Schädliche Lernvideos Baby-DVDs können Sprachentwicklung bremsen

Um ihrem Nachwuchs größtmögliche Chancen fürs Leben zu sichern, spielen manche Eltern bereits Säuglingen spezielle DVDs vor. Das soll sie zu kleinen Einsteins, Bachs und van Goghs machen. Doch die Wirkung ist fragwürdig: US-Forscher glauben, dass die Lernvideos Babys eher schaden als nützen.


Der Druck, dem sich manche frischgebackene Mutter und mancher Vater heutzutage ausgesetzt sieht, ist enorm. Von allen Seiten bekommen sie zu hören, wie wichtig gerade die Förderung im Säuglings- und Kleinkindalter für die spätere Karriere der Kleinen ist. Wer mit drei Jahren nicht schon mindestens vier Sprachen spricht, Klavier spielt und geometrische Aufgaben lösen kann, hat im Grunde schon verloren - so wird es mitunter suggeriert.

Kleinkind vor Fernseher: "Keine eindeutigen Beweise für einen positiven Effekt"
DDP

Kleinkind vor Fernseher: "Keine eindeutigen Beweise für einen positiven Effekt"

Umso dankbarer nehmen ehrgeizige Eltern deshalb spezielle Bildungsangebote für Kleinkinder wahr: Englischkurse im Alter von drei Monaten, Mathematiklektionen für Dreijährige oder eben spezielle Lern-DVDs. Vor allem diese Videos für Kleinkinder erscheinen Eltern als besonders hilfreich, lösen sie doch nebenher auch noch ein Betreuungsproblem: Wenn das Kleine vor der Glotze sitzt, ist es beschäftigt.

Walt Disney hat mit "Baby Einstein" sogar eine ganze DVD-Reihe im Programm. Bei "Baby van Gogh" beispielsweise greifen Puppen zum Pinsel, untermalt von kitschiger Keyboard-Musik. Und die DVD "Baby Bach" stimuliere das Kind spielerisch, während es eine amüsante Einführung in klassische Musik gebe, verspricht der Hersteller.

Doch der Lerneffekt, den solche DVDs wie "Brainy Baby" haben sollen, ist höchst fragwürdig, wie Forscher der University of Washington und vom Seattle Children's Hospital Research Institute jetzt herausgefunden haben. Eltern, die ihren Kindern beim Spracherwerb helfen wollten, sollten sie möglichst wenig dieser Videos schauen lassen, empfehlen die Forscher.

Viel gucken - weniger verstehen

Denn statt zu fördern könne eine übermäßige Nutzung der Videos gar den Erwerb von Vokabular im Alter bis zu 16 Monaten verlangsamen, sagte Frederick Zimmermann von der University of Washington. Jede Stunde, die ein Baby pro Tag mit einer DVD verbringe, verringere die Zahl der Vokabeln, die es verstehe, um sechs bis acht. Dies gelte im Vergleich zu anderen Kindern im Alter bis zu 16 Monaten, die keine Lernvideos schauten, schreiben die Wissenschaftler im Fachblatt "Pediatrics". Bei Kindern im Alter zwischen 17 und 24 Monaten fanden Zimmermanns Team weder positive noch negative Effekte des Videokonsums.

"Das wichtigste Ergebnis unserer Studie ist, dass es keine eindeutigen Beweise für einen positiven Effekt der Baby-DVDs gibt", sagte Zimmermann, es gebe vielmehr Hinweise auf schädliche Wirkungen. Je mehr ein Kind solche Videos anschaue, umso größer sei dieser negative Effekt.

Die Forscher hatten mehr als tausend Familien aus den US-Bundesstaaten Minnesota und Washington telefonisch für jeweils 45 Minuten interviewt. Alle Familien hatten in den letzten zwei Jahren Nachwuchs bekommen. Die Eltern mussten angeben, welche Begriffe aus einer 90 Wörter umfassenden Liste ihre Kinder bereits verstehen oder selbst aktiv nutzen konnten.



insgesamt 20 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
kamau 09.08.2007
1. kafka, beckett & co.
Zitat von sysopForscher warnen vor DVDs für Babys - was denken Sie über solche Produkte für engagierte Eltern?
es gibt doch wahrhaftig wichtigeres für babys und kleinkinder als dvds. engagieren können sich eltern wahrhaftig in genügend lebensbereichen ihre kinder, sei es in der auswahl einer gesunden ernährung, einer optimalen umgebung für ihre kinder, an der eigenen positiven lebenseinstellung usw...... vielleicht wird man aber ja in der zukunft ausgewählte eizellen und spermien "bearbeiten"? schöne grüsse von huxley & orwell, kafka, beckett & co
Reziprozität 09.08.2007
2.
Obwohl ich bei "Forscher warnen vor" immer ganz spitze Ohren bekommen, denke ich instinktiv, dass die "Forscher" diesmal richtig liegen. Keine mediale Dauerberieselung der Kleinsten wie Groesseren, weg mit Baby-DVD's und den Teletubbies... ;-o
Dunedin, 09.08.2007
3.
Zitat aus SPON Bericht "Um ihrem Nachwuchs größtmögliche Chancen fürs Leben zu sichern, spielen manche Eltern bereits Säuglingen spezielle DVDs vor. Das soll sie zu kleinen Einsteins, Bachs und van Goghs machen." Wie krank sag ich da nur
Rainer Helmbrecht 09.08.2007
4.
Zitat von sysopForscher warnen vor DVDs für Babys - was denken Sie über solche Produkte für engagierte Eltern?
Ich habe die Erfahrung gemacht, je mehr diese hyperaktiven Eltern ihre Kinder im Kleinkinderalter mit Lernspielzeug nerven, um so weniger wird das was. Gerade diese Eltern laufen in den ersten 12-13 Jahren zu Höchstform auf, um danach die Kinder sich selbst zu überlassen. Das ist in meinen Augen der größte Teil der Schulabbrecher. Diese Eltern, die mit den ersten 5-6 Zeugnisen den größten Aufstand machen, vergessen völlig, dass das/die letzten Zeugnisse den Kohl fett machen;o). Lasst die Kinder spielen wenn sie klein sind, der Ernst des Lebens beginnt noch früh genug und dauert, dauert, dauert;o). MfG. Rainer
Reziprozität 09.08.2007
5.
Zitat von Rainer HelmbrechtIch habe die Erfahrung gemacht, je mehr diese hyperaktiven Eltern ihre Kinder im Kleinkinderalter mit Lernspielzeug nerven, um so weniger wird das was. Gerade diese Eltern laufen in den ersten 12-13 Jahren zu Höchstform auf, um danach die Kinder sich selbst zu überlassen. Das ist in meinen Augen der größte Teil der Schulabbrecher. Diese Eltern, die mit den ersten 5-6 Zeugnisen den größten Aufstand machen, vergessen völlig, dass das/die letzten Zeugnisse den Kohl fett machen;o). Lasst die Kinder spielen wenn sie klein sind, der Ernst des Lebens beginnt noch früh genug und dauert, dauert, dauert;o). MfG. Rainer
Ganz genau so ist es, Rainer...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.