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Baumgartner über seinen Rekordsprung "Dann wurde es richtig brutal"

Unkontrolliertes Taumeln, defekte Technik, belastete Physis: Mehrfach schrammte Felix Baumgartner bei seinem Sprung aus 39 Kilometern an einer Katastrophe vorbei. Jetzt erzählt der Abenteurer, wie er sich rettete.

Roswell/Hamburg - Felix Baumgartner kniete nieder auf dem Wüstensand und reckte die Fäuste. Der 43-jährige Österreicher hatte den Wahnsinnssprung tatsächlich überstanden. Er war 39 Kilometer über der Erde aus einer Kapsel gekippt und dann mit bis zu 1342 km/h zu Boden gerast. Im freien Fall von 4:19 Minuten durchbrach er sogar die Schallmauer. Dabei hatte er aber mehrere äußerst heikle Situationen zu überstehen - es ging um Leben und Tod.

Der Start lief noch glatt: "Der Absprung war eigentlich perfekt", berichtet Baumgartner, "es hat mich langsam gedreht, doch ich dachte, ich hätte das Ganze unter Kontrolle." Kurz darauf aber stockte den Abermillionen Zuschauern weltweit der Atem - Baumgartner begann gewaltig zu taumeln, er überschlug sich wieder und wieder.

"Es wurde richtig brutal", erzählt er: "Ich habe begonnen, Geschwindigkeit zu machen, und ich habe für ein paar Sekunden gedacht, ich verliere das Bewusstsein." Das Schlimmste schien einzutreten, der sogenannte Flat Spin - die unkontrollierte Drehung um die eigene Achse, die zu Bewusstlosigkeit oder sogar zum Tod führen kann. Blut kann sich im Kopf stauen, Gefäße könnten platzen.

Zwar würde eine Notfallautomatik den Fallschirm nach sechs Sekunden öffnen - aber ein kreiselnder Springer kann sich in den Leinen verheddern und ungebremst zu Boden stürzen.

Das Taumeln wurde schlimmer

Als Problem für Baumgartner erwies sich erwartungsgemäß seine schwere Spezialkleidung: "Das Problem in so einem Druckanzug ist, dass du die Luft nicht spürst, es ist wie Schwimmen, ohne das Wasser zu berühren." Jede Bewegung sei zunächst zu langsam gewesen, um sein Trudeln zu bremsen: "Du versuchst immer auszugleichen, und du bist jedes Mal diese halbe Sekunde zu spät dran."

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Im freien Fall: Sturz mit Überschall

Foto: HANDOUT / REUTERS

Das Taumeln verstärkte sich: "Das Ganze hat sich aufgeschaukelt, wurde immer schneller." Er suchte die Kapsel, um Orientierung zu bekommen, musste aber erkennen, dass er immer mehr ins Drehen kam: "Ich habe die Kapsel noch ein paar Mal gesehen, habe mich um die Hochachse und um die Längsachse gedreht - und dann ist das gefürchtete Flat-Spinning gekommen", erzählt Baumgartner.

Mit seinen Armen habe er den Sturz schließlich unter Kontrolle bekommen: "Ich habe dann versucht, den Arm auszustrecken, dann ist das Taumeln schlimmer geworden". Daraufhin habe er den anderen Arm ausgestreckt, dadurch sei es besser geworden. "Ich musste sehr viel probieren da oben - und das unter Höchstgeschwindigkeit."

Er konnte sowohl die Bewusstlosigkeit als auch das Auslösen des Notschirms verhindern: "Glücklicherweise habe ich es immer wieder irgendwie geschafft, die Drehung zu stoppen", erzählt er. Der Stabilisierungsschirm löste nicht aus - der Sturz konnte ungebremst weitergehen.

"Es war sehr, sehr schwierig"

Baumgartner hätte den Stabilisierungsschirm notfalls auch selbst auslösen können - verwarf die Option aber: "Ich habe ihn nicht ausgelöst, weil ich immer geglaubt habe, ich kriege es unter Kontrolle, es dauert nur ein wenig." Gleichwohl denkt er mit Grusel an die Sekunden im Taumel zurück: "Es war sehr, sehr schwierig. Es war schwieriger, als wir alle angenommen haben."

Von nahender Bewusstlosigkeit will er aber nichts gespürt haben: "Ich hab zu jeder Sekunde gewusst, was passiert. Die Frage war nur: Wird es schlimm, oder wird es weniger schlimm?"

Schon beim Absprung sei er allerdings müde gewesen; die stundenlange Vorbereitung habe ihn geschlaucht: "Man kommt da oben schon mit sehr wenig Energie an", sagt er. "Dann stehst du da draußen, on Top of the World, und dann beginnt es erst richtig." Mit diversen körperlichen Problemen hatte er zu kämpfen: "Du bist dehydriert, du bist müde, dort oben ist eine ganz andere Welt, der Körper reagiert ganz anders da oben."

Fast wäre der Sprung aber an einem technischen Detail gescheitert - die Heizung seines Visiers funktionierte nicht. "Erst sind wir so gut weggekommen mit dem Ballon", sagte Baumgartner, "doch dann dieses Drama mit der Visierheizung, da haben wir gedacht, wir müssten das Ganze abbrechen."

"Das kann doch nicht wahr sein"

Baumgartner wurde nervöser beim Aufstieg in der Kapsel: "Jetzt hat man sich jahrelang vorbereitet, man sitzt in der Kapsel - und dann scheitert alles an der Visierheizung, das kann doch nicht wahr sein", erinnert er sich an die nervenzehrende Situation beim Aufstieg. "Wir haben dann alle möglichen Dinge versucht, aber es ist nicht viel besser geworden, und wir haben uns dann doch für den Sprung entschieden, und wie man sieht, war es die richtige Entscheidung."

Nach dem Sprung hatte er andere Sorgen: "Ich hoffe, wir sind Überschall geflogen", rief er nach der Landung. Einen Überschallknall habe er nicht gehört. "Ich war so beschäftigt, das Ganze unter Kontrolle zu bringen." Doch tatsächlich: Er hat die Schallmauer durchbrochen. Bereits kurz nach dem Absprung aus der Kapsel habe Felix Baumgartner 1342,8 km/h erreicht, teilte die Federation Aeronautique Internationale (FAI) mit. Dieser Wert liege 265 km/h über der Schallgeschwindigkeit, die Machzahl bei 1,25.

Dass Baumgartner überhaupt Mach 1,25 erreichen konnte und damit ein Viertel schneller war als der Schall, verdankt er zwei Faktoren: Zum einen ist die Luft in Höhen von über 30 Kilometern sehr dünn und bremst wenig. Fallschirmspringer erreichen im freien Fall normalerweise nur etwa 200 km/h. Zum anderen sinkt die Schallgeschwindigkeit, wenn es so kalt ist wie in 20, 30 Kilometer Höhe. Bei 20 Grad ist der Schall etwa 1285 km/h schnell. Als Baumgartner 1342,8 km/h erreichte, lag die Schallgeschwindigkeit nur bei rund 1078 km/h.

Baumgartner hat also auf jeden Fall die Schallmauer durchbrochen, aber gefährlich war dieser Moment trotzdem nicht. Stärkere Turbulenzen, die bei Flugzeugen auftreten können, wenn sie die Schallgeschwindigkeit erreichen, brauchte der Extremsportler nicht zu fürchten. Er raste ja durch extrem dünne Luft, als er seinen Rekord aufstellte. Je näher er der Erde danach kam, umso mehr verringerte sich seine Geschwindigkeit. Einen Flug mit 1300 km/h in fünf Kilometer Höhe hätte sein Spezialanzug womöglich nicht verkraftet.

Rettung für Astronauten?

Theoretisch hätte man bei Baumgartner sogar den von Flugzeugen bekannten Überschallknall hören können. Das wäre jedoch nur in der Höhe möglich gewesen, in der er mit Überschall unterwegs war. Dort kann ein Mensch aber ohne Schutzanzug nicht überleben - die Schallwellen können also nicht direkt zum Ohr eines Beobachters vordringen.

Experten sind jedenfalls beeindruckt von dem Sprung: Die Erkenntnisse, die Baumgartners Aktion liefert, sollten in zukünftige Ausbildungsprogramme übertragen werden, erklärte Jonathan Clark, ärztlicher Berater des Österreichers. Clark ist selbst betroffen: 2003 starb seine Frau Laurel, sie war Astronautin an Bord des Space-Shuttels Columbia, das 2003 bei der Rückkehr von ihrer 28. Mission auseinanderbrach. Können künftig Astronauten im Notfall per Fallschirm zur Erde zurückfliegen?

"Mit den Erkenntnissen aus dem Sprung lassen sich die Sicherheitssysteme suborbitaler Flüge optimieren", meint jedenfalls Rupert Gerzer, Leiter des Instituts für Luftfahrtmedizin beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Er stand dem Supersprung-Projekt des Österreichers - gesponsert durch einen österreichischen Brausehersteller - eigentlich kritisch gegenüber. Nun muss er doch zugeben, dass ihn die Professionalität beeindruckt hat. "Die haben auch medizinisch an alles gedacht."

Baumgartner will aufhören

Dazu zählt Gerzer nicht nur die Überlegung des Teams, den Sprung wegen des defekten Helmvisiers abzubrechen. Bei Druckanzügen, wie Astronauten sie tragen, käme es immer wieder zu Problemen. Besondere Schwachstelle seien die Handschuhe. "Baumgartners Handschuhe wurden bis zum Schluss extra beheizt", sagt Gerzer beeindruckt. Auch der Notfallschirm für den Fall des unkontrollierten Taumelns sei eine vorbildliche Funktion.

Baumgartner hat derweil erklärt, dass es sein letzter Sprung war - er habe seiner Freundin versprochen, sich nun zurückzuziehen. In Zukunft will er wieder als Hubschrauberpilot arbeiten und Rettungseinsätze in den USA und in Österreich fliegen.

Wohl oft aber werden seine Gedanken zurückkehren an jenen Moment vor dem Absprung aus der Kapsel, 39 Kilometer über der Erde: "Wenn man da oben steht, wird man demütig", hat Baumgartner gesagt. "Du denkst nicht mehr daran, Rekorde zu brechen, du denkst auch nicht mehr daran, wissenschaftliche Daten zu sammeln. Du willst nur noch lebend zurückkommen."

boj/nik/hda
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