Scharfe Sinne Auf den Spuren der Begriffsschmecker

Der Buchstabe A ist rot, Klopfen hat eine quadratische Form: Bei Synästhetikern sind verschiedene Sinneswahrnehmungen verkoppelt - in unterschiedlichen Kombinationen. Forscher haben nun die Variante untersucht, in der Testpersonen Begriffe schmecken. An ein Wort zu denken, genügt schon.

Von Tonia Sorrentino


Bevor ihnen der passende Begriff einfällt, schmecken sie, was sie vor sich sehen. Das haben Julia Simner von der University of Edinburgh und Jamie Ward vom University College London in ihrer Studie mit einer Gruppe ganz besonderer Synästhetiker festgestellt. Ihre Ergebnisse wurden in der Wissenschaftszeitschrift "Nature" veröffentlicht (Online-Vorveröffentlichung).

Schnabeltier, Geisha, Artischocke Kastagnetten: Bei ungewöhnlichen Objekten spürten die Synästhetiker einen Geschmack, bevor ihnen das Wort einfiel
REUTERS; DPA

Schnabeltier, Geisha, Artischocke Kastagnetten: Bei ungewöhnlichen Objekten spürten die Synästhetiker einen Geschmack, bevor ihnen das Wort einfiel

Synästhesie bedeutet laut Duden die "Miterregung eines Sinnesorgans bei Reizung eines anderen". Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE nennt Simner das Phänomen sinnesüberkreuzte Wahrnehmungen ("cross sensual experiences"). Synästhetiker nehmen beispielsweise Töne, Farben oder Gerüche wahr, wenn sie etwas sehen.

Eine der häufigsten Formen von Synästhesie äußert sich unter anderem in "bunten Briefen": Ein gewöhnliches Dokument mit schwarzen Buchstaben auf weißem Papier werde beispielsweise als orangefarbene Schrift auf schwarzem Untergrund wahrgenommen.

Ihre Studie richteten Simner und ihr Kollege jedoch an einer Form der Synästhesie aus, die weit seltener vorkommt als Farb- oder Klangwahrnehmung; an der so genannten Wort-Geschmack-Variante ("word-taste variant"). Nicht-Synästhetiker können sich die etwa so vorstellen: Bilder, die der Betroffene sieht, erzeugen einen Geschmack in seinem Mund, wenn er aus seinem Gedächtnis ein dazugehöriges Wort abruft.

Dabei kann der Begriff etwas mit Essen zu tun haben, muss aber nicht. Zudem werde ein Geschmack durch den entsprechenden Begriff für das jeweilige Nahrungsmittel ausgelöst - oder durch Wörter, die aufgrund von gleicher Buchstabenabfolge ähnlich klingen, zum Beispiel "mince" (eine Art Mettfleisch) und "prince" (Prinz). So beschreiben es die Wissenschaftler in ihrem Kurzbeitrag in "Nature".

Das Wort wird erst geschmeckt

"Wir mussten 9000 Meilen durch ganz Großbritannien und die USA reisen, um sechs geeignete Synästhetiker zu finden", sagte Simner. Weitere vier hätten zwar den Kriterien entsprochen, seien aber schon für eine andere Studie rekrutiert worden. "Es ist eine extrem seltene Manifestation und innerhalb der Familie vererbbar."

In 550 Testläufen zeigten die beiden Wissenschaftler den Probanden Bilder von ungewöhnlichen Objekten - etwa eine Artischocke, Kastagnetten, eine Geisha oder ein Schnabeltier. Damit wollten sie einen Zustand erzeugen, den wohl jeder kennt: Man sucht verzweifelt nach einem Wort, ist kurz vor der Erleuchtung, aber kommt einfach nicht darauf. Der Begriff liegt einem auf der Zunge - Simner nennt das den "tip-of-the-tongue-state".

89 Mal gelang es den Forschern, diesen Zustand auszulösen. Den Probanden fiel das gesuchte Wort nicht gleich ein - dafür spürten sie in 17 Fällen einen Geschmack auf der Zunge. 15 Mal trat dies ein, ohne dass sie sich auch nur an einzelne Buchstaben des gesuchten Begriffs erinnerten. In allen Fällen aber deckte sich Simner zufolge der zuerst genannte Geschmack mit dem, den die Probanden auch später auf der Zunge hatten und auf Nachfrage hin benennen konnten. Eine Teilnehmerin schmeckte beispielsweise beim Anblick des Kastagnettenbildes Tunfisch - auch noch nachdem sie das Wort ausgesprochen hatte.

Synästhesie ist keine Krankheit

Daraus schließen Ward und Simner, dass Geschmack von der bloßen Assoziation des Bildes mit einem Begriff ausgelöst wird. Indem der Synästhetiker an die Bedeutung des Wortes denkt, werden seine Geschmacksnerven angeregt und er benötigt keinen zusätzlichen phonologischen Reiz. Jene Wahrnehmungserfahrung sei für Synästhetiker ein Element der Repräsentation von Worten.

Verantwortlich für dieses seltene Phänomen ist laut Simner eine Art Überreaktion gewöhnlicher Mechanismen, die sprachliche Gedanken mit Sinneswahrnehmung verknüpfen. Wie die neuropsychologischen Mechanismen im Einzelnen funktionierten, sei noch nicht ausreichend bekannt. "Fest steht aber, dass Synästhesie keine Krankheit ist. Betroffene müssen sich keine Sorgen machen", sagte Simner. Vielmehr verfügten Menschen mit dieser Fähigkeit auch über ein besseres Gedächtnis und seien kreativer.

Bei deutschen Synästhetikern komme das Farbenhören am häufigsten vor, sagte Markus Zedler zu SPIEGEL ONLINE. Er schätzt, dass auf 200 bis 300 Bundesbürger ein Synästhetiker kommt. Zedler erforscht die besonderen Sinneswahrnehmungen an der Medizinischen Hochschule Hannover. Auch er bekräftigt, dass Synästhesie eine Art Über-Wahrnehmung und damit eine Begabung sei: "Aus Sozialstudien wissen wir, dass Synästhetiker eine starke Intuition haben und besonders fähige Problemlöser und Multi-Tasker sind. Einzelne Faktoren führen sie zusammen und fühlen sich nicht durch sie gestört." Daher seien sie angstfreier und würden seltener krank, sagt Zedler.

Limbisches Zentrum könnte eine Rolle spielen

In Hannover wird seit etwa zwölf Jahren intensiv zu Synästhesie geforscht. Was bei Betroffenen im Gehirn passiert, untersuchen die Wissenschaftler unter anderem im Kernspintomographen, wie Zedler berichtet. Die Personen liegen mit geschlossenen Augen in dem dunklen Apparat und hören über Kopfhörer Geräusche. "Daraufhin haben sie synästhetische Wahrnehmungen, sehen zum Beispiel Farben und Formen durch die Luft fliegen", sagt Zedler. Diese Verkopplung - die nicht metaphorisch als Assoziation zu verstehen sei - werde durch vermehrte Aktivität im Hör- wie auch im Sehzentrum sichtbar.

"Zusätzlich suchen wir nach der Ursache, dass mehrere Zentren miteinander verschaltet sind", sagt Zedler. Dazu haben Arbeitsgruppen verschiedener Forschungsstätten unterschiedliche Hypothesen. Die Hannoversche lautet: Für die Kopplung ist das limbische System, von dem etwa Emotion, Motivation und Trieb ausgehen, zuständig. Bei Messungen sei es auffallend aktiv, sagt Zedler. "Das würde bedeuten, dass Gefühle eine große Rolle spielen."



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