Fotostrecke

Barbarenschatz: Blank poliert

Foto: Torsten Silz/ dpa

Schatzsucher vor Gericht Wildwest in der Südpfalz

Der Fund ist Hunderttausende Euro Wert und hätte Einblick in die dunkle Zeit der Nibelungen geben können. Doch ein Sammler zerstörte wichtige Spuren und behielt den Schatz zunächst für sich. Ein Fiasko für die Archäologie.

In der Archäologie ist jeder Fund ein bisschen wie ein Kriminalfall. Wenn die Spurensicherung eine Zigarettenkippe findet, dann ist nicht nur der Stummel selbst ein möglicher Hinweis auf den Tathergang und den Täter, sondern ebenso sein Fundort - oder gar mögliche DNA-Spuren daran. Genauso interessiert Archäologen, wo genau und in welcher Weise angeordnet alte Kulturschätze in der Erde liegen.

Kurz: Private Schatzsucher können Archäologen den Blick in die Vergangenheit gehörig vermiesen. So auch in diesem Fall: Ein 24-Jähriger hatte im April 2013 in einem Waldstück in der Nähe der südpfälzischen Ortschaft Rülzheim einen spektakulären Fund gemacht - diesen aber zunächst für sich behalten. Für den Versuch der Unterschlagung hat das Landgericht Frankenthal den Schatzsucher nun im Berufungsverfahren zu einer Bewährungsstrafe von acht Monaten verurteilt.

Zuvor war das Amtsgericht Speyer in erster Instanz auf eine Bewährungsstrafe von 15 Monaten gekommen. Der Mann habe die Gold- und Silberstücke aus dem fünften Jahrhundert zwar mehrere Monate nach der Entdeckung herausgerückt - aber nur aus Angst vor Ermittlungen, so das Gericht damals.

Geldwert etwa 500.000 Euro

Der außergewöhnliche Schatz besteht aus mehr als hundert Teilen Silber und Gold. Verbuddelt wurden die Reichtümer im 5. Jahrhundert unserer Zeitrechnung in den Wirren des zerfallenden Weströmischen Reiches. Ob von einem Römer, einem Hunnen oder einem Burgunder bleibt ungeklärt - der Eigentümer lässt sich nun nicht mehr ermitteln.

Dabei ist der Fund in mehrerer Hinsicht von besonderer Bedeutung. Geschätzter Geldwert des Schatzes: 425.000 bis 575.000 Euro. Wissenschaftlicher Wert: unbezahlbar. Der Schatz gewährt einen seltenen Einblick in jene Jahre, die uns durch das Nibelungenlied zwar literarisch vertraut, archäologisch jedoch so gut wie unbekannt sind - oder hätte vielmehr gewähren können, wenn der Finder die Stücke nicht gereinigt hätte.

Fotostrecke

Ausgegraben: Bilder und Geschichten aus der Archäologie

Foto: PBS/ BBC

Ein nacktes Stück Silber oder Gold nutzt Archäologen nur wenig. Das gilt tragischerweise auch für den Fall des sogenannten Barbarenschatzes. Die 36 goldenen Blattanhänger und 50 Rauten schmückten einst ein prächtiges Gewand. Aus ihrer Lage hätte man schließen können, wie sie auf dem Stoff aufgenäht waren. Doch nicht nur diese Information ist für immer verloren. Auch Stoffreste, die wahrscheinlich noch an den Goldverzierungen klebten, sind weg - der Finder hat die Aufnäher mit Putzwolle blitzeblank poliert.

Protzen auf YouTube

Vor Gericht bekräftigte der Schatzfinder, dass er die Stücke trotz mehrmonatigen Wartens den Behörden aushändigen wollte. Er habe aber erst klären wollen, was er gefunden habe, weil er nicht als "Dummerchen" habe dastehen wollen, sagte der gelernte Einzelhandelskaufmann am Montag vor dem Landgericht Frankenthal. "Mir ist niemals der Profit wichtig gewesen, sondern der Ruhm", beteuerte der Mann, der nach Angaben seines Verteidigers eine "hochnarzisstische Persönlichkeit" ist.

Statt den Schatz dem Denkmalamt zu übergeben, präsentierte der Finder diesen lieber selbst - in Foren und auf YouTube, wo er kleine Filmchen von sich als Schatzsucher postet und zu Sondengänger-Flashmobs aufruft. Im Sommer 2013 zeigt ein ehrenamtlicher Denkmalpfleger aus Norddeutschland ihn wegen der YouTube-Filme an. Die Kripo durchsucht sein Haus, muss jedoch unverrichteter Dinge wieder abziehen.

In Rheinland-Pfalz gehören Funde, die kulturhistorisch wertvoll sein können, unter bestimmten Umständen automatisch dem Staat. Ganz leer ausgehen soll der Finder dabei aber nicht. Laut rheinland-pfälzischem Denkmalschutzgesetz soll der Entdecker "im Rahmen der verfügbaren Mittel des Landeshaushalts eine Belohnung erhalten". Doch darauf hatte sich der Angeklagte offenbar nicht verlassen wollen. Laut Gesetz hätte er den Fund "unverzüglich" melden müssen, also im Frühjahr 2013.

Verräterische Fotos

Immerhin nimmt sich der junge Mann nach der Hausdurchsuchung einen Anwalt. Auf dessen Anraten übergibt er freiwillig im Beisein der Kriminalpolizei zahlreiche kleine Funde an die Archäologen. Das sei alles gewesen, was er gefunden habe, beteuert er. Doch wenige Tage später wird auch das Haus eines Bekannten durchsucht.

Dort tauchen zwar keine brisanten Stücke auf. Aber eine Kamera mit sehr interessanten Bildern im Speicher: ein großer Silberteller, eine Silberschale und goldene Gewandapplikationen sind darauf zu sehen sowie Reste eines versilberten und vergoldeten Klappstuhls. Noch am selben Tag steht der Mann wieder bei der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz - mit den Stücken, die auf den Fotos zu sehen waren. Er wolle seinen großen Fund nicht länger verstecken, sondern endlich reinen Tisch machen.

Der Schatz ist nun in der Obhut der Landesarchäologen. Viel wird er ihnen nun nicht mehr über das Leben der Nibelungen verraten können.


Zusammengefasst: Ein 24-Jähriger war 2013 in der Pfalz auf einen etwa 500.000 Euro wertvollen Barbarenschatz gestoßen, behielt diesen aber zunächst für sich, statt ihm dem Denkmalamt zu melden. Wegen Unterschlagung wurde der Mann nun in zweiter Instanz zu acht Monaten auf Bewährung verurteilt. Da er Teile des Gold- und Silberschatzes poliert hat, sind wertvolle Informationen verloren gegangen, die Archäologen mehr über das Leben der Menschen im fünften Jahrhundert hätten verraten können.

Zur Autorin
Foto: Sabine Bungert

Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.Homepage von Angelika Franz 

Mit Material von dpa