Russische Chemiewaffen Giftiges Erbe des Kalten Kriegs

Von Simone Schlindwein

2. Teil: Russische Spezialwaffe - auf keiner Liste verzeichnet


Zwei russische Chemiker schockten im Jahr 1992 die Welt - kurz bevor Russland die internationale Konvention über Chemische Waffen unterzeichnen sollte. Lew Fjoderow, später Vorsitzender des Verbandes für Chemische Sicherheit in Russland, und Will Myrsajanow, der später in die USA flüchtete, veröffentlichten in der Moskauer Wochenzeitung "Moskowskije Nowosti" einen bahnbrechenden Artikel. Von einer chemischen Waffe ganz neuen Typs war darin die Rede. "Nowitschok" nannten die Chemiker die Substanz - das russische Wort für "Neuling". Anstatt Gas oder Dampf benutzten die Sowjets angeblich feines Puder, das einen toxischen Nerven-Wirkstoff beinhalte. Noch dazu bestehe das Gift aus mehreren Komponenten. Sie wirkten erst in dem Moment giftig, in dem sie vermischt würden.

Politisch besonders brisant: Die Forscher erklärten, die einzelnen Substanzen für den tödlichen Cocktail seien nicht auf der Schwarzen Liste der internationalen Chemiewaffen-Konvention aufgeführt. Das giftige Puder bestehe aus Inhaltsstoffen, die in jeder sowjetischen Düngemittelfabrik hergestellt werden könnten. "Inspektoren werden es schwer haben, dieses verdeckte Chemiewaffenprogramm zu entschlüsseln", warnte Myrsajanow.

Dabei erwies sich der Kampfstoff als fünf- bis siebenfach so wirksam wie VX-Gas, das innerhalb weniger Minuten die Atemmuskulatur lähmt - und direkt tötet. Hergestellt und getestet wurden die "Neuling"-Chemikalien in Usbekistan, einer Sowjet-Republik in Zentralasien, in der es bis heute zahlreiche Düngemittelfabriken gibt. Wie die BBC berichtete, haben amerikanische Verteidigungsexperten 1999 die Düngemittelfabrik in Usbekistan inspiziert. Doch einen fertig gemischten, hochgiftigen Cocktail aus den dort hergestellten Düngemitteln konnten sie dort nicht entdecken. Angeblich hätten die Russen 1993 alle Dokumente mitgenommen, als sie Usbekistan verließen.

Bis heute bestreitet Russland die bloße Existenz dieses neuen Kampfstoffes. Doch der Amerikanische Verband der Wissenschaftler "FAS" (Federation of American Scientists) schreibt in einem Report 2001: Die USA bezweifele, dass Russland "den vollen Bestand seines Chemiewaffenarsenals offen gelegt hat".

Es herrscht also nach wie vor Unsicherheit darüber, ob es den fertig gemischten Cocktail noch gibt und wenn ja, wo. Auch Luhan von der internationalen Organisation zur Verhinderung von chemischen Waffen ist unzufrieden mit der heutigen Situation: "Wir haben weltweit mehr als 5000 solcher Chemiefabriken auf unserer Liste, die dringend inspiziert werden sollten."

Deutschland - die Wiege der chemischen Kampfstoffe

Ob nun die Nervengase Sarin, die Flüssigkeiten Soman oder Tabun: Die Namensgeber dieser Kampfstoffe waren meistens deutsche Chemiker. Die Nervengifte Sarin und Tabun entdeckten während des Zweiten Weltkrieges eine Wissenschaftlergruppe um den Chemiker Gerhard Schrader, die für die I.G. Farben arbeitete. Eigentlich suchten sie nach einem geeigneten Insektenbekämpfungsmittel - heraus kam letztlich ein höchst wirksames Gift, das im Krieg gegen Menschen eingesetzt werden sollte.

1944 stellten deutsche Fabriken 30 Tonnen Sarin, 12.000 Tonnen Tabun und kleinere Mengen Soman her. Die Wehrmacht füllte Tabun in Bomben und Granaten, die jedoch nie gezündet wurden. Nach dem Ende des Krieges plünderte die Rote Armee die Waffenlabore und brachte die Chemikalien, vor allem Sarin und Soman, in die Sowjetunion. Damit ist das Mega-Arsenal der Russen auch, ein bisschen zumindest, ein deutsches Erbe, für dessen Vernichtung die Bundesrepublik heute bezahlt.

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