Fotostrecke

Samoa: Das trügerische Paradies

Foto: SAMOA VISITORS AUTHORITY/ AFP

Samoa Die Illusion von der Südsee-Idylle

Friedfertige Menschen, sexuelle Freizügigkeit, keine Kriege, nicht einmal Morde: 1928 veröffentlichte die junge Anthropologin Margaret Mead ihren berühmten Bericht über das pazifische Inselreich Samoa. Er gilt bis heute als Musterbeispiel für die Vermischung von Wissenschaft und Wunschdenken.
Von Peter Sandmeyer

Wer aus Europa kommt, erreicht die Insel tief in der Nacht. Air New Zealand, von Los Angeles nach Auckland, Zwischenlandung in Apia um 4 Uhr morgens, Ende eines 25-Stunden-Fluges. Zeitunterschied zum Startort Hamburg: zwölf Stunden. Wie aus der Realität geschüttelt, passiert man mit kleinen Augen die kurze, freundliche Passkontrolle des Malo Sa'oloto Tuto'atasi o Sa moa - des unabhängigen Staates von Samoa.

Das Taxi in die 30 Kilometer entfernte Hauptstadt fährt langsam. Die Fenster sind offen, warme Außenluft wird hereingefächelt, schwer von süßlichen Düften und unvertrauten Aromen. Dazwischen stoßweise der salzige Atem des nahen Meeres. Die Tropennacht ist mondlos und teerschwarz, die Kegel der Autoscheinwerfer schneiden Details aus der Finsternis. Slow-Motion-Bilder, die einen Moment aufblitzen und dann wieder in der Nacht versinken.

Eine Palme. Weiß bemalte Steine, mit denen die Straße eingefasst ist. Üppiges Dschungel-Grün. Eine helle Kirche. Herabgefallene Kokosnüsse. Wieder eine Kirche. Eine Fale, eines der luftigen, allseitig offenen Wohnhäuser. Keine weggeworfenen Dosen. Kein wehendes Altpapier. Kein Schmutz. Der Fahrer telefoniert leise. Es klingt, als ob er singt. Jedes Wort im Samoanischen endet auf einen Vokal, und es erscheint absolut unmöglich, in dieser Sprache Beschimpfungen oder Aggressionen zu formulieren. Bilder und Töne fügen sich zu einem Film. Er sagt: Gute Menschen. Heile Welt.

Sehnsucht nach dem Paradies

Wo sind wir gelandet? Auf einer Südseeinsel oder im Paradies? Samoa: neun Krümel Land inmitten gigantischen Wassers, 362 Dörfer, 180.000 Einwohner, so viele wie in Hamm oder Herne. Durchschnittstemperatur 27 Grad, keine Kälte, keine Hitze, viel Sonne, ausreichend Regen. Fruchtbare Plantagen und weiße Strände, Dschungel und Wasserfälle. Keine giftigen Tiere. Keine Tropenkrankheiten. Ein winziger Flecken im weiten Pazifik, an dem der Sündenfall vorübergegangen und der Garten Eden erhalten geblieben zu sein scheint. Samoa, ein klassisches Sehnsuchtsziel, wie es schon Goethe erträumt hatte, wo sich "das menschliche Dasein, ohne falschen Beigeschmack, durchaus rein genießen lässt".

Noch nie wollte sich die Menschheit mit dem Gedanken abfinden, das Paradies sei unwiederbringlich verloren. Immer gab es welche, die auf der Überzeugung beharrten, es sei als irdisches Paradies irgendwo auf der Erde zu finden, eine "wartende Vorhandenheit", wie Ernst Bloch formulierte. Und immer wieder tauchte auch der Gedanke auf, dieses Paradies sei dort zu entdecken, wo Menschen die Gelegenheit hätten, unverdorben aufzuwachsen und sich ohne die Verkrümmungen und Verklemmungen zu entwickeln, die ihnen Erwachsenenvorbild und Erziehung in den westlichen Gesellschaften zufügten. Denn von Natur aus sei der Mensch durchaus edel, hilfreich und gut. Nur die Deformationen, die er in seinen Kinder- und Jugendjahren von Eltern und Erziehern erleide, verursachten Aggressivität, Rivalität, Eifersucht und Konkurrenzdenken, kurz: all das, was ein mögliches Paradies dann zur Hölle werden ließe.

Demnach wäre der Mensch ein reines Produkt von Kultur und Gesellschaft und kein grimmiger Überlebender eines Existenzkampfes, nicht von den Fegefeuern der Evolution gehärtet, ihren Auslese- und Überlebenskämpfen geprägt; nicht genetisch vollgepumpt mit Egoismus und Adrenalin und von dem glühenden Wunsch besessen, das geilste Weibchen, den potentesten Kerl zu erobern, um mit diesem Partner eigene potente Nachkommen in die Welt zu setzen, und dafür alle Konkurrenten wegzubeißen. Was also ist es, das den Menschen prägt - nature oder nurture, Natur oder Aufzucht?

Was ist entscheidend: Natur oder Aufzucht?

Zwei wissenschaftliche Auffassungen standen sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegenüber, die sich wechselseitig nur mit dröhnendem Gelächter wahrnahmen. Zur ersten Gruppe gehörte eine junge Amerikanerin, dunkelhaarig, sehr schlank und überaus eifrig. Sie war Studentin des aus Deutschland stammenden Anthropologen und Ethnologen Franz Boas an der New Yorker Columbia University, und sie war mit ihm eine strikte Anhängerin des Kulturdeterminismus.

Dem stand in der jungen Zunft der Anthropologen und Ethnologen das Lager der Eugeniker gegenüber. Die einen waren der Auffassung, dass das kulturelle und soziale Umfeld den Heranwachsenden präge, die Bedeutung der Erbanlagen dagegen zu vernachlässigen sei; die anderen sahen es genau umgekehrt: Biologische Faktoren bestimmen das Sozialverhalten des Menschen, soziale Einflüsse sind sekundär. Franz Boas war Wortführer der einen Fraktion, Charles B. Davenport der der anderen.

Es war ein reiner Streit der Meinungen. Keine Seite hatte Belege für ihre Hypothese. Also entschloss sich die junge Studentin, nach solchen Beweisen zu suchen. Sie hatte schon ihren Magister in Psychologie gemacht, jetzt wollte sie mit den Ergebnissen einer eigenen Feldforschung bei Franz Boas promovieren und dabei das Material sammeln, das die Welt von der Wahrheit seiner Lehre überzeugen würde. Sie war 24, ausgestattet mit einem Stipendium von 150 Dollar monatlich, einer halbstündigen Einweisung in die Feldarbeit durch ihren Doktorvater und brennendem Ehrgeiz. Sie hieß Margaret Mead. Am 25. August 1925 kam sie auf Samoa an, dem Ziel ihrer Feldforschung. Sie hatte den östlichen Teil des kleinen Archipels ausgewählt, den, der bis heute amerikanisch ist - in seiner Geschichte, Kultur und Bevölkerung aber keine Unterschiede zu West-Samoa aufweist.

Kirchenglocken wecken nach kurzem Schlaf. Es ist Sonntag und die Bevölkerung der Insel tritt zum Kirchgang an. Jung und Alt, Männer, Frauen, Teens und Twens und Kinder kommen nahezu synchron aus den Fale, den rundum offenen, bis in fast jeden Winkel von außen einsehbaren Wohnhäusern, in denen man keine Geheimnisse vor anderen haben kann; die Frauen in langen weißen Kleidern, die Männer in Lava-Lava, dem klassischen Wickelrock, zu dem sonntags Jackett und Krawatte getragen wird, alle mit dem Gesangsbuch in der Hand. Ihre Spenden werden vor dem Kircheneingang öffentlich abgeliefert und protokolliert. Später verliest der Prediger von der Kanzel, wer wie viel gespendet hat und spart nicht an Kritik, wenn es ihm zu wenig war. "Gottes Segen ist nicht umsonst", sagt er mahnend. Die Rigorosität der sozialen Kontrolle ist beeindruckend.

Margaret Mead setzte auf die kleine, im Osten des Archipels gelegene Insel Ta'u über, bezog dort Quartier bei einem amerikanischen Marine-Apotheker, beschaffte sich eine Dolmetscherin und begann ihre Arbeit. Mit 50 Mädchen und heranwachsenden Frauen im Alter zwischen zehn und 20 Jahren sprach sie über Pubertätsprobleme, Sexualität und das Verhältnis der Geschlechter. Die Feldforscherin erwartete, in dieser spannungs- und konfliktreichen Lebensphase, in der jeder Mensch einen biologischen Wandel seiner Identität erlebt und ihn mit den Normen seiner Umwelt abstimmen muss, das ideale Material für den Wahrheitsbeweis ihrer Hypothese zu finden. Andere Menschen als das halbe Hundert junger Frauen bezog sie in ihre Untersuchung nicht ein. Sie sprach weder mit älteren Frauen noch mit Männern, sie hatte keinen Zugang zu den Matai, den Häuptlingen der Inseln, und sie suchte ihn auch nicht.

Mixtur aus Naivität, Ignoranz und vorsätzlicher Schönfärberei - wie Margaret Mead ein Phantasiebild vom Paradies zeichnete

Tuala Benjamin ist Matai, ein massiger Mann mit imposantem Bauch und großem Schädel, Chef einer Großfamilie und so etwas wie der Bürgermeister und Blockwart von Tafagamanu, 500 Seelen, eine Perlenschnur von Häusern, die sich einen Steinwurf vom Strand entfernt am Meer entlangzieht. Er baut Kakao an und Kokos, er ist Farmer und Fischer und am Sonntag Prediger in der Kongregationskirche; er hat eine Frau mit einem ebenso imposanten Bauch, zehn Kinder, elf Enkel und absolut klare Ansichten darüber, was man in seinem Dorf zu tun und zu lassen hat. Er kann Mädchen verbieten, Jeans zu tragen, er wacht über alle Details des täglichen Lebens, er fordert von jedem seinen Beitrag zum Gemeinwohl, er kontrolliert den Kirchgang, er ist eine Autorität.

Ungefähr 13.000 Matais gibt es auf Samoa. Sie sind das Rückgrat von "Fa'a Samoa": gleichzeitig ein Lebensstil und ein komplexes Regelwerk von ungeschriebenen Rechten und Pflichten, Vorschriften und Zwängen, Tabus und Verboten, Demut und Respekt. Es gibt nichts, was nicht strengstens geregelt ist.

Wehe dem, der sich an die Regeln nicht hält! Einer, der nach Jahren der Arbeitsemigration aus Neuseeland zurückgekehrt war und glaubte, sich die Freiheit leisten zu können, nicht jeden Sonntag zur Kirche gehen und sich den engen Gesetzen seines Dorfes beugen zu müssen, stand eines Tages vor den Trümmern seines niedergebrannten Hauses. "Wer auf Warnungen nicht hört", sagt Matai Benjamin - und macht dann eine Gebärde des Fortscheuchens.

Mead entwarf ein Bild der reinen Idylle

Margaret Mead beendete ihre Feldarbeit nach neun Monaten, kehrte in die USA zurück und begab sich unverzüglich an ihren Schreibtisch. Als Ergebnis ihrer Feldforschung entwarf sie dort das Bild einer reinen Idylle. Frei und ohne Zwänge wüchsen die jungen Mädchen auf Samoa auf, unverkrampft sammelten sie erste sexuelle Erfahrungen, eine wundervolle problemlose Pubertät voller Liebesabenteuer erlebten sie. Es sei ihnen nicht eilig mit dem Erwachsenwerden, sie kosteten diese schöne Phase ihres Lebens in vollen Zügen aus. Jungfräulichkeit habe für die spätere Partnerschaft keine Bedeutung, und es gäbe dank der weitherzigen liberalen Erziehung weder Konkurrenzdenken noch Rivalität oder Eifersucht.

Konflikte, wie sie in den USA die Zeit der Pubertät kennzeichneten, seien auf Samoa so gut wie unbekannt. Neurosen, Frigidität und psychische Impotenz kämen nicht vor. Ebenso wenig Gewalttaten, Mord und Selbstmord. Alles in allem seien die Samoaner "eines der liebenswertesten, friedfertigsten und am wenigsten streitsüchtigen Völker der Welt".

Fazit: Nurture! Der kulturelle Rahmen prägt Erwachsenwerden, Sexualität und Emotionen, nicht der Ablauf der biologischen Vorgänge. Genau das war es, was die Kulturdeterministen immer behauptet hatten. Begeistert äußerte Franz Boas seinen Dank an "Miss Mead" dafür, "dass sie uns ein klares und leuchtendes Bild von den Freuden und den Schwierigkeiten eines jungen Individuums in einer Kultur gibt, die sich von der unserigen völlig unterscheidet".

Suizid mit Pflanzenschutzmittel

Zwei Neffen von Matai Benjamin haben sich mit Paraquat umgebracht, einem Pflanzenschutzmittel, das den Körper von innen verbrennt. Ein qualvoller Tod. Anlass war eine Lappalie, ein kleiner Diebstahl, der entdeckt wurde, der aber auf Samoa keine Kleinigkeit ist, sondern ein Angriff auf "Fa'a Samoa".

Wer einen Blick in internationale Selbstmordstatistiken wirft, staunt: Das kleine Inselreich hat in der Altersgruppe der 24- bis 35-Jährigen eine der höchsten Suizidraten der Welt. Sie zeigt die Kehrseite dieser traditionellen Gesellschaft, in der die Gemeinschaft - repräsentiert von den Matai - weit über dem Individuum steht. Hierarchie, Enge und Konformitätsdruck nehmen den Jugendlichen Luft und Entwicklungsspielraum; rigoros haben sich alle Versuche persönlichen Glücksstrebens den Normen des kollektiven Wohlergehens unterzuordnen.

Wahrscheinlich war das schon immer so. Und vielleicht war diese Normenkollision ein wiederkehrender Anlass und wichtiger Antrieb dafür, dass junge Männer und Frauen sich in Kanus gesetzt haben, auf ihren Booten dem Horizont entgegengefahren sind und neue Inseln gesucht haben, um ihr eigenes Reich zu gründen. Vielleicht hängt das Geheimnis der Eroberung und Besiedelung des riesigen Pazifik mit diesen wiederholten Ausbrüchen aus der Enge einer autoritären, bevormundenden Gesellschaft zusammen. Ein interessanter Ansatz für eine anthropologische Untersuchung. Sie würde bei realen Konflikten und tatsächlichen Selbstmorden ansetzen, nicht bei einem Idealbild, für das dann in der Realität Belege gesucht werden.

Wie Mead das meistverkaufte Anthropologie-Buch schrieb

Margaret Mead veröffentlichte ihre Studie 1928 unter dem Titel "Coming of Age in Samoa". Es wurde sofort ein Bestseller und gilt bis heute als das meistverkaufte anthropologische Werk überhaupt. Seine Ergebnisse wurden in zahllose Sach- und Lehrbücher aufgenommen. Im Zuge der 68er erlebte es noch einmal eine Renaissance und fehlte in keiner Wohngemeinschaft. Nichts war der Zeit willkommener als die Botschaft, alle psychischen Probleme und sexuellen Schwierigkeiten des Einzelnen seien Produkte der repressiven Gesellschaft, in der er lebt. Der Mensch, so die auf Margaret Mead fußende Überzeugung, ist nicht, er wird gemacht. Neurotisch oder normal, aggressiv oder friedfertig, unglücklich oder eben glücklich - wie auf Samoa.

Zweifel und Kritik an den revolutionären Erkenntnissen von Margaret Mead über Samoa und seine Bewohner kamen zwar immer wieder von Samoanern selbst, aber die wurden geflissentlich ignoriert. Erst die Ergebnisse der Feldarbeit des Neuseeländers Derek Freeman, 15 Jahre nach Margaret Meads Abreise begonnen und über Jahrzehnte fortgeführt, erschütterten deren Behauptungen.

Freeman lebte mit Unterbrechungen rund 40 Jahre auf Samoa, er lernte die Sprache der Insulaner und beherrschte sie schließlich sehr gut, er wohnte in einem 400-Seelen-Dorf auf Opulu, wurde vom dortigen Matai in dessen Familie aufgenommen und mit der Würde eines Ehren-Matais ausgezeichnet, er sprach noch einmal mit den Interviewpartnern von Margaret Mead, er wertete Gerichtsakten und Zeitungsartikel aus - und er konnte, als er am Ende seiner umfassenden Untersuchungen 1978 das Ergebnis unter dem Titel "Margaret Mead and Samoa" vorlegte, nicht eine einzige Aussage seiner Kollegin bestätigen.

Die Friedfertigkeit, die sexuelle Freizügigkeit, die angebliche Bedeutungslosigkeit der Jungfräulichkeit, das Fehlen von Neurosen und Gewalttaten, die liberale Erziehung - alles Märchen. Die Arbeit von Margaret Mead, vermeintlich die empirische Untermauerung einer wissenschaftlichen These, erwies sich als eine Mixtur aus Naivität, Ignoranz und vorsätzlicher Schönfärberei. Sie wurde von Derek Freeman vollständig widerlegt. Ein Desaster, ein Schock für die anthropologische Wissenschaft und ein Menetekel dafür, wozu das Wunschdenken eines Wissenschaftlers führen kann.

Margaret Mead hatte auf Samoa das Paradies entdeckt. Aber mit ihm scheint es so zu sein wie mit den "glückseligen Inseln" im Golf Pe-chi-li, von denen Ernst Bloch erzählt: "Sieht man sie von fern, so gleichen sie Wolken; kommt man ihnen nahe, so wird das Schiff vom Wind weggetrieben; erreicht man sie dennoch, so versinken sie im Meer."


Nachdruck aus "Mekkas der Moderne - Pilgerstätten der Wissensgesellschaft". Als "Buch des Jahres" nominiert von "Bild der Wissenschaft".

Aktuelles unter: www.mekkasdermoderne.de 

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.