Schädelanalyse Forscher wollen Gesicht der Moorleiche rekonstruieren

Das vor rund 2650 Jahren im niedersächsischen Moor versunkene Mädchen "Moora" erlebte mehrere Hungersnöte und starb bereits mit 15 Jahren. Dies ergab eine Untersuchung ihrer Knochen. Gerichtsmediziner wollen nun ihr Antlitz rekonstruieren.


Ihr Leben war kurz und entbehrungsreich: "Moora", das vor rund 2650 Jahren im niedersächsischen Moor versunkene Mädchen, habe zu Lebzeiten zehn bis elf Hungersnöte durchlitten, sagten Wissenschaftler des Uniklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) am heutigen Dienstag. Das Mädchen sei womöglich schon mit 15 Jahren im Moor versunken.

Hamburger Gerichtsmediziner hatten die Knochen und Zähne des Mädchens, das beim Torfabbau im Uchter Moor bei Nienburg gefunden worden war, in den vergangenen Monaten mit hochmodernen Methoden untersucht. Bislang war "Mooras" Lebensalter auf 17 bis 18 Jahre geschätzt worden.

Ihre Todesumstände sind jedoch nach wie vor unklar: "Wir können noch nicht sagen, ob sie vom Wege abkam, einen Unfall hatte oder ihr Tod eine Strafe war", sagte der Direktor des Instituts für Rechtsmedizin, Klaus Püschel. Auch eine Opferung werde nicht ausgeschlossen. Eine Erdbestattung wäre hingegen ungewöhnlich, weil zu "Mooras" Lebzeiten Leichen verbrannt wurden. Die Forscher hoffen nun, durch weitere Untersuchungen der Moorleiche und des Fundortes das Geheimnis lüften zu können.

Dem Aussehen des Mädchens kommen die UKE-Wissenschaftler immer mehr auf die Spur. Mit Hilfe einer Computertomographie konnten sie die Knochen des Mädchens aufnehmen und zu einer ersten Schädelrekonstruktion zusammensetzen. "Moora wird auch ein Gesicht bekommen", versprach Püschel. Allerdings fehlten einzelne Knochen, andere seien durch die lange Lagerung im Moor völlig deformiert.

Gesicht als Publikumsmagnet

Bis das Skelett und später auch die Gesichtszüge des Mädchens rekonstruiert werden könnten, sei es noch ein langer Weg. Ein Problem sind auch die hohen Kosten. "Wir haben keinen Etat für ein derartiges Forschungsobjekt", sagte Niedersachsens Landesarchäologe Henning Hassmann. Er bemühe sich weiter um Fördermittel. Hassmann ist sich sicher: Ein Mädchen mit Gesicht könne "Leute besser ins Museum locken als nur Knochen."

Nach den monatelangen Untersuchungen am UKE, an denen 25 Forscher von fünf Instituten beteiligt waren, kehrten die Knochen des Mädchens inzwischen in das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege zurück. Ab Ende Mai soll sie für einige Zeit im Westfälischen Museum für Archäologie in Herne und im nächsten Jahr in Hannover zu sehen sein.

Die Bedeutung der bislang ältesten Moorleiche Niedersachsens war nur durch einen Zufall erkannt worden. Entdeckt wurde die Leiche aus der Eisenzeit bereits im Jahr 2000. Weil aber damals die Polizei von einem aktuellen Kriminalfall ausging, wurden die Überreste in die Gerichtsmedizin der Hamburger Uniklinik gebracht. Erst der Fund einer einzelnen Hand im Uchter Moor im Januar 2005 weckte die Neugier der Archäologen.

hda/AFP/dpa



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