, wären die Norweger vermutlich die Hauptleidtragenden, denn die Rückendeckung durch Nato und EU dürfte sich eher in Grenzen halten.

Auf mittlere Sicht würden solche Streitigkeiten zur Importabhängigkeit Norwegens und zu hohen Treibstoffpreisen führen, weil die Lagerstätten in der nördlichen Barentssee wegen politischer Probleme mit den Russen nicht ausgebeutet werden könnten. Norwegen hat ohnehin das Problem, dass es seine Wirtschaft langfristig umstellen muss: weg von der Abhängigkeit von Öl und Gas, hin zu alternativen Einnahmequellen. Denn auch die arktischen Ressourcen sind endlich.

Russland hat alle Trümpfe in der Hand - und ist der entscheidende Mitspieler im Hinblick auf das Schicksal der Arktis. In gewisser Weise sind die Russen für einen Wettlauf in der Arktis gut gerüstet. Sie verfügen nicht nur über die beiden Mir-Tauchboote, sondern vor allem über eine Flotte von einem halben Dutzend Mega-Eisbrechern, die jederzeit auf arktische Patrouillenfahrt gehen können. In den kommenden Jahren sollen drei bis vier Atomschiffe gebaut werden.

Wie für die anderen Staaten hat der Klimawandel in der Arktis auch für Russland sehr ambivalente Folgen. Wenn technische und finanzielle Probleme einmal gelöst sind, dann können bisher ungenutzte Naturressourcen abgebaut werden. Gleichzeitig gibt es aber auch Gefahren, weil in Russland besonders viel Infrastruktur jenseits des Polarkreises liegt. Große Teile davon sind durch den Klimawandel bedroht.

Klar ist, dass Moskau im hohen Norden nur dann gewinnen kann, wenn die Regierung ausländische Investoren für Großprojekte wie Schtokman begeistern kann. Denn die Staatskonzerne Rosneft und Gazprom haben massive Defizite bei der Gas- und Ölfördertechnik. Durch die internationale Finanzkrise sind Kapitalprobleme hinzugekommen. Doch Investoren müssen Rechtssicherheit genießen, einmal geschlossene Verträge dürfen nicht durch die Willkür russischer Behörden ihre Gültigkeit verlieren.

Die russische Regierung spielt mit dem Feuer, wenn sie gesteigerte militärische Aktivität im hohen Norden zur Kompensation ihrer verlorenen Großmachtstellung nutzt. Immer öfter schrammen russische Jets knapp am Nato-Luftraum vorbei. Im Jahr 2007 registrierte das norwegische Militär insgesamt 88 russische Flüge entlang der norwegischen Küste, im Jahr 2006 waren es nur 14. Sogar ein Scheinbombardement auf Norwegens nördliches Kommandozentrum in Bodø wurde bereits abgehalten.

Das ist alles nicht unzulässig, stellt aber einen Bruch der diplomatischen Etikette dar. Dabei würden in einer aufgeheizten politischen Situation in der Arktis vor allem die Russen selbst verlieren, könnten sie doch ihre Rohstoffvorkommen dann nicht ohne weiteres abbauen und international vermarkten. Doch Moskaus Absagen an militärische Mittel wirken mehr als halbherzig.

Eine wichtige Zäsur wird die neuerliche Entscheidung über den russischen Gebietsantrag bei der Uno darstellen. Den Uno-Experten dürfte es sehr schwer fallen, Moskaus Diplomaten noch einmal zurückzuweisen. Der politische Druck ist immens: Wenn die russischen Forderungen diesmal nicht anerkannt werden, dann trete sein Land aus dem Uno-Seerechtsübereinkommen aus, so die Drohung von Artur Tschilingarow. Dazu wird es wohl nicht kommen, da die von den Russen gesammelten Daten voraussichtlich um einiges besser sind als beim letzten Anlauf. Russlands Chancen auf Gebiets- und damit auch Prestigegewinne stehen also gut. Was die Führung im Kreml daraus macht, bleibt abzuwarten.

insgesamt 231 Beiträge
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Ökopit 13.09.2008
1. Wem? - Mir natürlich!
Zitat von sysopBisher wurden die Bodenschätze am Nordpol nur sehr zurückhaltend abgebaut. Steigende Energiepreise und steigender Bedarf wecken jedoch Begehrlichkeiten - sollen die Reserven unter der Arktis künftig intensiver ausgebeutet werden?
... wollte ich spontan antworten, als ich die Überschrift las - so werden aber wohl auch die anderen 6,7 Mrd. Menschen denken, also ist es auch hier wieder nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick scheint! Zu der weiteren Frage, ob diese Bodenschätze genutzt werden sollen, warum eigentlich nicht, denn eine "Sünde" (oder Verschwendung) ist nur die "Nichtnutzung! Und "Nichtnutzungsgebiete" (Naturschutzgebiete / Naturparks / Nationalparks / FFH - Schutzgebiete usw. usw.) haben wir sicher schon genug.
MarkH, 14.09.2008
2.
Zitat von sysopBisher wurden die Bodenschätze am Nordpol nur sehr zurückhaltend abgebaut. Steigende Energiepreise und steigender Bedarf wecken jedoch Begehrlichkeiten - sollen die Reserven unter der Arktis künftig intensiver ausgebeutet werden?
Sicher wer es machen will und den Preis dafür zahlt-.. sollte es tun. Ein HArtz4-Job kann das dann aber nicht sein
Ökopit 14.09.2008
3. So so?
Zitat von MarkHSicher wer es machen will und den Preis dafür zahlt-.. sollte es tun. Ein HArtz4-Job kann das dann aber nicht sein
Könnte nicht gerade die Erschließung "des Nordens" (auch) eine Chance für "Hartz IV"-er (im übertragenen Sinne) = will sagen, für alle in den heute entwickelten Gesellschaften durch Rationalisierung überflüssig gewordenen Menschen sein? Das Problem von "Hartz IV" ist beispielsweise doch nicht, dass alle davon Betroffenen "faul und unwillig" sind, viele einfache Tätigkeiten sind einfach wegrationalisiert worden, und "das unbesiedelte Amerika zum Auswandern" gab es im 20. Jahrhundert einfach nicht! Gebiete im Norden, die durch den Klimawandel "nutzbar" werden, könnten einen neuen "Westen" bedeuten, also kaufen wir dort Land und schaffen "Dörfer und Städte", wie wir sie uns vorstellen - die Menschen dazu werden freiwillig kommen, nicht nur die (nicht faulen) Hartz IV-er aus Deutschland, auch Millionen (zweit- und drittgeborene) Söhne aus allen eher feudal strukturierten Ländern der von uns verachteten "Dritten Welt"! Und wenn wir vernünftige Gesetzte schaffen, werden wir auch eine "zufriedene" Gesellschaft erhalten (Warum sollten wir Bierbrauen oder Schnapsbrennen verbieten, wenn unsere Kolonisten neben ihrer Nahrung dafür ausreichend Gerste und kartoffeln anbauen können?) Warum sollten wir den Waffeneinsatz reglementieren? Für jeden Erschossenen stehen drei potentielle Bewerber an den Grenzen? Warum sollten wir viele andere reglementiernde Regelungen unserer Heimat übernehmen - wir wollen nicht nur eine bessere Welt, unsere Welt im Norden soll "das Paradies auf Erden" werden! Aufgewacht, aber über den "Traum" sollte wirklich weiter nachgedacht werden ...
AlextheMADCAT 15.09.2008
4. Ich sage mal...
Zitat von sysopBisher wurden die Bodenschätze am Nordpol nur sehr zurückhaltend abgebaut. Steigende Energiepreise und steigender Bedarf wecken jedoch Begehrlichkeiten - sollen die Reserven unter der Arktis künftig intensiver ausgebeutet werden?
ganz plakativ Ja. Auch wenn diese Reserven uns natürlich nicht davon befreien nach Alternativen zu suchen.
malaki 15.09.2008
5. Ist doch klar...
Zitat von sysopBisher wurden die Bodenschätze am Nordpol nur sehr zurückhaltend abgebaut. Steigende Energiepreise und steigender Bedarf wecken jedoch Begehrlichkeiten - sollen die Reserven unter der Arktis künftig intensiver ausgebeutet werden?
Sie gehören dem der mit den meisten Kriegsschiffen dort hinfährt.
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