Schlafforschung Was der Jetlag mit dem Hirn anstellt

Konzentrationsschwäche, Schlafstörungen, tagelange Müdigkeit: Der Jetlag sucht zahlreiche Menschen nach Langstreckenflügen heim. Jetzt haben Forscher im Tierversuch Hinweise darauf gefunden, wie das Hirn aus dem Takt gerät.


Cambridge - Wer regelmäßig über lange Strecken fliegt, kennt das Problem eines Jetlag: Man schläft nicht selten wie betäubt viele Stunden lang - ohne sich jedoch wirklich zu erholen. US-Forscher haben jetzt herausgefunden, warum das so ist: Durch die Zeitverschiebung geraten zwei Schlafkontrollzentren so aus dem Takt, dass sie nicht mehr synchron arbeiten. Das eine Zentrum reguliert die Tiefschlafphasen, das andere steuert den REM-Schlaf, benannt nach den schnellen Augenbewegungen ("rapid eye movements").

Lichttherapie: Sie ist eine Möglichkeit, die Folgen von Jetlag oder Winterdepression zu bekämpfen
REUTERS

Lichttherapie: Sie ist eine Möglichkeit, die Folgen von Jetlag oder Winterdepression zu bekämpfen

Während ersteres nur etwa zwei Tage braucht, um sich der neuen Zeitzone anzupassen, arbeitet letzteres häufig erst nach über einer Woche im richtigen Rhythmus. Die Folge ist eine Störung in der natürlichen Abfolge der Schlafphasen - und das verursacht wiederum die für den Jetlag typische bleierne Müdigkeit, schreiben Horacio de la Iglesia und seine Kollegen von der University of Washington im Fachmagazin "Current Biology".

Bei den beiden Steuerzentren handelt es sich um Nervenzellgruppen in einem Hirnareal namens Suprachiasmatischer Nucleus, kurz SCN. Ein Teil liegt am unteren, ventralen Rand des SCN und erhält Lichtinformationen direkt vom Auge. Seine Aktivität ist dadurch auf den Tag-Nacht-Zyklus abgestimmt. Die andere Gruppe liegt am oberen oder dorsalen Rand des SCN und kann nicht auf Informationen über Licht und Dunkel zurückgreifen - sie verlässt sich ausschließlich auf interne Signale wie Stoffwechselabläufe oder andere rhythmische Vorgänge im Körper.

Normalerweise arbeiten beide Gruppen synchron. Stimmen jedoch plötzlich die Lichtverhältnisse nicht mehr mit dem gewohnten Rhythmus überein, wie etwa nach langen Flugreisen oder bei Schichtarbeitern, geraten die Steuerzentren aus dem Takt, wie de la Iglesia und seine Kollegen nun bei Ratten zeigen konnten. Sie stellten die Labortiere von ihrem gewohnten 25-Stunden-Tag auf einen 22-Stunden-Zyklus um - eine Veränderung, die mit der Zeitverschiebung eines Flugs von Paris nach New York vergleichbar ist.

Der Rhythmus der Tiefschlafphasen, die vom ventralen Zentrum gesteuert werden, passte sich schnell an die neuen Gegebenheiten an. Der REM-Schlaf folgte dagegen nach wie vor dem 25-Stunden-Rhythmus, da sich die zuständige Steuerzentrale nicht auf den neuen Zyklus einstellte. Erst nach sechs bis acht Tagen seien beide Rhythmen wieder synchron gewesen, berichten die Wissenschaftler. Bis dahin sei die natürliche Abfolge der verschiedenen Schlafphasen bei den Tieren vollkommen durcheinander gewesen.

"Eine Gruppe von Nervenzellen sagt einem, man befände sich in Paris, während die andere sagt, es sei New Yorker Zeit", erklärt de la Iglesia. Das habe sowohl für die Gesundheit als auch für die kognitive Leistungsfähigkeit Konsequenzen. So haben Schichtarbeiter etwa ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs, und Menschen mit Jetlag leiden überdurchschnittlich häufig unter Lern- und Konzentrationsproblemen. Die neuen Ergebnisse sollen nun helfen, bessere Möglichkeiten zu entwickeln, um die Taktgeber schneller wieder zu synchronisieren.

mbe/ddp



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