Schlacht um England Als Spaniens Armada in die Katastrophe segelte

Die Reformation hat Europa gespalten. 1588 schickt Philipp II. von Spanien eine gewaltige Invasionsflotte gegen die ketzerischen Protestanten Englands. Das gewagte Unternehmen endet mit einem Desaster - der Anfang vom Ende eines Weltreichs.

Von Mathias Mesenhöller


Der Wind dreht, kommt wieder direkt von vorn, und dann schwillt er an. Die "Juliana", die "Lavia" und die "Santa María de Visón" suchen Schutz in der Donegalbucht. Am 17. September 1588 ankern die massigen spanischen Dreimaster drei Kilometer vor Streedagh Beach, Nordwestirland.

Vor Feindesland.

Mehr als 1300 ausgelaugte, hungrige Seeleute und Soldaten liegen fest. Um zurück auf den Atlantik zu gelangen, brauchen sie Ostwind. Doch der Sturm, der sie am 21. September erreicht, kommt abermals aus Westen.

Er trifft die Spanier mit voller Wucht. Die Wellen scheinen bis zum Himmel zu schlagen, die Anker halten nicht im sandigen Grund, die Segel sind nutzlos – und der Wind treibt die Schiffe aufs Ufer zu.

Plötzlich laufen die Kiele auf Grund. Welle auf Welle donnert gegen die festgerammten Rümpfe, spült über sie hinweg, rüttelt an den Planken. Es kann nicht lange dauern, bis die Schiffe auseinanderbrechen werden.

Vielleicht 200 Meter sind es bis zum Strand – doch selbst denen, die schwimmen können, muss die krachende, gischtende Brandung unüberwindlich erscheinen. Einige versuchen es dennoch.

Kapitäne werfen ihre Goldketten ab

Der bucklige Offizier Diego Enríquez und einige andere Adelige schaffen Gold und Juwelen im Wert von mehreren Tausend Dukaten ins Innere eines großen Beibootes. Enríquez gibt Befehl, hinter ihnen die Luke fest zu verschließen, dann abzulegen. Im letzten Moment springen 70 Verzweifelte auf das Boot.

Sie steuern Richtung Ufer, da wirft eine riesige Welle das Gefährt um. Die Männer verschwinden in der Flut. Das Boot wird hin und her geschleudert, kreist, schlingert, schließlich schlägt es kieloben an den Strand.

Auf den Schiffen ertrinken zur gleichen Zeit Seeleute und Soldaten unter Deck oder werden herausgespült, andere springen über Bord und tauchen nie wieder auf. Im schäumenden Wasser klammern sich Verzweifelte an Fässer und Planken. Manchen zerschlägt herumwirbelndes Treibgut die Beine.

Kapitäne werfen ihre schweren, am Leib getragenen Goldketten und Geldbeutel ab; ein hoher Würdenträger, der sich nicht rechtzeitig von seinem Wams voller eingenähter Münzen trennen kann, ertrinkt mit dem Namen Gottes auf den Lippen. Durch das Tosen dringen Kreischen und geschriene Gebete.

Unterdessen versammeln sich am Ufer Bewohner der Küste und Soldaten der englischen Königin, die auch über Irland herrscht. Einige tanzen vor Freude über den Untergang der Spanier. Wo das Meer Überlebende an Land wirft, laufen sie herbei, plündern und misshandeln die Schiffbrüchigen. Die noch an Bord sind, sehen es mit Grausen.

Dann bersten die Rümpfe.

Am darauffolgenden Tag durchkämmen Strandräuber den mit Leichen und Schiffstrümmern übersäten Strand. Sie brechen das angespülte Beiboot auf. Die Eingesperrten sind tot – nur Don Diego sieht noch ein letztes Mal das Tageslicht, dann stirbt auch er. Die Plünderer nehmen Gold, Juwelen, sogar die Kleidung der Toten und lassen sie unbeerdigt auf dem Strand zurück.

Mehr als 1000 Mann sind umgekommen. Knapp 300 haben überlebt, viele von ihnen werden gefangen genommen.

Insgesamt gehen etwa 30 spanische Schiffe in den Stürmen vor Irland und Schottland unter. Sie waren Teil des ehrgeizigsten Seekriegsunternehmens der spanischen Geschichte: der Invasion Englands.

Und die Katastrophe der Armada im Herbst des Jahres 1588 markiert das Ende der spanischen Expansion, den Beginn der Stagnation eines Weltreichs.

Eine Generation zuvor schien es ausgeschlossen, dass Spanien und England überhaupt gegeneinander Krieg führen würden. Denn die spanische Flotte, die im Jahr 1554 den Ärmelkanal hinaufsegelte, kam in friedlichster Absicht: Sie brachte einen Bräutigam.

Philipp, der spanische Thronfolger, künftige Herrscher über Teile Italiens, die Niederlande und ein riesiges Kolonialreich in Übersee, heiratete in Winchester Englands Königin Maria aus dem Hause Tudor.

Doch die Ehe blieb kinderlos, und als Maria 1558 starb, möglicherweise an Krebs, endete die Union zwischen den beiden Königshäusern. In London wurde Marias Halbschwester zur Königin gekrönt: Elisabeth.

Sie führte erneut die protestantische Staatskirche ein, die ihr Vater Heinrich VIII. begründet und die ihre katholisch gebliebene Vorgängerin wieder beseitigt hatte. Marias Gemahl aber, 1556 als Philipp II. zum König von Spanien gekrönt, verlor mit dem Tod seiner Frau alle Titel und Ansprüche in England.

In den folgenden Jahren wagten sich englische Kaufleute immer weiter aufs Meer, angelockt von guten Geschäften in Spaniens Kolonien.

Die See sei frei, sagten sie. Die See sei spanisch, antwortete das Imperium und verwehrte den Zugang.

Ein unerklärter Kleinkrieg begann, in dem Kaufleute, staatlich gedeckte Freibeuter und gesetzlose Seeräuber schon bald kaum mehr voneinander zu unterscheiden waren. Die Königin duldete die Kaperfahrten ihrer Untertanen, unterstützte sie sogar – und profitierte davon, indem sie einen Teil der Beute erhielt.

Spaniens Kräfte waren durch einen Aufstand in den Niederlanden gebunden, den Elisabeth erst heimlich, dann immer offener unterstützte.



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