Ruinenstadt Teotihuacán Gräbersuche in der Stadt der Menschenopfer

Die rätselhafte Ruinenstadt bannte den Kosmos in Stein: der Prototyp einer perfekten Pyramidenanlage. Obwohl sie Azteken, Mayas und ganz Mittelamerika beeinflussten, sind die Namen der Fürsten von Teotihuacán unbekannt - und ihre Gräber bis heute verschollen. Forscher suchen mit Hightech.
Von Hans-Joachim Löwer

Diese Ruinen sind, so scheint es, ein ewiges Mysterium. Die Stadt, die hier vor 1500 Jahren stand, war so groß wie das antike Rom. Sie hatte mindestens 125.000, vielleicht sogar 200.000 Einwohner. Aber wir kennen noch nicht einmal ihren richtigen Namen. Die Azteken, die diesen Ort bei ihrer Ankunft in der Mitte Mexikos im 13. Jahrhundert menschenleer vorfanden, woben um ihn nur ihre eigenen Legenden. Sie glaubten, dass sich hier die Götter in epochalen Zyklen trafen, um dem Kosmos neue Kräfte zu verleihen. So schufen die Azteken die Bezeichnung "Teotihuacán" – und das bedeutete in ihrer Sprache: "Wo Menschen Götter wurden".

Die Straßen und die 2000 Wohnkomplexe, die das Stadtbild in der Blütezeit prägten, waren wie mit dem Lineal gezogen. Sie waren schachbrettartig und symmetrisch geplant, mit geradezu militärischer Präzision gebaut, die Wände von Stuck verkleidet und mit Fresken verziert. In den Überresten dieser Gebäude haben die Forscher jedoch keine einzige Spur eines Palasts gefunden, kein Bild und keine Statue einer Herrscherfigur, die Aufschluss geben könnte über das Regierungssystem. War Teotihuacán, wie manche Forscher spekulieren, die erste Republik auf dem amerikanischen Kontinent?

Kein Zweifel, die Stadt hatte fähige Künstler. Relikte von Wandgemälden in Rot, Blau und Grün wurden gefunden, sie zeigen nackte, aber auch reich gekleidete Menschen zusammen mit Tieren und Pflanzen in verwirrenden Kompositionen. Nur hat bisher niemand diese Bilder entschlüsseln können. Keine Handelsbücher und keine Kriegsberichte kamen zum Vorschein, keine Stelen oder Schrifttafeln, auf denen der Nachwelt etwas überliefert werden sollte. So liegt diese Kultur, die vom 3. bis zum 6. Jahrhundert große Teile des heutigen Mexiko dominierte, für uns nach wie vor im geschichtlichen Dunkel.

Eine 2,4 Kilometer lange und 45 Meter breite Straße zieht sich als Hauptachse mitten durch die Stadt. War sie eine Promenade oder Schauplatz für Paraden? Sie ist aus der Nordrichtung etwas nach Osten gedreht, steigt von Süden her sanft an und weist in ihrer Verlängerung genau auf eine Einkerbung am Gipfel des Cerro Gordo, der im alten Mexiko als heiliger Berg galt. Ist sie der städtebauliche Ausdruck für die Passage von der Unterwelt zum Himmel, die sich in den Mythen mesoamerikanischer Völker findet? Die Azteken nannten sie die "Straße der Toten", und auch dieser Name hat sich bis heute erhalten.

Nach Norden hin schließt ein knapp 43 Meter hohes Monument, die so genannte Mondpyramide, die Straße und damit das Stadtzentrum ab; hier wurden die jüngsten Skelettfunde gemacht. An der Ostseite ragt die quadratische Sonnenpyramide, eine der gewaltigsten Bauleistungen der Antike, 65 Meter in die Höhe. Sie wurde aus tezontle, rötlichem Vulkangestein, erbaut, dann mit Kalk verputzt und rot gestrichen. Mit gut 225 Meter Seitenlänge ist sie fast so groß wie die Cheops-Pyramide in Ägypten. Auf ihrer breiten Plattform, zu der 248 Stufen hochführen, können sich große Menschenmengen versammeln. In ihrem Innern stießen Archäologen zwar auf einen Tunnel und höhlenartige Gewölbe – ansonsten aber nur auf Schutt und Stein.

Das Geheimnis dieser gigantischen Pyramide, so vermuten die Forscher, ist der Schlüssel zum Geheimnis dieser Stadt. Sie begannen, die Entfernungen um das Bauwerk herum zu messen, und fanden heraus, dass zwei Strecken fast genau die gleiche Länge hatten: Von der Ost-West-Mittellinie der Sonnenpyramide waren es 833 Meter zur Nordgrenze der Mondpyramide und 829 Meter zum Flusslauf des Río San Juan, der die Stadt in ihrer Frühphase nach Süden begrenzte. Das Bauwerk stand also genau im Zentrum von Teotihuacán. Und das konnte, befanden die Wissenschaftler, kein Zufall sein.

Jedes Monument in Teotihuacán wurde entsprechend seiner astronomischen Bedeutung platziert

Weil die Forscher die Maßeinheiten der damaligen Zeit nicht kannten, schufen sie ein willkürliches Maß, auf Englisch Teotihuacan Measurement Unit (TMU) genannt, eine solche Einheit entspricht genau 83 Zentimetern. Als sie mit Hilfe der TMU weitere Messungen vornahmen, verschlug es ihnen die Sprache: Von der Ostseite des "Großen Komplexes", einer Art Markt- und Veranstaltungsplatz, der um das Jahr 250 südlich des Flusses errichtet wurde, bis zur Ostseite der Zitadelle, einer Festung mit Platz für 100.000 Menschen, die von einer dritten Pyramide überragt wird, waren es 584 TMU. Vom Südrand der Zitadelle bis zu der Mauer, die das Terrain im Norden begrenzte, waren es wiederum 584 TMU. 584 – das ist genau die Zahl der Tage im Zyklus des Venuskalenders.

"Offenbar wurde diese Stadt so angelegt, dass sie bestimmte Dimensionen von Raum und Zeit symbolisierte", resümierte der japanische Archäologe Saburo Sugiyama seine jahrelangen Forschungen in Teotihuacán. Die Stadt sei als Zentrum des Kosmos konzipiert worden. Das "außergewöhnliche Kosmogramm" habe "gesellschaftliche Macht" demonstriert und sei "von Staats wegen für politische Zwecke genutzt worden".

Die Forscher maßen noch weitere Distanzen, von Mittel- zu Eckpunkten, von Mauer zu Mauer. Immer neue Zahlenkombinationen fügten sich auf einmal zusammen. In der Architektur von Teotihuacán spielten offensichtlich nicht nur der Venuskalender, sondern auch der Sonnenkalender mit seinen 365 Tagen und der Ritualkalender mit seinen 260 Tagen eine wichtige Rolle. Im komplexen Rhythmus dieser Kalender war einst das gesamte geistliche und weltliche Leben der alten Hochkulturen Mesoamerikas – von den Olmeken über die Maya bis zu den Azteken – organisiert. Nirgendwo aber scheinen kalendarische Prinzipien architektonisch so strikt umgesetzt worden zu sein wie beim Bau dieser altamerikanischen Metropole, deren Reste heute eine knappe Autostunde nordöstlich von Mexiko-Stadt zu bestaunen sind.

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Die Pyramide auf der Zitadelle scheint als Venuszentrum errichtet worden zu sein. Sie war der gefiederten Schlange geweiht, jenem eigenartigen altmexikanischen Fabelwesen, das, die Venus symbolisierend, den Menschen die Zeit (in Form des Kalenders) und den abgegrenzten Raum (die irdische Welt) gebracht haben soll. Im Codex Chimalpopoca, der Hauptquelle unseres Wissens über die aztekische Mythologie, ist Quetzalcóatl ("Gefiederte Schlange") als Gott dargestellt, der in die Gewässer der Unterwelt hinabsteigt, um dort gegen die Götter der Finsternis zu kämpfen, und dann siegreich mit neuer Nahrung für die bestehende Welt zurückkehrt.

War der Río San Juan ein Symbol für das Wasser der Unterwelt? Die "Pyramide der gefiederten Schlange" ist das älteste bekannte Bauwerk, an dem dieser Mythos durch Skulpturen dargestellt ist. Die Götter der Azteken hatten ihren Ursprung also wohl schon ein ganzes Jahrtausend zuvor. Teotihuacán könnte eine Quelle für mesoamerikanische Kulturen gewesen sein, die sich danach bis zur Ankunft der spanischen Eroberer im 16. Jahrhundert entwickelten.

Liegen hier etwa auch die Wurzeln der mathematischen Besessenheit, mit der die benachbarten Maya die Gestirne beobachteten? "Jedes Monument in Teotihuacán, vermutlich gebaut zur Götter- und Ahnenverehrung, wurde wohl entsprechend seiner astronomischen Bedeutung platziert", schrieb Sugiyama nach Abschluss seiner TMU-Studien. "Religiöse und astrologische Konzepte von Zeit und Raum wurden in Bezug auf sakrale Bauwerke realisiert. Die Stadt war eine in Stein gehauene Version der mesoamerikanischen Kosmologie."

Wie könnte es verwundern, dass es in einer so majestätischen, von Mythen regierten Stadt Menschenopfer gab? Offensichtlich führen auch bei diesem Thema die Spuren von den Azteken ein ganzes Jahrtausend weiter in die Geschichte zurück. Als 1519 die Spanier ins Land kamen, erlebten sie, wie im Zeremonialzentrum der aztekischen Hauptstadt Tenochtitlán Kriegsgefangene auf die Hauptpyramide geschleppt wurden. Wie Priester ihnen die Brust aufschlitzten und das Herz herausrissen, um – so der Glaube – mit dem Blut die Sonne zu ernähren. In Teotihuacán waren Menschen offenbar Opfergaben, mit denen bestimmte Bauabschnitte der Pyramiden feierlich geweiht wurden.

Die blutigen Rituale strukturierten die Gesellschaft - und dienten den Herrschern zur Legitimierung ihrer Macht

Schon vor 100 Jahren, als die von Strauchwerk überwucherten Ruinen entdeckt wurden, fand der Mexikaner Leopoldo Batres bei Ausgrabungen an der Sonnenpyramide menschliche Überreste. Sie stammten vermutlich von zwölf Mädchen, deren Leichen auf alle vier Ecken der untersten drei von insgesamt 20 Stockwerken verteilt waren. In den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts kam eine ganze Reihe neuer Funde dazu. Sugiyama, der Amerikaner George Cowgill und der Mexikaner Rubén Cabrera drangen in die "Pyramide der gefiederten Schlange" ein und gelangten durch einen Tunnel, den Plünderer gegraben hatten, fast bis zum Zentrum. In 21 Gräbern, verteilt auf die Ecken, Kanten und die Mitte des Bauwerks, stießen sie auf Skelette von insgesamt 133 Menschen, die hier alle vermutlich nicht eines natürlichen Todes gestorben waren. "Nach und nach war ein Muster zu erkennen", erklärte Cabrera. "So konnten wir uns viel Tunnelgräberei ersparen." Die Opfer waren, nach Geschlechtern getrennt, in Gruppen von vier, acht, neun, 18 und 20 angeordnet – alles Schlüsselzahlen im Kalender und in der Kosmologie der mesoamerikanischen Völker.

Tenochtitlán, die Hauptstadt der Azteken, hatte für solche Zeremonien einen heiligen Bezirk. Teotihuacán, der mysteriöse Vorläufer, war – so Sugiyama – als ganze Stadt ein Heiligtum. "Kriege und die folgenden Menschenopfer (oder Menschenopfer und die dafür nötigen Kriege, wie diese Menschen es sahen) waren offensichtlich wichtige Institutionen", schrieb er. "Sie strukturierten die Gesellschaft, charakterisierten die Politik und die kulturellen Inhalte von Teotihuacán. Die "Pyramide der gefiederten Schlange" repräsentierte – wie eine mythische Metapher – das System der Herrscher, die solche Rituale in ihrem Sinn instrumentalisierten.

Der Einfluss der Kultur von Teotihuacán breitete sich durch die Jahrhunderte über ganz Mesoamerika aus. Hinweise darauf finden sich in der Keramik, Ikonografie und Architektur vieler Maya-Stätten: Copán in Honduras, Altun Ha in Belize, Tikal und Kaminaljuyú in Guatemala sowie in vielen Ruinenstädten auf der Halbinsel Yucatán. Die Pyramiden von El Tajín im Bundesstaat Veracruz tragen den Stempel von Teotihuacán, im Bundesstaat Oaxaca deuten Hieroglyphen auf Hochachtung für Teotihuacán als "Ort des Schilfrohrs" hin. Und erst im Frühjahr 2006 wurde auf einem Hügel in Iztapalapa am Ostrand von Mexiko-Stadt, wo seit 1833 an jedem Karfreitag die Kreuzigung Christi inszeniert wird, eine 18 Meter hohe Pyramide entdeckt. Sie war um das Jahr 500 errichtet worden und trägt Züge der Teotihuacán-Kultur.

Zur Zeit versuchen Wissenschaftler in der Sonnenpyramide mit Hilfe von High Tech die entscheidenden Erkenntnisse zu gewinnen. Ein Detektor soll von Dezember an ein Jahr lang die Ströme von subatomaren Teilchen, so genannten Myonen, messen, die beständig aus dem Weltall auf die Erde herunterregnen. Sie entstehen, wenn kosmische Strahlung mit der Atmosphäre kollidiert, und werden von Materie wie etwa dem Felsgestein im Innern einer Pyramide absorbiert. Schwankungen in dem Strahlungsfluss könnten Hinweise darauf geben, wo sich eine Grabkammer befindet – vielleicht das bisher nicht gefundene Grab eines Herrschers.

"Ich hoffe, sie finden etwas", sagt der Archäologe Cabrera. "Dann kämen wir unserem Ziel näher, die Geschichte von Teotihuacán ganz neu zu erzählen."