Rost Sonnenstürme setzen Pipeline unter Strom

Rost hat die Schließung der Trans-Alaska-Pipeline erzwungen - offenbar zur Überraschung der Beteiligten. Physiker wissen, dass im Norden ein Teilchenschauer von der Sonne auf die Erde niedergeht - und auch auch die Korrosion beschleunigt.


Es kam schon überraschend, als der Ölmulti BP von einem Tag auf den anderen das größte Ölfeld der USA schloss, Prudhoe Bay im arktischen Norden Alaskas. Schäden an der beinahe 1300 Kilometer langen Trans-Alaska-Pipeline waren der Grund. Wie plötzlich erkannten die Verantwortlichen die Folgen der Korrosion? Die Regierung des US-Bundesstaats jedenfalls war nicht vorab unterrichtet worden und hat mittlerweile eine Untersuchung angekündigt, auch weil dem Staatssäckel täglich über sechs Millionen US-Dollar Steuern entgehen - und das, solange die möglicherweise monatelange Reparatur der Pipeline andauert. Im Norden der Trasse ist ein 26 Kilometer langer Abschnitt durchgerostet und muss ausgetauscht werden.

Ein deutscher Physiker führt die Ermüdung im bedeutenden Maße auf die Sonne zurück, genauer gesagt auf die Auswirkung von Sonnenstürmen. Starke Magnetfelder großer Flecken auf der Oberfläche der Sonne können Gaswolken ins All schleudern - das ist Lehrbuchwissen.

Deren Teilchenschauer sind elektrisch geladen und stören auch das Erdmagnetfeld, wenn sie nach der mehrere Tage dauernden Reise bei uns ankommen. Die stärkeren der sogenannten geomagnetischen Stürme können Satelliten, den Handy- und Funkverkehr sowie technische Anlagen stören, weil sie Ströme induzieren. Als verbürgt gelten Berichte von Sonnenstürmen, die Telegrafenleitungen lahmgelegt haben. Auch die Metallröhren einer Pipeline bleiben da nicht verschont: In ihnen baut sich Spannung auf.

An den Stahlummantelungen der Rohrleitungen herrschten dann stunden- oder tagelang elektrische Spannungen von bis zu zwölf Volt, sagte der Astrophysiker Frank Jansen von der Universitätssternwarte in Greifswald. Dies beschleunige die Korrosion enorm und könne im Verlauf von Jahren sogar zu kleinen Löchern in den Röhren führen.

Auch deutsche Gasleitung unter Strom

Je nördlicher sich eine Pipeline befinde, desto intensiver sei sie den Folgen kosmischer Teilchenschauer ausgesetzt. Das hätten entsprechende Untersuchungen in Kanada, Schweden und Finnland bewiesen. Auch die deutsche Ruhrgas-Pipeline in Hessen habe nachweisbar im Februar 1999 nach einem Sonnensturm unter erhöhter Spannung gestanden, sagte Jansen.

Der Wissenschaftler besuchte vor kurzem die Alaska-Pipeline und informierte sich über deren Zustand. Jansen betreibt seit sechs Jahren in Greifswald eine Weltraumwetterwarte, in der auf der Basis von Satellitenmessungen die Sonnenaktivität beobachtet wird. Ziel ist es, das Herannahen gefährlicher galaktischer Teilchenschauer vorauszusagen. In Greifswald soll zudem im Herbst das Weltraumwetter-Teleskop "Mustang" der Europäischen Raumfahrtbehörde (Esa) aufgebaut werden.

Für Erscheinungen im Weltraumwetter gibt es drei verschiedene Warnstufen. Während die Stufe "Grün" auf eine normale Sonnenaktivität und kosmische Strahlung hinweist, informiert "Gelb" über erhöhte Aktivitäten. Mit der Stufe "Rot" warnen die Wissenschaftler vor den unmittelbaren Auswirkungen starker Weltraumwetterereignisse auf der Erde.

stx/ddp/rtr



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