Rückforderung aus Ägypten Streit um Nofretete belastet Archäologen

Ägyptische Archäologen fordern die Büste der Nofretete zurück, das Glanzstück des Neuen Museums in Berlin. Die Absage aus Deutschland kam prompt. Es ist nicht der einzige Streit um die Rückgabe altertümlicher Schätze. Die Folgen bekommen deutsche Wissenschaftler im Ausland zu spüren.
Büste der Königin Nofretete: Zurück nach Ägypten?

Büste der Königin Nofretete: Zurück nach Ägypten?

Foto: Stephanie Pilick/ dpa

Berlin - Ägyptens Chefarchäologe fordert die berühmte Nofretete-Büste aus Deutschland zurück - "offiziell", wie es hieß: Ein Brief entsprechenden Inhalts sei von Ägyptens Ministerpräsident Ahmed Nazif unterzeichnet worden, gab das ägyptische Kulturministerium am Montag bekannt. Deutschland jedoch widerspricht: Ein offizielles Ersuchen Ägyptens über die Rückgabe der Nofretete sei Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) nicht bekannt, sagte sein Sprecher Hagen Philipp Wolf.

Es gebe zwar ein Schreiben vom 2. Januar, adressiert an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, das die Unterschrift des ägyptischen Chefarchäologen und stellvertretenden Kulturministers Zahi Hawass trage, sagt Wolf. Die darin formulierte Bitte um Rückgabe der Nofretete hätten aber weder der ägyptische Ministerpräsident noch andere Regierungsmitglieder unterzeichnet.

Die Episode ist der vorläufige Höhepunkt eines lang währenden Streits um die berühmte Büste. Seit Jahren versucht Ägyptens Altertümer-Chef Zahi Hawass die Büste der Nofretete in ihre Heimat zu holen. Deutschland jedoch hatte selbst eine Leihgabe mehrfach abgelehnt. "In der Sachlage gibt es nichts Neues", sagt nun das deutsche Kulturstaatsministerium.

Die Auswirkungen des Kleinkriegs bekommen vor allem die deutschen Archäologen zu spüren. Sie sind bei ihren Ausgrabungen auf eine gute Zusammenarbeit mit den Behörden der Staaten, in denen sie forschen, angewiesen. Es sind die gleichen Behörden, die die vor Jahrzehnten abtransportierten Fundstücke zurückfordern - unter anderem die Nofretete.

Lizenzen nicht erteilt

Im Irak beispielsweise ist man zwar gegenwärtig eher froh, dass das berühmte blaue Tor aus Babylon in Berlin in Sicherheit ist, da die archäologischen Stätten des Landes nicht wirksam vor Plünderung und Verfall geschützt werden. Doch in Ägypten, wo Zahi Hawass demnächst zwei große neue Museen mit aufsehenerregenden Funden bestücken will, ist die Lage anders.

Das Argument mancher, die Nofretete wäre dort womöglich nicht sicher untergebracht, empfindet Hawass als Beleidigung. Allerdings wurde erst kürzlich mitten am Tag ein Van-Gogh-Gemälde aus einem Kairoer Museum geraubt. Bislang haben die ägyptischen Behörden die deutschen Archäologen, die in ihrem Land forschen, zwar nicht direkt in den Nofretete-Streit hineingezogen. Doch das Beispiel der Türkei zeigt, dass man sich nicht unbedingt darauf verlassen kann, dass dies für immer so bleibt.

Die türkischen Behörden hatten im Streit um die sogenannte Sphinx von Bogazköy bereits mehr als einmal Grabungslizenzen nicht erteilen wollen, um die Deutschen dadurch zur Rückgabe der Figur aus der Hethiter-Hauptstadt Hattuscha zu zwingen. Im Ersten Weltkrieg waren zwei steinerne Sphinx-Figuren aus Hattuscha nach Berlin gebracht worden, wo sie restauriert werden sollten. Eine der beiden Figuren kehrte später zurück in die Türkei, die zweite Figur blieb in Berlin, wo sie bis heute im Pergamonmuseum steht.

Aus Sicht von Experten sind die Ansprüche der Türken auf die Sphinx allerdings rechtlich gesehen besser nachvollziehbar als die Forderung der Ägypter nach Nofretete. Als die Nofretete und andere großartige Altertümer 1912 von deutschen Archäologen gefunden wurden, galt in Ägypten noch das inzwischen abgeschaffte Prinzip der "Fundteilung". Dies bedeutete, dass die Hälfte archäologischer Fundstücke in das Land gingen, das die Ausgrabung finanziert und organisiert hatte, die andere Hälfte blieb in Ägypten.

Ein Tor aus Babylon

Doch nicht nur die Rechtslage ist entscheidend. Die Verantwortlichen in Berlin wissen, dass es nicht die für Wissenschaftler oft sehr interessanten Tontafeln oder Grabbeigaben sind, die große Besucherströme in ihre Museen lenken, sondern Prachtstücke wie die Nofretete-Büste, das Ischtar-Tor aus Babylon und die Bogazköy-Sphinx aus der Türkei. Deshalb, aber zum Teil auch aus konservatorischen Gründen halten sie um jeden Preis an ihren Publikumsmagneten fest.

Die etwa 3300 Jahre alte farbige Büste der Nofretete, der Gattin von Pharao Echnaton, hatte der deutsche Archäologe Ludwig Borchardt 1912 in Tell al-Amarna ausgegraben, einer von Echnaton gegründeten Residenzstadt. Der Chef der ägyptischen Antikenverwaltung, Zahi Hawass, ist der Auffassung, Borchardt habe die Verantwortlichen in Kairo damals mit unlauteren Mitteln hinters Licht geführt . Der Deutsche habe dadurch sicherstellen wollen, dass die vom Bildhauer Thutmosis geschaffene Büste auf jeden Fall nach Deutschland kommt. In Berlin wird diese Täuschungsabsicht jedoch bestritten. Im Auswärtigen Amt ist man der Ansicht, die zerbrechliche Dame sei "rechtmäßiges Eigentum der Stiftung Preußischer Kulturbesitz". Sie müsse deshalb auch nicht an Ägypten zurückgegeben werden.

boj/dpa