Rückenschmerzen Schlagen wir der Schwerkraft ein Schnippchen

Dass der Mensch aufrecht geht, ist eigentlich ein Fehler der Evolution. Unsere Wirbelsäule ist dafür nicht gebaut, sie muss Belastungen aushalten - die sich bei Vierbeinern besser verteilen.
Von Axel Wagner
Zwicken im Rücken: Muskeln schützen das Skelett vor Überlastung

Zwicken im Rücken: Muskeln schützen das Skelett vor Überlastung

Foto: Corbis

Hatten Sie schon mal Rückenschmerzen? Blöde Frage, denn wohl so ziemlich jeder von uns war bereits betroffen. Immer mehr Menschen klagen sogar täglich. Nicht ohne Grund ist die Rede von einem Volksleiden. Dennoch waren sich australische Wissenschaftler nicht zu schade, jene Frage in den Dienst ihrer Forschung zu stellen. "Hatten Sie schon mal...?" In einer weltweiten Studie sind sie mit Hilfe akribischer Interviews und anatomischer Vermessungsarbeiten dem Ausmaß der Pein zu Leibe gerückt.

Glaubt man den Forschern, die Befragungen aus mehreren Jahrzehnten rund um den Globus ins Visier der Statistik nahmen, so verursacht keine andere Krankheit volkswirtschaftlich so starke Belastungen wie Rückenschmerzen. In Zahlen sind es im Schnitt fast 10 von 100 Menschen, die weltweit dauerhaft und tagelang extrem unter Kreuzschmerzen leiden, berichten die Forscher in den "Annals of the Rheumatic Diseases" . Arbeitsausfall, Schmerzdepression bis hin zur Pflegebedürftigkeit sind die Folgen.

Besonders für Menschen in Mitteleuropa ist die Wirbelsäule eine Qualenquelle, Tendenz steigend. Die Gesundheitsforscher prognostizieren uns schon in wenigen Jahren, auch aufgrund der steigenden Lebenserwartung, ein Volk der Rückenpatienten zu sein. Schließlich gilt die Formel: je älter, desto Schmerz! Die gute Nachricht: In aller Regel stirbt man nicht an Rückenschmerzen, die zweitbeste: Man kann etwas dagegen tun. Sport heißt die Lösung. Klar wussten wir das längst. Nun aber haben wir es amtlich.

Rückenschmerzen - Übeltäter Schwerkraft

Ein Vorschlag: sobald diese Zeilen gelesen sind, kurz aufstehen, sich bewegen, vielleicht ein bisschen BBP-Training. Hinter diesem alle Sportmuffel entlarvenden Kürzel stecken Bauch, Beine und Po. Danach geht's weiter, im Sitzen, versteht sich. Genau diese Vorliebe für eine abgeknickte Körperhaltung machen die Forscher als Hauptursache der drohenden Rückenschmerz-Epidemie verantwortlich. Zwar ermöglicht unsere moderne Lebensweise, dass wir die Beine gefühlte 20 Stunden am Tag getrost in den Schrank stellen könnten. Aber während wir uns im körperlichen Nichtstun üben, schwindet die Muskulatur. B, B und P lassen grüßen. Sie sollten ständig trainiert werden, damit sie unsere Wirbelsäule stützen können.

Bewegungsmangel und Muskelabbau, zwei Verbündete einer schmerzhaft endenden Tragödie. Zu den beiden gesellt sich eine weitere Darstellerin, eine Kraft, die jede Sekunde des Lebens wirkt: die Schwerkraft! Sie ist die eigentliche Übeltäterin des Kreuzleidens und zwingt jeden Körper erbarmungslos zu Boden - auch beim Lesen dieser Buchstaben. Nur ihretwegen brauchen wir überhaupt Muskeln. Und nur ihretwegen haben wir Kreuzschmerzen, denn sie zieht an Knochen und Bändern und setzt so die schmerzleitenden Nervenbahnen unter Dauerstress.

Aufrechtes Rückgrat - ein Prototyp der Evolution

Wer also mit Sport auf Kriegsfuß steht, muss versuchen, die Schwerkraft zu überlisten. Das geht, auch ohne Ticket für die Internationale Raumstation. Des Rätsels Lösung bietet der Sprung in die Vergangenheit unserer Fortbewegung: Als unsere tierischen Vorfahren noch auf allen Vieren die Erde bevölkerten, statt mit Maus und Tastatur durch die Welt zu surfen, waren Rückenschmerzen noch kein Thema.

Über die horizontal gelagerte Wirbelsäule unserer Urahnen konnte sich die Last der Schwerkraft problemlos auf den ganzen Rücken verteilen. Im Zeitalter der aufrechten Körperhaltung konzentriert sich diese Kraft mit voller Wucht auf jene schmale Stelle, wo der Rücken in die Beine übergeht - auf das Kreuzbein eben. Darauf hat uns die Evolution nicht vorbereitet. Das Bauteil "senkrechte Wirbelsäule" kommt in ihren Konstruktionsplänen nur unzureichend vor. Entwicklungsgeschichtlich ist unser Rückgrat also ein Prototyp. Materialfehler von Bandscheibenvorfall über Wirbelverschleiß bis Rückenschmerz werden billigend in Kauf genommen - die Evolution kennt kein Erbarmen.

Dieses zeitlich rückgewandte Biowissen liefert nun die Argumente für den schmerzfreien Blick nach vorne. Aufgepasst: Wer seinem Kreuzleiden bei der Computerarbeit entfliehen will, braucht das mobile Arbeitsgerät einfach nur auf den Büroboden zu legen und kann mit dem Kopf darüber vierbeinig weitersurfen, gleich einem Hund, der gierig in den Napf schaut. So schlagen wir der Schwerkraft ein Schnippchen und entlasten folglich das Kreuzbein. Was der Chef dazu sagt, steht woanders geschrieben. Diese Zeilen sind übrigens - noch - im Sitzen entstanden. Aua!

EXPERTENTIPPS ZUR VORBEUGUNG VON RÜCKENSCHMERZEN

Wie trainiere ich Rückenmuskeln richtig?Wieso ist auch eine trainierte Bauchmuskulatur wichtig für den Rücken?Welche Sportarten sind "rückenfreundlich"?

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