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Schiffs-Experiment Segeln wie die Römer

Einst verteilten die Römer Waren per Lastkahn im Reich. Doch wie leistungsfähig waren die Boote? Ein Ingenieur und ein Althistoriker haben sich mit einem Nachbau auf die Mosel gewagt.

Rudernde Sklaven, die mit der Kraft ihrer Muskeln riesige Galeeren durch das Mittelmeer wuchten - daran dürften die meisten Menschen beim Stichwort "Römerschiffe" denken.

Doch es waren weniger mächtige Kriegsschiffe, sondern eher kleinere Lastkähne, die das Römische Reich am Laufen hielten. Mit ihnen wurde die Bevölkerung des Riesenreiches auf dem Flussweg mit Waren versorgt. Diese sogenannten Prahme sind bislang erstaunlich schlecht erforscht. Dabei gehörten die länglichen, viereckigen Lastkähne zu den wichtigsten Transportmitteln im Römerreich.

Diesen Schiffstyp haben sich nun der Althistoriker Christoph Schäfer von der Universität Trier und der Maschinenbauer Karl Hofmann-von Kap-herr von der Hochschule Trier vorgenommen. Es stellten sich viele Fragen: Welche Geschwindigkeiten erreichten Prahme? Wie groß war die Besatzung? Und auf welchen Gewässern konnten sie überhaupt eingesetzt werden?

Die zunächst wichtigste Frage war aber eine andere: Die erhaltenen Funde von Prahmen aus dem Römischen Reich weisen oft Mastspuren auf. Doch dass man eine so flache, eckige Kiste mit einem Segel voranbringen kann, erschien eher unwahrscheinlich.

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Römerschiff-Experiment: Segeln, Treideln, Staken

Foto: Hochschule Trier

"Wir sind beide passionierte Segler", sagen sie. "Das hat uns sicherlich auch zu dem Projekt inspiriert." Als Testobjekt diente ihnen ein zehn Meter langer und 1,70 Meter breiter Nachbau eines römischen Prahms, den Lehrer und Schüler der Berufsbildenden Schule Wittlich in einem Projekt im Maßstab 1:2 angefertigt hatten - mit Segel und nach den Maßen eines römischen Wracks aus dem schweizerischen Bevaix am Lac de Neuchâtel.

Damit die "Secundinia" hinaus aufs Wasser der Mosel konnte, brauchte sie aber zunächst eine Mannschaft. "Im Rahmen einer Exkursion haben unsere Studenten erst einmal das Segeln gelernt", erzählt Schäfer. Ein bisschen umgewöhnen mussten sie sich auf dem Prahm dann allerdings doch. Denn während moderne Segelboote in der Regel mit Schratsegeln ausgestattet sind, fuhren die römischen Schiffe mit rechteckigen Rahsegeln, die quer zur Schiffslängsachse gesetzt waren. Das Kreuzen gegen den Wind ist mit einem antiken Rahsegel nicht möglich.

Hervorragende Treidel-Eigenschaften

Bei den ersten Segelversuchen hatten die Forscher zur Sicherheit zu beiden Seiten des Prahms Ausleger mit Schwimmern angebracht - damit das Schiff nicht kentern würde. "Aber wir haben ganz schnell gemerkt, dass wir die überhaupt nicht brauchen", berichtet Hofmann-von Kap-herr. Der Prahm lag stabil im Wasser, auch bei kräftigeren Böen von der Seite. "Die Auftriebskörper haben wir dann schon wieder abgebaut." Und das sollte nicht die einzige Überraschung bleiben: Der kleine Lastkahn erwies sich als erstaunlich segeltüchtig, sogar noch bei einer Windstärke von vier Beaufort. "Unser Geschwindigkeitsrekord lag sogar bei 5,7 Knoten", sagt der Ingenieur. Das entspricht deutlich über zehn Kilometern pro Stunde.

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Ausgegraben: Bilder und Geschichten aus der Archäologie

Foto: PBS/ BBC

Aber was tun, wenn der Wind gerade nicht in die Richtung wehte, in die man seine Waren transportieren wollte? Dann griffen die Römer zum Seil und zogen das Schiff vom Ufer aus. Mit seinen Studenten entwickelte Hofmann-von Kap-herr eine Messvorrichtung, mit der die optimalen Bedingungen für das sogenannte Treideln ermittelt werden können. "Ist die Leine zu lang, wird sie durch das ständige Eintauchen ins Wasser nass und schwer und erzeugt zusätzlichen Wasserwiderstand", erklärt er. "Ist sie zu kurz, zieht man das Schiff zum Ufer hin und nicht nach vorne." Auch beim Treideln zeigte der Prahm hervorragende Eigenschaften: "Wenn er erst einmal in Bewegung war, konnte ein Mann ihn bequem hinter sich herziehen."

Zu römischer Zeit gab es allerdings entlang der Flüsse noch keine Treidelpfade - die entstanden erst im Mittelalter. Bei Gegenwind und zu vielen Büschen und Bäumen am Ufer mussten die Prahmschiffer auf eine dritte Antriebsart ausweichen: das Staken.

Mit langen Stangen, die sie in den Flussboden stießen, drückten sie das Schiff mit Muskelkraft nach vorne. Dann wurde es anstrengend - und wesentlich langsamer: "Das Staken ist nur etwa ein Drittel so leistungsfähig wie das Treideln", berichtet Hofmann-von Kap-herr. Für das Experiment hatte eine Arbeitsgruppe einen Messstak entwickelt. Über Sensoren konnten die aufgewendeten Kräfte erfasst werden. Zudem wurde auch ermittelt, mit welcher Kraft die Staker bei jedem Schub ihre Füße auf den Schiffsboden drückten.

Halb so viele Waren wie ein moderner Lkw

Dann galt es, die Werte für einen richtigen Prahm hochzurechnen. "Unser 1:2-Modell kann mühelos 1,6 Tonnen transportieren", sagt Hofmann-von Kap-herr, "oder 1,2 Tonnen und fünf Studenten." Ein römischer Prahm aber war doppelt so groß. "Der konnte bis zu 15 Tonnen laden", rechnet er weiter. Dann allerdings lag er so tief im Wasser, dass es leicht über die Bordwand schwappen konnte. "Wenn die Waren trocken bleiben sollten, waren 12 bis 13 Tonnen eine sichere Größenordnung." Damit konnten die Römer auf einem Prahm mit erstaunlich wenig Muskelkraft schon halb so viele Waren durch das Reich transportieren wie heute ein moderner Lkw.

"Unsere Studenten konnten unglaublich viel voneinander lernen", bewertet Schäfer das Experiment. "Die Historiker haben gelernt, wie wichtig die Ingenieurwissenschaften für die Überprüfung antiker Quellen sein können. Und die angehenden Maschinenbauer haben gesehen, wie ihre Messtechnik und Formeln im Kontext der Antike plötzlich lebendig wurden."

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