Rüstung USA planen Atombombe mit Diebstahlschutz

Bei Flugzeugabstürzen gingen der US-Armee schon mehrfach Atomsprengköpfe verloren. Zwischenfälle dieser Art sollen schon bald kein Problem mehr sein - Washington will neue Bomben mit einer speziellen Terror-Sperre ausstatten. Experten zweifeln.

Von Georg Mascolo, Washington


Die Meldung ging um die Welt, Amerika will erstmals seit Ende des Kalten Krieges wieder eine neue Generation von Atombomben entwickeln. "Reliable Replacement Warhead", zuverlässiger Austausch-Sprengkopf, heißt das milliardenschwere Projekt, mit dem jetzt die Nuklearschmiede Lawrence Livermore beauftragt wurde. Ein neues nukleares Wettrüsten, wie Kritiker behaupten? Thomas D'Agostino, Chef der US-Atomsicherheitsbehörde National Nuclear Security Administration (NNSA), findet schon den Verdacht abwegig: "Hier geht es um keinen Rüstungswettlauf", behauptet er, sondern nur darum, die Bomben sicherer zu machen.

US-Atomwaffentest (November 1952): Washington will diebstahlsichere Bomben bauen
AP

US-Atomwaffentest (November 1952): Washington will diebstahlsichere Bomben bauen

Was immer die genauen Beweggründe der USA tatsächlich sind, D'Agostino hat in einem Recht: Auf Befehl von US-Präsident George W. Bush sollen die Atomsprengköpfe künftig mit besonderen Sicherheitssperren versehen werden, die ihren Gebrauch durch Terroristen unmöglich machen. Im Idealfall, so will es das Weiße Haus, könnte die US-Armee dann sogar einen ihrer Sprengköpfe in Los Angeles, oder New York auf der Straße vergessen – und niemand könnte etwas damit anfangen.

Bis in die sechziger Jahre waren die Waffen überhaupt nicht gesichert. Erst auf Befehl von Präsident John F. Kennedy begannen Wissenschaftler 1962 damit, elektronische Sperren einzubauen. Damals galt die Sorge durchgeknallten Militärs, die auf eigene Faust einen Atomschlag planen könnten. Seither trägt der US-Präsident stets eine spezielle Plastikkarte mit Codes in der Jackentasche, ein elektronischer Schlüssel, ohne den die Waffen nicht scharfgemacht werden können. Weitere Vorkehrungen sollen angeblich das automatische Abschalten des Zündmechanismus beinhalten, wenn der Sprengkopf sich nicht an seiner vorbestimmten Position befindet.

Amerika will die diebstahlsichere Bombe. Die neuen Sicherheitsanforderungen, von Bush schon 2003 in der streng geheimen Präsidentendirektive 28 niedergelegt hat, verlangen noch weit mehr: Nicht nur die Detonation durch Unbefugte sollen die neuen Sperren verhindern, auch die Bombenteile sollen sich selbst zerstören können. Denn selbst wenn Terroristen die Bombe nicht detonieren lassen können, ihre Einzelteile könnten benutzt werden, um einen neuen Sprengkopf zu basteln.

Vorlagen aus Kriminal-Romanen

Das klingt wie Science Fiction - aber in Amerika ist das Szenario in den Köpfen der Politiker, seit Romanautor Tom Clancy sein Buch "The Sum of All Fears" veröffentlicht hat: Israelis verlieren auf den Golanhöhen eine Bombe, die Terroristen dann nach Baltimore schaffen und dort zünden.

Der Weltuntergangsprophet Clancy ist gern gesehener Gast im Pentagon, wo unablässig darüber nachgedacht wird, was der Nation morgen drohen könnte. Um selbst solche Clancy-Varianten auszuschließen, wird in den Nuklearschmieden jetzt an umfassenden Selbstzerstörungsmechanismen gearbeitet: Sprengstoff, Elektronik und der Bombenkern aus hochangereichterm Uran oder Plutonium würden sich automatisch vernichten. Wie - und ob - das genau funktionieren könnte, ist natürlich geheim.

"Es ist von größter Bedeutung, dass wir unsere Waffen so konstruieren, dass sie für Terroristen nicht zu gebrauchen sind", sagt Bruce Goodwin, Chef der Konstruktionsabteilung in Livermore. Das Design des Kalten Krieges, so sein Argument, beinhalte keinerlei solcher Sicherungen. "Für die Rote Armee gab es keinen Grund, ein Kommando von Selbstmördern auszusenden, um eine Bombe zu stehlen", sagt Goodwin. "Sie hatten ja selbst genug."

Atomanschlag als größte Bedrohung der USA?

Obwohl den USA – so wie keinem anderen Kernwaffenstaat – bis heute niemals eine Bombe gestohlen wurde, verfolgt das Weiße Haus das ehrgeizige Projekt. Washington verweist darauf, dass bei Flugzeugsabstürzen schon mehrfach Sprengköpfe im Meer verschwunden seien.

Allein bis 1968 wurden 1250 "Vorfälle und Unfälle" beim Herstellen, Lagern oder Transportieren von Sprengköpfen geheim gehalten; 41 nukleare Bomben und Raketen waren an Bord abstürzender Militärflugzeuge; weitere 24 Atomwaffen wurden rechtzeitig vor dem Crash abgeworfen oder sie gingen auf Schiffen der U. S. Navy versehentlich über Bord.

Für Bush ist die Bedrohung amerikanischer Großstädte durch einen Nuklearschlag zu so etwas wie einer fixen Idee geworden, auch ein Expertengremium erklärte einen Atomanschlag durch Terroristen zur größten Bedrohung der USA.

So groß ist die Sorge in den USA inzwischen, dass überall im Land Detektoren für das Aufspüren von Radioaktivität installiert werden. In den US-Häfen werden Container aus Übersee inzwischen routinemäßig auf Strahlung überprüft – obwohl die eingesetzte Technologie noch immer als leicht zu täuschen und störanfällig gilt.

Bleibt die Frage, ob sich Bushs Traum von der supersicheren Bombe überhaupt bewerkstelligen lässt. Bob Peurifoy ist skeptisch - er war einer der Techniker, der in den sechziger Jahren in Kennedys Auftrag überall in der Welt die US-Sprengköpfe mit den ersten Sperren versah: "Wenn Terroristen wirklich eine Bombe in die Hand bekommen, wird es über kurz oder lang auch eine Explosion geben", vertraute der Experte der "Los Angeles Times" an.

Und nicht einmal Phillip Coyle, einst stellvertretender Chef in Livermore, traut seinen Kollegen zu, die idiotensichere Bombe zu bauen: "Sie tun so, als könne man eine Nuklearwaffe in Bagdad vergessen und niemand wüsste damit etwas anzufangen", höhnt Coyle. "Aber so einfach ist es nicht."



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