Schlammgräber von London Schatzsuche im Themse-Schlick

Edelsteinsplitter, Reste von Kettenhemden, Fußfesseln - Hobby-Historiker entdecken im Schlamm der Themse die Londoner Geschichte neu. SPIEGEL ONLINE war zwischen Millennium Bridge und Tower unterwegs, wo seit einiger Zeit sogar indische Opfergaben angeschwemmt werden.

Museum of London Docklands

"Soll ich Dir einen Edelstein finden?", fragt Steve Brooker. Welche Frau hört diese Frage nicht gern? Mein Gegenüber lacht, setzt die Maurerkelle an und zieht die oberste Schicht vom schwarzen Schlamm ab. Im hellen Sonnenlicht funkelt es aus dem freigelegten Streifen. "Hier", sagt er und legt vorsichtig einen winzigen dunkellila glänzenden Krümel in meine Handfläche. "Ein Granat."

Auf dem Quadratmeter Themse-Ufer, auf dem wir stehen, ist es leicht, ein Kavalier zu sein. Denn hier hatte einst ein Edelsteinschleifer seine Werkstatt. Der Boden ist voll winziger Halbedelsteinsplitter - Müll von seiner Werkbank. Und Brooker, der sein Geld normalerweise mit dem Einbau von Fenstern in den Hochhäusern der Londoner City verdient, kennt jeden Quadratmeter Uferland. Zwischen Millennium Bridge und Tower ist er als "Mudlark" unterwegs, wörtlich übersetzt heißt das so viel wie Schlammschwalbe.

An jedem freien Tag streift Brooker durch den dicken schwarzen Uferschlick der Themse, auf der Suche nach dem Müll und den Schätzen, die Menschen hier in mehr als dreitausend Jahren verloren.

Sie waren gute Verlierer, die Londoner

Der Inhalt von Hosentaschen, ganze Wagenladungen und manchmal sogar Tote - "von Leichen bis Bügelbrettern liegt hier alles", sagt Brooker. In der Tat setzt man mit fast jedem Schritt seinen Stiefel auf Knochen oder Scherben. Häufiger als alles andere finden sich aber Nadeln.

"Hier musst Du graben", sagt Brooker und zeigt auf eine kleine Mulde, in der die Strömung Steinchen zusammengetragen hat. "So sehen die vielversprechenden Fundstellen aus." Ich bohre die Spitze meiner Maurerkelle, dem typischen Grabungswerkzeug, in den Schlick. Und tatsächlich: Fünf, sechs feine Stecknadeln haben sich zwischen den Steinen verkeilt. In der nächsten Steinmulde das gleiche Bild: Nadeln über Nadeln. "Eine feine Dame hatte früher um die tausend Nadeln in ihrer Kleidung stecken", sagt Brooker. "Und da fielen oft mal welche raus."

Auch Männer hinterließen ihre Spuren im Themseschlamm, hauptsächlich in der Form von kleinen weißen Röhrchen: Stiele von Tonpfeifen. In ihnen rauchten die Briten ihren Tabak, bis gegen Anfang des 20. Jahrhunderts Zigaretten und Zigarren in Mode kamen. Die Tonpfeifen waren billige Massenware. Ein kleiner Kopf saß am Ende eines langen Stiels. Der war extrem fragil und brach bei ungeschickter Handhabung schnell entzwei. Doch kein Problem: Das abgebrochene Stück flog im hohen Bogen in den Fluss, und der Besitzer rauchte seine Pfeife mit kürzerem Stiel weiter. Die frühesten Pfeifenexemplare, die schon wenige Jahrzehnte nach der Entdeckung Amerikas - und damit des Tabaks - als ständiger Begleiter im Mundwinkel der Matrosen auftauchten, hatten kleine, fassförmige Köpfchen. Im Laufe der Zeit wurden die Köpfe größer und waren oft auch verziert.

Königlicher Müll zu Füßen des Towers

Das zugemauerte Verrätertor des Tower of London ist bei Ebbe mit einer dicken Schleimschicht aus grünem Modder bedeckt. Durch diesen Eingang betraten unter anderen zwei der sechs Frauen von Heinrich VIII. den Tower, bevor sie wenig später hinter den Mauern den Kopf verloren. Der schmale Strand vor dem Tor ist ein ideales Revier für die sogenannten Mudlarks, die Schlammgräber von London. Denn über just jene Mauer fegten die Angestellten des Königspalastes jahrhundertelang jeden Abend den royalen Müll.

Und was kringelt sich da im Sand? Wattwürmer? Nein, es fühlt sich fest an - und ist offenbar ein Stück Kettenhemd. Getragen hat das allerdings nie jemand, sagt Brooker. Solche kleinen Stücke seien Abfall aus der Werkstatt des Kettenhemdschneiders. Der habe seinen Stoff nämlich als Meterware geliefert bekommen. Mit der Zange habe er die passende Größe zurechtgeschnitten. Die übrigen Schnipsel seien als Verschnitt in die Themse gewandert.

Im Tower-Müll wühlen darf nicht jeder. Während die Südseite der Themse frei zugänglich ist, haben für die Nordseite nur 51 Mitglieder der "Society of Thames Mudlarks" eine offizielle Genehmigung der Port of London Authority. Brooker ist Vorsitzender des Vereins. Er weiß, dass die Nordseite gefährlich ist: Das Wasser steigt bei einem Tidenhub von über sieben Metern schnell - und leicht gerät man vor den steil aufragenden Wänden der nördlichen Uferbebauung in die Falle.

Es gibt noch einen Grund, die Zahl der Mudlarks zu begrenzen: Zu Füßen des Towers und der alten Dockanlagen ist der Schlamm besonders voll von historisch bedeutenden Artefakten. Deswegen bekommt man nur nach einer jahrelangen gewissenhaften Zusammenarbeit mit dem Museum of London eine Lizenz für die Suche.

Wer schnell mal einen Schatz finden möchte, ist hier völlig falsch. Wer sich aber für London, seine Geschichte und Geschichten interessiert, wird hier glücklich. Brookers Lieblingsfunde sind Schuhe. Denn durch sie kommt er den Londonern der vergangenen Jahrhunderte besonders nahe. "In jedem davon ging mal ein Mensch durch sein Leben."

Ertrunken mit Kugel am Bein

Während im sonnenbeschienen Ober-London die Touristen die St. Pauls Cathedral und Shakespeares Globe Theatre bewundern, wandern wir im Schatten der großen Brücken durch Unter-London. An den Pfeilern von Milliennium, Southwark, London und Tower Bridge hat die Themse alles abgelagert, was sie nicht mit sich nehmen und in die Nordsee tragen konnte.

Einiges sind Geschenke an den Fluss selbst. Zwischen den Steinen blitzt eine Kette mit 109 durchsichtige Glasperlen und einer Quaste aus pinkfarbenen Garn. Es ist eine indische Opfergabe - immerhin 6,1 Prozent der Bevölkerung Londons stammt vom indischen Subkontinent, und dort bittet man mit kleinen Opfergaben um die Erfüllung von Wünschen oder Bedürfnissen. Wer in Kalkutta lebt, wirft sie in den Ganges. In London erfüllt die Themse denselben Zweck.

Indische Münzen und Ketten liegen im Fluss - und sogar Statuen. Brooker hat schon Dutzende aus der Themse gefischt. "Ich hab eine Ecke meines Gartens nur mit indischen Opfergaben eingerichtet." In Brookers Garten wachsen, stehen, hängen und liegen überall Kuriositäten aus dem Schlamm.

Der Fund, der ihn berühmt gemacht hat, ist allerdings noch im Museum Of London ausgestellt. Im Mai 2008 hat er eine acht Kilogramm schwere Eisenkugel aus dem Schlamm gezogen. Sie sollte einst einen Häftling an der Flucht hindern - offenbar mit Erfolg, das Schloss war fest eingerastet. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass der Gefangene mit dem Gewicht am Bein in der Themse ertrank.

Es muss sich um einen wichtigen Inhaftierten gehandelt haben. Der raffinierte Schließmechanismus ist die Arbeit eines wahren Künstlers, der wahrscheinlich aus Deutschland stammte.

Am Ende der Ausstellung wird Brooker nach britischem Recht die Fußfessel zurückbekommen. In den Garten soll das Gerät aber nicht, der Hobby-Archäologe will sein Prunkstück am liebsten verkaufen - der Erlös soll ein Mudlark-Museum mitfinanzieren. Brooker will "ein kleines Mitmach-Museum vor allem für Schulklassen" errichten. "Direkt am Themseufer unterhalb der Tate Modern - so dass die Kinder auf Führungen selber die Geschichte Londons aus dem Schlamm buddeln können."



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