Roulette Angriff auf Hohensyburg

Von Christoph Drösser

2. Teil: Magnete, Taschencomputer, Rechenmodelle: Lesen Sie im zweiten Teil, wie Profi-Spieler die Casinos zu überlisten versuchen


Jörg Fokuhl / www.joergfokuhl.com
Das Roulette mit technischen Mitteln zu besiegen, haben schon viele versucht. Manchmal durch Manipulation des Spielgeräts - etwa indem ein verbündeter Croupier die Elfenbeinkugel gegen eine mit Metallkern austauscht, die dann mit starken Magneten beeinflusst wird. Hier geht es aber um die reine Beobachtung des unbeeinflussten Kugelwurfs. 1978 begann Pierre Basieux, seine Erkenntnisse technisch umzusetzen. Schon damals waren kleine Taschencomputer erhältlich, wenngleich heutige Hardware viel komplexere Berechnungen erlaubt. 1983 war sein Verfahren schließlich ausgereift für verlässliche Prognosen. Basieux ging ins Spielcasino von Bad Wiessee, setzte im Übermut ständig den Höchsteinsatz - und gewann. 185.000 Mark. Der "jugendliche Leichtsinn", wie er es rückblickend bezeichnet, trug ihm eine Schlagzeile in der Münchner Abendzeitung ein. Sowie Hausverbot im Bad Wiesseer Casino. Zurzeit lassen ihn die bayerischen Spielbanken wieder herein - solange er nicht setzt, wenn die Kugel schon rollt.

Bei seinem Verfahren geht es zunächst darum, vorherzusagen, an welcher der Rauten die Kugel "streut" und welche Zahl sich zu diesem Zeitpunkt unterhalb dieser Raute befindet. Weil bis dahin alle Bewegungen chaosfrei ablaufen, ist eine solche Prognose exakt möglich, sofern die Messwerte genau genug sind. Im Schuh des Beobachters (der entweder mit einem "Komplizen" zusammenarbeitet oder selbst die Einsätze macht) steckt ein verborgener Schalter. Mit ein paar Klicks der Fußspitze wird die Geschwindigkeit von Ball und Zahlenkranz erfasst. In der Messphase, die aus etwa 45 Kugelwürfen besteht, wird außerdem eingegeben, mit welcher Raute die Kugel jeweils zuerst kollidiert ist. Diese Zahlenwerte genügen dem Minicomputer in der Westentasche für die Prognose.

In der realen Spielsituation macht der Computer keine komplexen ballistischen Berechnungen, sondern sucht aus den gemessenen Beispielen einen Wurf, bei dem die Kugel dieselbe Geschwindigkeit hatte. Dann werden alle anderen Daten entsprechend angepasst und die "Kollisionsraute" sowie die "Kollisionszahl" vorhergesagt.

Der Spieler aber will nicht wissen, an welcher Raute die Kugel abprallt, sondern in welchem Fach sie landet. Es geht also darum, die zweite, chaotische Phase des Kugellaufs irgendwie vorherzusagen. Dafür hat der Spieler schon im Vorfeld Hunderte von Würfen am selben Kesseltyp mit derselben Kugelsorte analysiert und notiert, wie weit von der Kollisionszahl entfernt die Kugel schließlich landete. Hat er Pech, ergibt sich eine gleichmäßige Verteilung über die 37 Felder - Prognose unmöglich. Basieux' zentrale Erkenntnis lautet aber: Diese Streuweiten sind meist nicht gleich verteilt, sondern haben Minima und Maxima. Beim Hohensyburger Kessel mit seinen zwölf Rauten etwa ergibt sich ein deutliches Maximum, 19 Felder von der Kollisionszahl entfernt. Auch wenn eine wirkliche Prognose weiterhin unmöglich ist - der Vorteil des Casinos ist sehr schmal. Daher reicht schon eine Chance, die etwas besser ist als die Gleichverteilung, um den negativen Erwartungswert in einen positiven zu verkehren.

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Die Prognose: So funktioniert die Roulette-Vorhersage

Seidels Computer berechnet also das Zahlenfeld mit der höchsten Trefferwahrscheinlichkeit und übermittelt diese Prognose über ein akustisches Signal an ein drahtloses Hörgerät im Ohr des setzenden Spielers - und dann muss alles ganz schnell gehen. Selten tritt die Vorhersage genau ein. Die Prognose ist ja keine exakte Berechnung, sondern nur eine statistische Aussage. Aber selbst wenn sie sich nur bei jedem 20. Wurf als korrekt erweist - statt, wie bei völligem Zufall zu erwarten, bei jedem 37. -, hat der Spieler einen komfortablen Vorteil gegenüber der Bank. Er muss allerdings mit längeren Durststrecken rechnen und braucht auch ein gewisses finanzielles Polster.

Nachdem Sabine Lauerbach etwa eine Stunde lang bei fast jedem Wurf gesetzt hat, verlässt ihr Freund seine Position am Kessel. Das Zeichen für den Aufbruch. Auf dem Parkplatz ziehen sie Bilanz: 240 Euro Gewinn in drei Stunden. Nicht eben ein umwerfender Stundenlohn für zwei Personen, wenn man auch noch die Spesen und die Vorbereitungszeit berücksichtigt. In der Bilanz des Casinos werden diese 240 Euro keine Delle hinterlassen. Aber Matthias Seidel ist überzeugt: Der Nachmittag hat bewiesen, dass das System in Hohensyburg funktioniert. Das nächste Mal will er mit höheren Einsätzen spielen.

Das Roulette zu besiegen ist harte Arbeit. Jeder zahlt Lehrgeld - in Form von Anfangsverlusten oder einer Einweisung bei Basieux oder Seidel, die etwa 3500 Euro kostet. Dabei lernt der künftige Spieler die Feinheiten des Roulettespiels kennen, die Mechanik des Geräts, er lernt das Kesselgucken und das Kesselfehlerspiel, bei dem kleine Unregelmäßigkeiten des Geräts ausgenutzt werden. "Wer das nicht beherrscht", sagt Basieux, "der braucht sich erst gar nicht zu bemühen."

Der 60-jährige Altmeister spielt inzwischen nur noch selten, und dann ohne Gerät. Jahrelanges Training hat seinen Blick so geschärft, dass er sich auch ohne Computer einen leichten Vorteil gegenüber der Spielbank ausrechnet. Er setzt kleine Beträge, um kein Aufsehen zu erregen, aber die Gewinne, so sagt er, reichen aus, um ihm die Zeit zum Schreiben seiner Bücher zu verschaffen. Die haben Titel wie Die Zähmung des Zufalls oder Anatomie des Kugellaufs und durchleuchten jeden Aspekt des Spiels. Für diejenigen, die mit Pocket-PC und Funkgerät das Casino besiegen wollen, hat Basieux einen Rat, den er selbst stets beherzigt hat: "Immer das elfte Gebot beachten - lass dich nicht erwischen!"

  • 1. Teil: Angriff auf Hohensyburg
  • 2. Teil: Magnete, Taschencomputer, Rechenmodelle: Lesen Sie im zweiten Teil, wie Profi-Spieler die Casinos zu überlisten versuchen


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