Salvador Dalí Vaterschaftstest an einer Leiche - wie geht das?

Weil eine Wahrsagerin Anspruch auf den Nachlass von Salvador Dalí erhebt, soll das Grab des Künstlers heute geöffnet werden. Wie funktioniert ein Vaterschaftstest bei einem Mann, der seit fast drei Jahrzehnten tot ist?

Grabstein von Salvador Dalí
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Grabstein von Salvador Dalí

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Pilar Abel will wissen, wer ihr Vater ist. Sie vermutet niemand geringeren als den spanischen Künstler Salvador Dalí. Das einzige Problem an der Sache: Dalí ist seit fast drei Jahrzehnten tot. Er starb im Januar 1989 in seiner katalanischen Heimatstadt Figueres. Dort ist er auch begraben, in der Krypta unter der Glaskuppel des Theatermuseums, unter einem eineinhalb Tonnen schweren Grabstein.

Im Juni ordnete ein Gericht die Exhumierung an. Am Donnerstagabend soll Dalís Grab nun geöffnet werden, damit Forensiker Proben entnehmen können - sofern ein Richter das nicht in letzter Minute stoppt. Der Wahrsagerin Abel geht es um das Erbe des Künstlers, das dieser dem spanischen Staat überlassen hatte. Sie will nun ihre besondere Beziehung zu Dalí nachweisen, nach all den Jahren. Am 18. September soll ein Gericht über die Sache befinden.

Wie auch immer das Urteil ausfällt - die Richter werden ihre Argumentation entscheidend auf den Vaterschaftstest aufbauen. Der funktioniert traditionell so, dass das Erbgut von Vater und Kind verglichen wird. Einzelne Gene sind dabei unwichtig. Stattdessen schauen Abstammungsforscher auf Bereiche des Erbguts, die keine Baupläne für Proteine enthalten und deren Funktion weitestgehend unbekannt ist. Sie machen mit 98 Prozent ohnehin den Großteil des Erbguts aus.

Künstler Salvador Dalí
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Künstler Salvador Dalí

Lässt sich eine Vaterschaft zu 100 Prozent nachweisen?

Abel hat bereits eine DNA-Probe abgegeben, die sie mit dem Material aus dem Grab verglichen sehen möchte. Besonderes Augenmerk gilt den sogenannten Short Tandem Repeats. Das sind Abschnitte, in denen sich die Basenabfolge der DNA ständig wiederholt: Zum Beispiel Cytosin, Adenin, Thymin, Cytosin, Adenin, Thymin und so weiter. Wie viele dieser Wiederholungen an verschiedenen Stellen der DNA auftreten, unterscheidet sich von Mensch zu Mensch mitunter sehr stark.

Bei einem Vaterschaftstest wird die Länge von 15 bis 40 dieser Bereiche von Vater und Kind verglichen. Sie stimmen in der Regel nicht genau überein. Sind sie sich jedoch sehr ähnlich, ist eine Vaterschaft wahrscheinlich. Gleichzeitig kann man zu 100 Prozent ausschließen, dass jemand der Vater eines Kindes ist, wenn mindestens vier der untersuchten Bereiche weder vom Vater noch der Mutter stammen. Am leichtesten fällt die Untersuchung daher, wenn auch die Mutter Erbgut zur Verfügung stellt.

Ein Vaterschaftstest bei einer Leiche - geht das überhaupt?

Die Chancen auf ein DNA-Profil bei einer Leiche seien recht hoch, sagt Jan Dreßler vom Institut für Rechtsmedizin der Universität Leipzig.

Normalerweise nehmen Abstammungsforscher für ihre Analysen einen Abstrich von der Mundschleimhaut - wie bei Pilar Abel - oder eine Blutprobe, weil das am einfachsten geht. Theoretisch ist aber jedes Körpergewebe geeignet, denn überall steckt DNA drin. Manche Anbieter akzeptieren auch Ohrstöpsel, Gebisse oder Bartstoppeln.

Wahrsagerin Pilar Abel (Archivbild)
DPA

Wahrsagerin Pilar Abel (Archivbild)

Beim DNA-Test an einem Verstorbenen gibt es andere Ansatzpunkte: "Nach langer Liegezeit wird man sich auf Knochen und Zähne fokussieren", beschreibt Dreßler. Denn auch darin, in der Pulpa im Inneren der Zähne oder im Knochenmark, gibt es Gewebe. Und es ist normalerweise gut geschützt.

Für den Test reichen schon kleine Mengen DNA. Im Labor können die Wissenschaftler innerhalb weniger Stunden Tausende Kopien der unterschiedlich langen Short Tandem Repeats herstellen. Anschließend schicken sie die Proben durch ein elektrisches Feld, indem sich kleine Moleküle schneller bewegen als große. Die Unterschiede in den Mustern der Proben von Mutter, Vater und Kind verraten schließlich, ob eine Vaterschaft wahrscheinlich ist oder ausgeschlossen.

Muster eines Erbguttests
Getty Images

Muster eines Erbguttests

Was findet man an einer 30 Jahre alten Leiche?

"Auch nach vielen Jahren bleibt oft erstaunlich viel von einer Leiche übrig", sagt Nicole von Wurmb-Schwark vom Hamburger Forschungsinstitut ForGen. Sie leitet den Bundesverband der Sachverständigen für Abstammungsgutachten. Im Detail hänge der Erhaltungszustand von menschlichen Überresten aber von vielen Faktoren ab.

Eine der Fragen: In was für einem Sarg wurde der Tote bestattet? Denn so lange der Sarg intakt ist, schützt er die Überreste zumindest noch ein Stück weit. "Meistens sind die Särge erstaunlich lange noch da", sagt Wurmb-Schwark. Weitere wichtige Faktoren sind zum Beispiel die Zusammensetzung des Bodens oder die Frage, ob die Leiche einbalsamiert wurde, wie es zum Beispiel in den USA häufig praktiziert werde.

Interessant für Analysen seien auch die Gehörknöchelchen. Seien sie noch vorhanden, lieferten sie schnell verwertbares Material. Und selbst bei einem vergleichsweise schlechten Erhaltungszustand, gebe es oft noch Ansatzpunkte - wie zum Beispiel das sogenannte Felsenbein. Das ist ein Schädelknochen, der das Innenohr umgibt. Er gilt als härtester Knochen des menschlichen Schädels. "Das ist der Geheimtipp der Forensiker", sagt Wurmb-Schwark.

Gibt es eine Altersgrenze für einen Vaterschaftstest?

DNA-Analysen wurden inzwischen sogar schon an den Knochen von Neandertalern durchgeführt - also läge es nahe, diese Frage mit Nein zu beantworten. Aber so einfach ist es nicht. "Wir müssen uns die Knochen jedes Mal im Detail ansehen", sagt Expertin Wurmb-Schwark. Der optische Eindruck sei nicht unbedingt entscheidend - sondern die Beschaffenheit im Inneren.

Sie berichtet von Genanalysen in Massengräbern der Balkankriege, bei denen sie mitgearbeitet habe. Dort habe es Fälle gegeben, in denen sich aus einem Oberschenkelknochen einer Leiche kein DNA-Material habe extrahieren lassen, aus dem anderen schon. "Man muss immer auch ein bisschen Glück haben."



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