Satellitenbilder Wie sich Krisen und Kriege auf die Luft auswirken

Wo Menschen Krieg führen oder Wirtschaftskrisen herrschen, verändert sich die Luft. Das belegen Satellitendaten. Im Fokus jüngster Untersuchungen standen der Nahe Osten und Griechenland.

Naher Osten: Läuft die Wirtschaft, werden mehr Stickoxide ausgestoßen
Science Advances 2015/ MPI für Chemie/ Steffen Beirle

Naher Osten: Läuft die Wirtschaft, werden mehr Stickoxide ausgestoßen


Kriege und wirtschaftliche Krisen können Länder und Regionen grundlegend verändern: Menschen fliehen aus ihrer Heimat, ganze Landstriche verlieren ihre Bevölkerung, die Infrastruktur bricht zusammen. Das macht sich auch in der Luft bemerkbar.

Im Nahen Osten und am Mittelmeer haben Forscher nun die Stickoxidbelastung der Atmosphäre über einen Zeitraum von zehn Jahren aus Satellitenmessungen ermittelt. So konnten sie den Wandel in der Region vom Irakkrieg bis heute erstaunlich gut nachzeichnen, wie sie im Fachmagazin "Science Advance" berichten.

Basis der Untersuchung sind Daten des Nasa-Satelliten Aura aus den Jahren 2005 bis 2014, der den Stickoxidgehalt der Atmosphäre im Nahen Osten und einigen Mittelmeerstaaten täglich zur Erde gesendet hat. Dabei gilt: Über Regionen, wo Krieg herrscht und Abwanderung einsetzt, sinkt der Stickoxidgehalt der Luft - und das innerhalb kurzer Zeit.

Die Gase entstehen hauptsächlich, wenn organische Stoffe verbrennen, etwa Kohle, Öl, Gas, Holz oder auch Abfälle. In den meisten Untersuchungen wird der Stickstoffausstoß jedoch über große Flächen hinweg zusammengefasst, sodass Aussagen über Veränderungen in einzelnen Städten nicht möglich sind.

2010 kam die Krise

Die aktuelle Auswertung zeigt, dass zwischen 2005 und 2010 in den meisten bewohnten Gebieten im Nahen Osten immer mehr Stickoxide in die Luft gelangten. Ein Zeichen, dass die Wirtschaft in der Region in dieser Zeit gewachsen ist.

Von 2005 bis 2010 ist der Stickstoffausstoß fast in der gesamten Region gestiegen. Die Farben geben die Änderungen der Konzentration in 10 hoch 15 Molekülen pro Quadratzentimeter Luft an.
Science Advances 2015/ MPI für Chemie/ Steffen Beirle

Von 2005 bis 2010 ist der Stickstoffausstoß fast in der gesamten Region gestiegen. Die Farben geben die Änderungen der Konzentration in 10 hoch 15 Molekülen pro Quadratzentimeter Luft an.

Zwischen 2010 und 2014 gingen die Werte in vielen Gebieten dann allerdings deutlich zurück (vergleiche Bild unten), etwa in Israel, Syrien, im Iran, in der Region um Kairo in Ägypten sowie in Bagdad im Irak und Riad in Saudi-Arabien. Auch in den Häfen am Persischen Golf, die wichtig für den Export von Öl sind, sank der Stickoxidgehalt deutlich.

Zwischen 2010 und 2014 sank der Stickstoffausstoß der Region deutlich im Vergleich zu den Jahren davor (siehe Karte oben). Die Farben geben die Änderungen der Konzentration in 10 hoch 15 Molekülen pro Quadratzentimeter Luft an.
Science Advances 2015/ MPI für Chemie/ Steffen Beirle

Zwischen 2010 und 2014 sank der Stickstoffausstoß der Region deutlich im Vergleich zu den Jahren davor (siehe Karte oben). Die Farben geben die Änderungen der Konzentration in 10 hoch 15 Molekülen pro Quadratzentimeter Luft an.

Allerdings waren nicht in allen Fällen Kriege für die Veränderungen in der Luft verantwortlich. So führen Jos Lelieveld, Direktor am Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz, und sein Team etwa die geringeren Stickoxidwerte in Israel und Riad auf neue Umweltgesetze zurück.

In Ägypten, Syrien und im Irak halten sie die Werte jedoch für Belege der Konflikte in den Regionen. Die beobachteten Negativtrends der Stickoxidemissionen gehen zum Teil mit humanitären Katastrophen einher.

Bürgerkrieg in Syrien, Unruhen im Irak

In Syrien etwa sanken die Stickoxidwerte seit dem Beginn des Bürgerkrieges 2011 über Damaskus und Aleppo um 40 bis 50 Prozent, berichten die Forscher. Syrien ist das Land mit den meisten Flüchtlingen weltweit, gut sieben Millionen haben ihre Heimat verlassen, sind aber im Land geblieben. Weitere vier Millionen sind in andere Staaten geflüchtet, etwa in den benachbarten Libanon. Dort ist der Stickoxidanteil der Luft laut Studie allein 2014 um 20 bis 30 Prozent gestiegen.

Auch die Nachwirkungen des Irakkriegs machen sich in der Luft bemerkbar, allerdings unterscheiden sich die Stickoxidwerte je nach Region stark: Seit 2005, nachdem Truppen der USA und Großbritanniens 2003 einmarschiert waren, stieg etwa der Energieverbrauch des Landes und das Bruttoinlandsprodukt an - und damit der Stickoxidanteil der Luft im kurdischen Norden und im Süden.

Im Zentrum des Landes allerdings, in der Region um die Hauptstadt Bagdad und den zeitweise von der Terrormiliz "Islamischer Staat" eingenommenen Regionen sank der Stickoxidausstoß zwischen 2010 und 2014 deutlich.

Sanktionen in Iran, Krise in Griechenland

Im Iran zeigen die Messdaten nach der Interpretation der Forscher vor allem die Auswirkungen der Sanktionen, welche die Uno 2010 verstärkt hat. So fanden Jos und Kollegen 2014 deutlich weniger Stickoxide. Auch durch den für den Öltransport wichtigen Schiffsverkehr gelangten weniger Abgase in die Atmosphäre. Das Ergebnis deckt sich mit den Wirtschaftsdaten des Landes.

Auch in Griechenland konnten die Forscher die Auswirkungen der schwächelnden Wirtschaft in der Luft nachweisen: Seit 2008 ist der Stickoxidausstoß in dem Land um 40 Prozent gefallen, schreiben die Forscher. Das Bruttoinlandsprodukt sank in der gleichen Zeit um fünf Prozent pro Jahr.

Stickoxide beeinflussen das Klima

Die extremen Schwankungen der Luftqualität machen es schwierig, realistische Klimaprognosen zu erstellen. Stickoxide tragen zur Entstehung von Feinstaub und Ozon bei. So geht ein Szenario im Bericht des Weltklimarates davon aus, dass die Stickoxidemissionen im Nahen Osten zwischen 2005 und 2030 um zwei Prozent pro Jahr ansteigen werden.

Die Daten der Mainzer Forscher zeigen nun, wie schnell solche Prognosen durch Kriege und wirtschaftliche Krisen relativiert werden.

jme



insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
bbrot99 26.08.2015
1. sehr viel interessanter wäre es doch
zu überprüfen ob bei brummender Wirtschaft Umweltmassnahmen greifen. Das bei drastisch einbrechender Wirtschaft auch weniger Abgase produziert werden ist an Banalität der Information leider kaum zu toppen
johatz 26.08.2015
2. Griechenland
Von den gemessenen niedrigeren Werten, haben viele Bewohner griechischer Städte nichts. Die sich verbreitende Armut hat dazu geführt, dass viele Haushalte im besten Fall Holz am offenen Kamin verheizen. Oft ist es auch der brennbare Teil des Hausmülls , oder zur Verbrennung untaugliches , da behandeltes, Holz. Wer in den letzten Wintern in Griechenland war, wird sich an den Gestank erinnern. Wäsche trocknen im Freien? Fehlanzeige. Das kennt man in Deutschland so, seit Jahrzehnten nicht mehr.
tommirf 26.08.2015
3. Ernsthaft?
Moleküle pro Quadratzentimeter? Nebeneinader oder übereinander?
tomxxx 26.08.2015
4. Und wenn Ihr jetzt die Karten von China...
veröffentlicht, kann man damit gerade echt abschätzen was auf uns zukommt!!! Gibt es die?
lies.das 26.08.2015
5. Ab in die
Es kann sich nur noch um Minuten handeln, dann erscheint dieser SPON-Artikel über "Krieg und Krisen und Luftqualität" als "Un-Statistik des Monats" in dem renommierten Blog der Essener Uni. Homepage: http://www.rwi-essen.de/unstatistik/. Es gibt ja viel praktikablere Krisen-Korrelationen: Im den belagerten Bürgerkriegs-Städten Syriens fliegen bei jedem Granaten-Abschuss (und - Einschlag) Einschlag (und auch schon beim Abschuss) weithin sichtbare, schwarze Vogelschwärme hoch. Da kann man eventuell noch Deckung zu gehen. Das ist eine viel genauerer Kriegs-Indikator als das durchschnittliche Sinken des Stickoxyd-Gehalts in der Luft.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.