Massaker an US-Schule Warum nach einem Amoklauf noch viel mehr Menschen starben

2012 tötete ein Amokläufer 26 Menschen an einer US-Schule. Danach schnellten die Waffenverkäufe im ganzen Land nach oben - und mit ihnen die Zahl tödlicher Unfälle.

Waffengeschäft in USA
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Waffengeschäft in USA

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Mehr Waffen bedeuten mehr Sicherheit - das ist schon lange das Credo der Waffenlobby in den USA. Wie falsch die These offensichtlich ist, zeigt nun eine Studie zweier Wissenschaftler vom Wellesley College im US-Bundesstaat Massachusetts.

Phillip Levine und Robin McKnight hatten untersucht, wie sich Waffenverkäufe und tödliche Unfälle in den Wochen nach dem Amoklauf an der Sandy Hook School in Newtown entwickelt hatten. Das Massaker im Dezember 2012 steht symbolisch für das politische Scheitern des Kampfes für strengere US-Waffengesetze.

In gerade mal fünf Minuten tötete ein 20-Jähriger damals an einer Grundschule in Connecticut 20 Kinder und sechs Erwachsene. Der Killer hatte psychische Probleme, war "besessen" von Massenmorden und handelte alleine, wie Ermittler im Abschlussbericht schreiben. Ein klares Motiv fanden sie nicht.

Doch die 26 Toten von Sandy Hook waren nur die unmittelbaren Opfer, wie die Forscher nun im Fachblatt "Science" berichten. In den Wochen danach seien in den USA drei Millionen Waffen zusätzlich verkauft worden - eine typische Reaktion der Amerikaner auf Schießereien. Und diese zusätzlich verkauften Waffen hätten die Zahl tödlicher Unfälle mit Waffen insgesamt steigen lassen. Bei solchen Zwischenfällen seien 20 Kinder und 40 Erwachsene mehr gestorben, als statistisch zu erwarten gewesen sei, schreiben die Forscher.

Auf Geschwister zielen und abdrücken

Sie erklären die zusätzlichen Toten mit der erhöhten Präsenz von Waffen in Haushalten. Immer wieder kommt es zu tragischen Unfällen, wenn etwa Kinder eine herumliegende Waffe ergreifen, auf Geschwister zielen und abdrücken. Doch auch unter Erwachsenen geschehen solche Unfälle.

Levine und McKnight hatten für ihre Studie unter anderem Google-Anfragen analysiert. Im Dezember 2012 - unmittelbar nach dem Amoklauf -, gingen die Anfragen nach "buy gun" deutlich nach oben. Erst drei, vier Monate danach sanken sie wieder auf das Niveau vor dem schrecklichen Ereignis.

Trauer in Newtown nach dem Amoklauf im Dezember 2012
AFP

Trauer in Newtown nach dem Amoklauf im Dezember 2012

Folgendes Diagramm zeigt die relative Häufigkeit der Anfragen von Anfang 2010 bis Mitte 2017. Im Januar 2013, wenige Wochen nach dem Amoklauf, erreichen die Suchanfragen ihren Maximalwert. Zwei weitere Peaks danach hängen offensichtlich ebenfalls mit tödlichen Schießereien zusammen: dem Terroranschlag von San Bernardino (Dezember 2015) und dem Anschlag von Orlando (Juni 2016).

Um die tatsächlichen Waffenverkäufe abzuschätzen, werteten die Forscher die Zahl sogenannter Backgroundchecks aus. Diese führen US-Behörden durch, wenn sich Bürger eine Waffe kaufen wollen. Aus diesen Daten konnten Levine und McKnight die Zahl von drei Millionen zusätzlich verkauften Waffen berechnen - und sie sogar für einzelne Bundesstaaten kalkulieren.

Einen starken Beleg dafür, dass mehr Waffenverkäufe zu mehr tödlichen Unfällen führen, lieferte der Vergleich zwischen den US-Bundesstaaten. In Kalifornien, wo strenge Waffengesetze gelten, wurden nach Sandy Hook weniger als 750 Waffen zusätzlich pro 100.000 Einwohnern verkauft. In anderen Bundesstaaten, etwa im Mittleren Westen, stiegen die Verkaufszahlen um mehr als 1500. In diesen Staaten gab es dann auch deutlich mehr zusätzliche tödliche Unfälle mit Waffen als in Kalifornien.

Doku: "Kill Zone USA"

Studio Hamburg/NDR

Niederlage für Waffengegner

Sandy Hook schockierte Amerika vor allem wegen der vielen jungen Todesopfer, die meist erst sechs und sieben Jahre alt waren. Trotzdem weigerte sich der von den Republikanern beherrschte US-Kongress, die Waffenkontrollen zu verschärfen. Es war eine nachhaltige Niederlage, nicht nur für den damaligen Präsidenten Barack Obama, sondern für die Gun-Control-Bewegung überhaupt: Wenn nicht mal ein Massaker an Kindern die politische Stimmung kippen kann, dann werden die regelmäßigen Schießereien, bei denen Erwachsene umkommen, auch nichts mehr bewirken.

Das zeigte sich zuletzt nach den Schießereien von Las Vegas im Oktober - mit 58 Toten und 546 Verletzten das schlimmste Massaker der jüngeren amerikanischen Geschichte - und Anfang November in einer texanischen Kirche: Eine Debatte um schärfere Waffengesetze wurde sofort von Obamas Nachfolger Donald Trump abgewürgt. Diese Woche verabschiedete das US-Repräsentantenhaus obendrein ein Gesetz, das das verdeckte Tragen von Waffen landesweit erleichtert - mit ebenjenem, von der Wellesley-Studie widerlegten Argument, dass mehr Waffen für mehr Sicherheit sorgten.



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