Schmerzen Der Quälgeist unter den Genen

Mediziner haben ein Gen identifiziert, das Schmerzen stark beeinflussen kann. Die oberste Medizin-Forschungsbehörde der USA spricht schon von neuen Möglichkeiten im Kampf gegen chronische Schmerzen. Doch die Studie stößt auf Kritik.

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Millionen Menschen leiden allein in Deutschland an chronischen Schmerzen, und die Zahl der Betroffenen steigt zusammen mit der durchschnittlichen Lebenserwartung in den Industrieländern. Jetzt melden Forscher eine vielversprechende Entdeckung: Ein einzelnes Gen sei maßgeblich dafür verantwortlich, wie empfindlich Menschen auf akute Schmerzen reagieren und ob sie auch chronische Schmerzen bekommen.

Der Brasilianer Roberto Carlos, gefoult vom Ghanaer Illiasu Shilla: Gen beeinflusst Schmerzempfinden
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Der Brasilianer Roberto Carlos, gefoult vom Ghanaer Illiasu Shilla: Gen beeinflusst Schmerzempfinden

Den Verdacht, dass das Gen namens GCH1 an der Schmerzreaktion beteiligt ist, hegen Wissenschaftler schon seit Versuchen an Ratten. Litten die Nager an einer Nervenverletzung im Rücken, stieg die GCH1-Aktivität in ihren Zellen um das Sechsfache an. Gleichzeitig waren die Tiere sehr viel schmerzempfindlicher als zuvor. Auch ein länger anhaltender Schmerz durch eine Nervenschädigung oder eine Entzündung erhöhte in den Tests die GCH1-Aktivität.

Enzym-Menge offenbar entscheidend

GCH1 enthält den Bauplan für ein Enzym, das wiederum für die Produktion einer Substanz namens BH4 benötigt wird. Dessen Menge scheint ausschlaggebend für die Schmerzempfindlichkeit zu sein, schreiben die Forscher um Clifford Woolf vom Massachusetts General Hospital und der Harvard Medical School in Boston im Fachblatt "Nature Medicine". Diese Wirkung sei bislang nicht bekannt gewesen.

Um einen ähnlichen Zusammenhang beim Menschen nachzuweisen, haben die Wissenschaftler die GCH1-Varianten im Erbgut von Freiwilligen verglichen, die zuvor wegen eines Bandscheibenvorfalls operiert worden waren. Tatsächlich hätten die Patienten, deren GCH1-Gen auf eine bestimmte Weise verändert gewesen sei, nach der Operation sehr viel weniger unter Schmerzen gelitten als die Probanden ohne diese Veränderung im Erbgut. Eine weitere Untersuchung in einer Gruppe gesunder Freiwilliger habe außerdem gezeigt, dass die veränderte Genvariante ihre Träger nicht nur vor lang anhaltender Pein bewahren könne, sondern auch weniger empfindlich gegenüber akuten Schmerzen mache.

Derzeit versuchen die Wissenschaftler herauszufinden, wie dieses System genau funktioniert und welche Gene noch beteiligt sein könnten. Die National Institutes of Health, die oberste Medizin-Forschungsbehörde der USA, hat die Studie mitfinanziert und spricht in einer Pressemitteilung bereits von der Möglichkeit neuer Therapieansätze. Doch die Studie stößt auch auf Kritik.

Kein Wohlfühl-Schalter

"Mit chronischen Schmerzen hat das überhaupt nichts zu tun", meint der Würzburger Schmerzforscher Günter Sprotte. Patienten mit echten chronischen Schmerzen seien für die Studie nicht untersucht worden. Sprotte warnt auch vor dem Eindruck, man habe jetzt einen genetischen Schalter gefunden, mit dessen Hilfe man das Schmerzempfinden auf einfache Art beeinflussen oder gar Schmerzen an- und abschalten könnte.

"Da das Abschalten dieses Gens sicherlich auch die physiologische Antwort unterbinden würde, die zur Heilung führt, sehe ich da ein Riesenproblem", sagte Sprotte im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Man könne nicht einfach die normale Reaktion des Körpers auf eine Verletzung verändern, um pathologischen Schmerzzuständen vorzubeugen.

Die Studie in "Nature Medicine" sei zwar für die Schmerzphysiologie hochinteressant, "da man den Zusammenhang zwischen einem Gen und der Antwort des zentralen Nervensystems sieht". Die Entdeckung solcher genetischen Schlüsselstellen verlocke natürlich dazu, dort einzugreifen. Doch ob in diesem Fall neue Therapie-Ansätze möglich sind, sei eine "völlig offene Zukunftsvision", sagte Sprotte. "Eventuell greift man da in Dinge ein, von denen man die Finger lassen sollte."

Therapie noch in weiter Ferne

Laut Irmgard Tegeder von der Frankfurter Goethe-Universität, die an der Studie beteiligt war, plane jedoch niemand einen direkten Eingriff auf genetischer Ebene - zumindest nicht in absehbarer Zeit. Man könne höchstens überlegen, das Enzym, welches das Produkt des GCH1-Gens ist, zu hemmen - so dass nur die Überproduktion des BH4-Proteins gestoppt wird, seine physiologische Funktion aber erhalten bleibt.

Eine entsprechende medikamentöse Therapie sei aber noch "in weiter Ferne", betont Tegeder. Den Vorwurf, für die Studie seien keine Patienten mit chronischen Schmerzen untersucht worden, weist sie zurück. Zwar stammten die Daten der 168 an der Bandscheibe operierten Menschen nur aus dem ersten Jahr nach dem Eingriff. "Die Patienten litten aber schon Jahre zuvor an diesen Schmerzen."

Eine der ersten denkbaren Anwendungen der neuen Erkenntnisse sei etwa ein genetisches Screening von Patienten vor einer Operation. "So könnte man feststellen, welche Patienten ein höheres Risiko für chronische Schmerzen haben", sagte Tegeder. Das könne Auswirkungen auf die Wahl der Nachbehandlung haben. "Aber das Schmerzempfinden wird durch viele Gene beeinflusst."

Mit Material von ddp



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