Schlechte Krankenhaus-Hygiene Superbakterien haben leichtes Spiel

Erst jüngst sorgten skandalöse hygienische Zustände an britischen Krankenhäusern für Schlagzeilen, 90 Patienten starben durch Infektion mit resistenten Bakterien. Auch in Deutschland sind resistente Supererreger auf dem Vormarsch - begünstigt durch menschliche Schlamperei.


Ins Krankenhaus geht man eigentlich, um gesund zu werden. Doch die Zahl der Patienten, die dort erst wirklich krank werden, manchmal sogar todkrank, steigt. Der Grund: Eine Infektion mit Bakterien, die in den Krankenhäusern aufgrund mangelnder Hygiene und extensiven, unüberlegten Antibiotika-Einsatzes zu resistenten Supererregern gestählt wurden. Die treffen dort auf ohnehin schon geschwächte Patienten, deren Immunsystem den Bakterien kaum etwas entgegenzusetzen hat.

Staphylococcus aureus in 10.000facher Vergrößerung: An Krankenhäusern ist das Bakterium weit verbreitet
Janice N. Carr/ CDC

Staphylococcus aureus in 10.000facher Vergrößerung: An Krankenhäusern ist das Bakterium weit verbreitet

Rund 500.000 bis 800.000 Patienten infizieren sich jährlich mit Erregern im Krankenhaus, schätzt das Berliner Robert-Koch-Institut (RKI). Das Problem hat zwei Seiten: bakterielle Hochrüstung und menschliches Versagen. Erst kürzlich sorgten britische Krankenhäuser für Schlagzeilen: Krankenschwestern hatten sich nicht die Hände gewaschen und Patienten in ihren Exkrementen liegen lassen. Skandalöse hygienische Zustände, die in den Kliniken dazu geführt hatten, dass sich das resistente Bakterium Clostridium difficile dramatisch ausbreiten konnte und mehr als 1000 Patienten infizierte. 90 Menschen starben an der Clostridien-Infektion.

MRSA-Infektionen sind dramatisch angestiegen

Ein Problem, das nicht nur England betrifft. Auch hierzulande werden immer mehr Menschen in Krankenhäusern schwer krank oder sterben gar. "Die Zahl der Infektionen mit solchen Keimen hat dramatisch zugenommen", sagt Klaus-Dieter Zastrow von der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) in Berlin.

Ein besonders häufig vorkommender Erreger ist der sogenannte Staphylococcus aureus, der mitunter Stämme bildet, die gleich gegen mehrere Antibiotika resistent sind. Die Zahl der Infektionen mit diesen Methicillin-restistenen Staphylococcus-aureus-Stämmen (MRSA) lag laut Zastrow 1992 noch bei zwei Prozent. "Diese Zahl hat sich bis heute mehr als verdreizehnfacht." Besonders auf Intensivstationen ist die Ansteckungsrate sehr hoch, das Infektionsrisiko liegt bei über 15 Prozent. Die Patienten dort haben ein besonders angeschlagenes Immunsystem. Jedes Jahr sterben nach Schätzung der DGKH 50.000 Patienten an Krankenhauskeimen.

Es ist vor allem der falsche oder übertriebene Einsatz von Antibiotika, der die Verbreitung von MRSA-Erregern nach Angaben Zastrows gefördert hat. Häufig würden die Medikamente auf Verdacht verabreicht, ohne dass der Behandlung eine mikrobiologische Untersuchung der Erreger vorangegangen wäre. Die Folge: Schlägt ein Antibiotikum nicht an, wird gleich das nächste ausprobiert. "Kein Wunder, dass sich so Resistenzen entwickeln", betont Zastrow.

Die Superbakterien aus dem Krankenhaus werden zunehmend auch eine Bedrohung für die Allgemeinheit. Eine Entwicklung, die zuerst in US-amerikanischen Städten, dann auch in Großbritannien beobachtet wurde: Dort treten zunehmend MRSA-Infektionen außerhalb von Krankenhäusern auf. Im Winter 2006 starben sechs Kinder in den US-Bundesstaaten Lousiana und Georgia an MRSA-Erregern. Sie waren nachweislich nicht in die Nähe von Krankenhäusern gekommen, wie "New Scientist" berichtet hatte.

Vancomycin bietet keinen Schutz mehr

Resistenzen können sich auch außerhalb der Krankenhäuser bilden, denn auch viele niedergelassene Ärzte verabreichen Antibiotika zu schnell und unbedacht. Dazu kommt, dass viele Kranke Antibiotika nicht lange genug einnehmen, was wiederum die Wahrscheinlichkeit der Resistenzbildung erhöht. Die Folge: Nicht nur Staphylokokken werden immer schwerer zu behandeln, auch Salmonellen, Streptokokken und Clostridien machen den Medizinern zunehmend Sorgen.

Die Heranzüchtung von Resistenzen ist Evolution im Zeitraffer: Bei hoher Organismenzahl und schneller Vermehrungsrate ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ein einziges Bakterium zufällig eine Mutation in sich trägt, die das Antibiotikum wirkungslos werden lässt. Noch schlimmer: Bakterien, die aufgrund einer Mutation eine Resistenz gegen ein Antibiotikum entwickelt haben, verbreiten ihre Gene nicht nur durch Selbstteilung weiter - sie können sie auch per Genaustausch an andere Bakterien geben. Und die geben sie ihrerseits durch Teilung weiter.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.