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28. April 2012, 07:42 Uhr

Marathon

Die Droge der Jäger und Dauerläufer

Laufen kann Menschen in einen Rauschzustand versetzen. Warum eigentlich? Forscher glauben, die Glücksgefühle haben evolutionäre Gründe: Sie können Menschen seit Urzeiten zur Bewegung motivieren. Was früher bei der Jagd half, treibt heute zum Marathon.

Laufen macht süchtig. So lohnend und entspannend es auch sein kann, längere Strecken in einem guten Tempo zu absolvieren - an diesem Wochenende werden sich viele Sportler eher fragen, warum sie sich den ganzen Stress antun: In Düsseldorf und Hamburg finden Marathon-Läufe statt. Wer nicht die gesamten 42,195 Kilometer anpeilt, läuft einen Halben, oder eine Staffel. Dass sich die Schinderei lohnt, liegt nicht nur an der Medaille, die im Ziel überreicht wird: die natürlichen Opiate, die der Körper während des Laufs produziert, regen das Belohnungszentrum des Gehirns an.

"Jäger und Sammler waren Athleten"

Das kommt dem ein oder anderen Läufer vielleicht bekannt vor. Wissenschaftler um David Raichlen von der Universität Arizona in Tucson wollten es nun aber genau wissen: Wieso belohnt sich der Körper mit rauschartigen Glücksgefühlen? Sie vermuten, dass die Evolution hierbei eine zentrale Rolle spielt. "Jäger und Sammler waren regelrechte Athleten. Sie rannten zum Essen hin und vor ihren Fressfeinden wieder weg", sagt Raichlen. Seine Theorie: Natürliche Auslese könnte neurobiologische Mechanismen wie den "Runners High" gefördert haben, um Menschen zur dauerhaften Bewegung anzuregen.

Um diese Theorie auf die Probe zu stellen, verglichen die Wissenschaftler Menschen und Hunde - die meist gern laufen - mit einem Tier, das kaum weite Strecken rennt, dem Frettchen. "Wir mussten die Tiere erst ein wenig trainieren", erzählt Raichlen der "New York Times". Beim Versuch rannten die Teilnehmer 30 Minuten lang auf einem Laufband. Gemessen an ihrer Herzfrequenz waren die menschlichen und tierischen Läufer hierbei zu 70 Prozent ausgelastet.

"Die Frettchen waren unkooperativ"

Bei einem weiteren Experiment sollten Mensch, Hund und Frettchen 30 Minuten lang auf einem Laufband gehen. "Hierbei waren die Frettchen aber weniger kooperativ, sie blieben in ihren Käfigen", sagt Raichlen.

Die Forscher nahmen vor und nach beiden Laufbandversuchen Blutproben und verglichen die Ausschüttung der natürlichen Stimmungsaufheller. Das Ergebnis: Das Gehen auf dem Laufband hatte den Probanden keine Glücksgefühle beschert. Nach dem Laufen hingegen fanden die Forscher im Blut der Menschen und der Hunde aber große Mengen an Endocannabinoiden vor.

Da keiner der Versuchsteilnehmer ein "Walkers High" erlebte, vermuten die Forscher, dass die natürliche Auslese Menschen und Hunden in ihrer Evolution eher für höhere und für niedrigere Belastung belohnt hat. Die Frettchen erlebten bei den Experimenten überhaupt keine Glücksgefühle, weil ihre Körper keine Opiate produzierten. "Ihnen machte der Dauerlauf also auch keinen Spaß", sagt Raichlen.

Experten finden den Vergleich zwischen Frettchen und Menschen nur bedingt aussagekräftig: "Daraus Thesen abzuleiten ist schwierig. Frettchen leben in Tunneln unter der Erde und schlafen 18 Stunden am Tag", erklärt der Neurologe David Linden der "New York Times". Linden arbeitet als Neurologe an der John Hopkins School of Medicine, in Baltimore (US-Bundesstaat Maryland).

Sportmuffel müssen für den Runners High erst trainieren

Der Studie zufolge haben Menschen ein natürliches Verlangen zu laufen. Bei dem gemeinen Büromenschen scheint dieser Trieb verstummt zu sein. "Sie ignorieren ihn einfach", sagt Raichlen. Warum dies so ist, kann die Studie nicht beantworten. Die Versuchsteilnehmer seien alle ohnehin regelmäßig joggen gegangen. "Sie sind für den typischen Menschen von damals oder heute nicht repräsentativ. Unsere Forschung steht noch am Anfang", schreiben die Autoren.

Könnten die Glücksgefühle Bewegungsmuffel zum Sport anregen? Der Studienleiter ist nicht sehr zuversichtlich: "Dass diese jetzt aufspringen und beim ersten Joggen den Runners High erleben, ist sehr unwahrscheinlich." Sie seien nicht fit genug, um ausreichend Endocannabinoide zu produzieren.

"Wer seine Belastungsgrenze nach und nach aufbaut, wird irgendwann auch durch Glücksgefühle zum Sport angeregt. Frettchen kann ich als motivierende Trainingspartner nach unserem Experiment aber nicht empfehlen."

ajo

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