Schiffswrack Schatzsucher feiern Fund der "HMS Victory"

250 Jahre war die "HMS Victory" verschollen, das einst größte Kriegsschiff der Welt. Jetzt haben amerikanische Schatzsucher das Wrack im Ärmelkanal entdeckt - und hoffen, auch die vier Tonnen Gold zu finden, die an Bord vermutet werden.


London - Es war ein gewaltiger Segler, der am 5. Oktober 1744 in einen der gefürchteten Herbststürme des Ärmelkanals geriet. Hoch wie ein Haus war der Dreimaster, rund 53 Meter lang, aus seinen drei Decks ragten hundert Kanonen. Das Unwetter erwischte ihn auf dem Heimweg von Gibraltar, wo er einen französischen Verband in die Flucht geschlagen hatte. Das Kommando führte ein letztes Mal Sir John Balchin, der zweithöchste Befehlshaber der Royal Navy.

Balchin war ein erfahrener Kapitän, 58 Jahre hatte er im Dienste des Königs die Weltmeere befahren. Doch die "HMS Victory", der fast 2000 Tonnen schwere Stolz der englischen Flotte, sollte ihren Heimathafen Portsmouth nicht erreichen. An jenem Oktobertag verschwand sie spurlos - mit 1100 Mann und vier Tonnen Gold an Bord. Für England war der Verlust des damals weltgrößten Kriegsschiffes eine nationale Tragödie, zum Gedenken wurde ein Marmorsarkophag in Westminster Abbey aufgestellt.

Einzelne Teile der "HMS Victory" wurden im Lauf der Zeit auf den Kanalinseln an Land gespült, doch das Wrack blieb mehr als 250 Jahre lang verschollen.

Bis jetzt.

In einer monatelangen Geheimoperation hat die US-Schatztaucherfirma Odyssey Marine Exploration das Wrack auf dem Grund des Ärmelkanals in 100 Metern Tiefe ausfindig gemacht. Nach 23 Tauchgängen zwischen Mai und Oktober 2008 gebe es "keinen Zweifel", dass es sich um die "Victory" handele, heißt es in einem 45-seitigen Untersuchungsbericht, der SPIEGEL ONLINE vorliegt. Am Montagmittag gab Unternehmensgründer Greg Stemm die Nachricht im Luxushotel "Four Seasons" des Londoner Finanzdistrikts Canary Wharf offiziell bekannt. Für ihn ist es der "wahrscheinlich wichtigste Schiffswrack-Fund der Geschichte".

Fundstelle bleibt geheim

Die Koordinaten der Fundstelle verraten die professionellen Wracksucher nicht. Aus Angst vor Konkurrenz nennen sie den Fundort nur geheimnisvoll "Site 25C". Auf einem Areal von 61 mal 22 Metern sollen dort 41 Bronzekanonen liegen, darunter acht tonnenschwere 42-Pfünder. Moderne Fischernetze, die über den Meeresgrund geschleift wurden, haben die meisten Kanonen so verschoben, dass sie parallel zum Schiffskiel liegen. Inmitten von Müsli-Schachteln, Glasflaschen, einer Videokassette und anderem Zivilisationsmüll fanden die Forscher noch andere Überbleibsel aus dem 18. Jahrhundert: einen Kochkessel aus Kupfer, zwei Anker und das zehn Meter lange Ruder des Schiffs.

Durch Grabungen im Sand hofft Odyssey, die restlichen der 100 bis 110 Kanonen freizulegen - ebenso wie einen vier Tonnen schweren Goldschatz. Die "HMS Victory" soll zeitgenössischen Quellen zufolge auf ihrem Weg von Gibraltar nach Portsmouth in Lissabon vor Anker gegangen sein und dort 400.000 Pfund Sterling an Bord genommen haben, wahrscheinlich in Form von 100.000 Goldmünzen. Auch soll Balchin auf dieser letzten Fahrt vor der Rente zahlreiche französische Handelsschiffe aufgebracht haben, um sich seinen Ruhestand zu versüßen.

Für Unterwasserarchäologen ist schon der Fund an sich eine Sensation. Mit Hilfe des ferngesteuerten Tauchroboters "Zeus" haben die Schatzsucher zwei der Bronzekanonen geborgen - einen 12-Pfünder und einen 42-Pfünder. Die eine Kanone trägt das Wappen von König George I., die andere das von George II. Die Herstellungsdaten 1726 und 1734 stimmen mit der Bauzeit der "Victory" überein. Es war das letzte große Kriegsschiff der Royal Navy, das mit Bronzekanonen ausgerüstet war, ehe die Geschütze aus Eisen gefertigt wurden.

Absprachen mit den Behörden

Für die Bergung der beiden Kanonen hat Odyssey sich grünes Licht vom britischen Verteidigungsministerium geholt, denn das Kriegsschiff gehört dem Staat, auch wenn es in internationalen Gewässern gefunden wurde. Mit Regierungen haben die kommerziellen Schatztaucher bereits schlechte Erfahrungen gemacht, daher gehen sie nun sehr diplomatisch vor.

Besonders mit Spanien steht Odyssey seit Jahren auf Kriegsfuß. 2006 hatten die Amerikaner bei Gibraltar die 1694 gesunkene "HMS Sussex" entdeckt, doch der vermutete Milliardenschatz ist bis heute nicht gehoben. Die spanische Regierung stellte sich quer, das Projekt liegt auf Eis.

Eine zweite Operation vor der spanischen Küste, die ein Wrack mit dem Codenamen "Black Swan" zum Ziel hatte, war 2007 insofern teilweise erfolgreich, als Odyssey heimlich hunderttausende Münzen bergen und in die USA ausfliegen konnte. Doch erhob Spanien nachträglich Anspruch auf den Schatz, der Fall wird nun vor einem US-Gericht verhandelt.



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