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Archäologie: Loch im Kopf

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Schädel-Öffnungen Steinzeit-Arzt im Praktikum

Bereits vor Tausenden Jahren haben unsere Vorfahren operative Eingriffe vorgenommen und Schädeldecken geöffnet. Erstaunlich oft überlebten die Patienten. Archäologen glauben nun, Spuren einer Übungs-OP entdeckt zu haben.

Wer vor ein paar tausend Jahren lebte, der war klar im Vorteil, wenn er ein möglichst entspanntes Verhältnis zu Schmerzen hatte. So litt der Mensch spätestens seit dem Anbau von Getreide und der Herstellung von Brot unter Karies, fanden Archäologen heraus.

Zwar plagen Zahnschmerzen den Menschen auch heute noch. Doch inzwischen macht eine Betäubung die Behandlung erträglicher. Bei den ersten Zahndoktoren, die schon vor 13.000 Jahren zum Bohrer griffen dürfe das auch noch anders ausgesehen haben.

Ähnlich schmerzhaft und noch deutlich blutiger sah eine andere Behandlungsmethode aus, bei der es zuging wie im Horrorfilm: die sogenannte Trepanation. Dabei wurde ein Loch in den Schädel gebohrt. Es ist wohl die früheste operative Methode, die der Mensch angewendet hat.

Und wie Studien belegen, haben sie überraschend viele unserer Vorfahren überlebt. Je nach Region und Zeitraum gehen Forscher von einer Überlebensrate von 50 bis 90 Prozent aus. Dabei hätte schon ein winziger Schnitt in eines der Gefäße, die die unter der Schädeldecke liegende harte Hirnhaut durchziehen, zum Verbluten gereicht. Offenbar verfügten unsere Vorfahren über erstaunliche anatomische Kenntnisse. Wie war das möglich?

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Archäologie-Rätsel: Kopf ohne Körper

Foto: Mohammed Shadduf/ Museum of Fine Arts Boston/ Harvard University

Archäologen haben nun einen Schädel untersucht, der eine Antwort liefern könnte. Er wurde im Westen von Frankreich gefunden, in der jungsteinzeitlichen Siedlung Champ-Durand. Der Fundplatz liegt im heutigen Département Vendée, etwa 40 Kilometer von der Atlantikküste entfernt. Bei den Grabungen, die bereits in den Siebzigerjahren durchgeführt wurden, entdeckten Forscher Tausende Tierknochen - von Ziegen, Schafen, Schweinen aber vor allem von Rindern.

Auffällig war der Schädel einer Kuh, das Tier lebte zwischen 3000 und 3400 vor Christus. Der knöcherne Rinderkopf wies ein etwa 6,5 mal 4,5 Zentimeter großes Loch über dem rechten Auge auf. In einer ersten Untersuchung glaubten die Forscher, es müsse vom Kampf mit einem andern Tier stammen - ein Hornstoß habe zu der Verletzung geführt.

Doch Fernando Ramirez Rozzi vom French National Centre for Scientific Research in Paris und Alain Froment haben sich den Schädel nun erneut angeschaut. Sie sind sich sicher: Das Loch stammt keinesfalls von einem Hornangriff - es wurde stattdessen von Menschen gemacht.

Für ihre Studie, die im Fachblatt "Scientific Reports" erschienen  ist, haben die Forscher den Schädel und die Lochränder sowohl mit Röntgengeräten als auch mit einem Rasterelektronenmikroskop untersucht. "Die Spuren weisen keinesfalls auf eine Hornverletzung hin", so Rozzi.

3D-Rekonstruktion des Kuhschädels

3D-Rekonstruktion des Kuhschädels

Foto: Fernando Ramirez Rozzi

Zudem verglichen die Forscher die entdeckten Spuren mit Löchern in Menschenschädeln, die von einer Trepanation stammen. "Die Technik, die an dem Kuhschädel verwendet wurde, scheint dieselbe gewesen zu sein", schreiben die Autoren.

Sie sehen zwei Möglichkeiten, die zu dem Loch geführt haben könnten: Entweder habe man den Kuhschädel operiert, um dem Tier selbst zu helfen. Dann wäre der Schädel der älteste Nachweis der Menschheit für die Anwendung von Veterinärmedizin. Oder aber: Die Bewohner von Champ-Durand haben vor mehr als 3000 Jahren lieber zunächst an einem Tier Techniken erprobt, mit denen sie später bei Menschen den Schädel öffnen wollten.

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Archäologie: Loch im Kopf

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Dass solche sensiblen Eingriffe vorher an Tieren geübt wurden, hält die Ärztin und Anthropologin Julia Gresky vom Deutschen Archäologischen Institut für nachvollziehbar. "Das ist eine hochinteressante Studie", sagt sie. Gresky hat im heutigen Russland mehr als 6000 Jahre alte Schädel mit chirurgischen Öffnungen untersucht.

Auch bei ihrer Studie fiel die hohe Überlebensrate auf. Von den 13 untersuchten Schädeln hatten elf Menschen den Eingriff überstanden, acht davon starben erst sehr viel später. Hier zeigten sich deutliche Spuren von Heilung, es war neues Knochengewebe gewachsen - das geht nur bei einem lebenden Organismus.

Alter und Geschlecht hatten offenbar keinen Einfluss darauf, ob die Menschen an so einem Eingriff starben. Es kam vielmehr auf die Technik an. Wenn die Operateure mit einem harten und scharfen Werkzeug nach und nach Knochengewebe wegschabten, bis sie das Hirn erreichen, hatten sie eine höhere Kontrolle. Bei Schnitten bestand dagegen die Gefahr, das Hirn zu verletzen.

Für Fachleute ist es heute sehr schwierig bis unmöglich, die Gründe für eine Schädel-Trepanationen nachzuvollziehen Doch viele Experten gehen davon aus, dass es nicht um einen operativen Eingriff ins Gehirn ging. Das hätte damals leicht Infektionen verursacht, sie hätten den sicheren Tod bedeutet.

Vielmehr wurde die Schädeldecke geöffnet, um etwa nach einer Verletzung einen erhöhten Hirndruck zu senken und dadurch Entlastung für das Gehirn zu schaffen. "Auf diese Weise konnten außerdem kleine Knochensplitter entfernt werden, etwa wenn nach groben Schlagverletzungen der Schädelknochen gesplittert war", sagt Gresky.

Zudem seien die Wundränder am Knochen so glatt gemacht worden, das habe die Heilungschancen erhöht. Solche Eingriffe nach groben Schlagverletzungen sind etwa von den Inka belegt. Doch bereits in Marokko müssen schon vor mehr als 14.000 Jahren Menschen so behandelt worden sein.

Bei den Eingriffen vor Hunderten von Jahren dürften auch rituelle Vorstellungen eine Rolle gespielt haben - etwa bei der Heilung von Krankheiten wie der Epilepsie. Gut möglich, dass man hoffte, durch die Öffnung im Schädel würden böse Geister entweichen.

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Münzen von Harald Blauzahn: Sie haben einen Schatz gefunden

Foto: Stefan Sauer / dpa

Wie zahlreiche Schädelfunde der Vor- und Frühmenschen belegen, mussten sich die Patienten darauf einstellen, dass sie im Überlebensfall mit einem Loch im Schädelknochen herumlaufen müssen. Denn nur in den seltensten Fällen ist die Öffnung wieder zugewachsen - das darüberliegende Gewebe ist dagegen verheilt.

Doch selbst für das Schädelstück hatte man wohl noch Verwendung, zeigen Funde. Archäologen fanden einst eine verzierte Schädelkalotte in einem Frauengrab in Baden-Württemberg. Vermutlich trug die Dame das Stück als Amulett um den Hals.

Wie ratsam es ist, Schädelöffnungen an Tieren zu erproben, zeigt sich dagegen sehr deutlich an dem nun analysierten Kuhschädel. Das Tier hat den Eingriff wohl nicht überlebt, es muss kurz danach gestorben sein, schreiben die Forscher. "Wir fanden keine Spuren der Heilung."