Schnelle Rettungsaktion Impf-Experiment soll Hamburgerin vor Ebola schützen

Aus Angst vor dem Ebola-Virus hat eine möglicherweise infizierte Hamburger Forscherin einem Impf-Experiment zugestimmt. Die eilig aus Kanada eingeflogene neue Arznei hat bislang nur Affen geschützt - die Erfolgschancen liegen bei 50:50.

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Es ist ein kleiner Hoffnungsschimmer, der ein Experiment möglich machte, das es so am Menschen noch nicht gab: Am Donnerstag hatte sich eine Forscherin in einem Hochsicherheitslabor des Hamburger Bernhard-Nocht-Instituts (BNI) für Tropenmedizin mit einer Nadel gestochen, die mit dem hochgefährlichen Ebola-Virus kontaminiert war. Nach dem Schock blieben ihr nur zwei Möglichkeiten: Sie konnte abwarten, ob die Viren ihren Körper erobern - lange drei Wochen kann die Inkubationszeit dauern. Oder sie konnte einem Rettungsversuch zustimmen, der vor ihr nur an Mäusen, Meerschweinchen und Makaken erprobt worden war.

Die Frau entschied sich für das Experiment. Ein eilig zusammengerufenes Team aus deutschen, kanadischen und US-amerikanischen Wissenschaftlern hatte ihr zu diesem Schritt geraten. "Schon am Donnerstagabend entschieden wir in einer Telefonkonferenz, dass wir ihr eine Therapie mit einem Impfstoff aus Kanada anbieten wollen", berichtet Stefan Günther, Leiter des Instituts für Virologie am BNI, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Eigentlich war es die einzige Möglichkeit, die uns blieb."

Bei der Substanz handelt es sich um einen abgeschwächten Lebend-Impfstoff. Er stammt aus den Laboren von Heinz Feldmann von der medizinischen Mikrobiologie an der University of Manitoba im kanadischen Winnipeg und Thomas Geisbert von der Uniformed Services University of Health Sciences in Bethesda (USA). Sie entwickelten ein gentechnisch hergestelltes Virus mit Namen VSV (vesicular stomatitis virus), das ein spezielles Anti-Gen des Ebola-Virus auf seiner Oberfläche präsentiert.

Keine Menschenversuche in Afrika

In Tierversuchen war die Arznei bereits erfolgreich: Feldmann hatte mit seinem Kollegen Steven Jones acht Affen mit Ebola-Viren infiziert und sie 20 bis 30 Minuten später geimpft. Während nach Angaben der Wissenschaftler ohne Eingreifen alle Tiere gestorben wären, überlebten vier der acht Affen.

Eine 50-prozentige Überlebenschance - angesichts der Tatsache, dass an einer Ebola-Infektion bis zu 90 Prozent der Betroffenen sterben, immerhin ein Hoffnungsschimmer. Doch am Menschen wurde der Impfstoff noch nie getestet, obwohl es in Afrika immer wieder Ebola-Epidemien gibt. "Das ist ethisch ein extrem schwieriges Feld", sagt Stephan Becker, Direktor des Instituts für Virologie an der Universität Marburg, der zu dem internationalen Komitee als Berater hinzugezogen wurde. "Die Substanz ist ja noch nicht zugelassen, man kann sie nicht einfach so ohne Wissen über Risiken und Nebenwirkungen in Afrika einsetzen."

Die Hamburger Forscherin hingegen sei ein Einzelfall, der von einer Ethikkommission beraten worden sei. Unter dem Titel "individueller Heilversuch" läuft der Versuch nun, zu dem ihr die Tropenmediziner nach Rücksprache mit Impf-Experten rieten. "Bei den Affen gab es bislang keine schwerwiegenden Nebenwirkungen", so Virologe Günther. "Für unsere Mitarbeiterin war das eine sehr schwierige Entscheidung, aber schließlich sagte sie ja."

Die tägliche Suche nach Viren

Nach der Zustimmung der Patientin musste alles sehr schnell gehen: "Die Kollegen packten die Reste aus ihren Tierversuchen ein und schickten sie auf die Reise nach Deutschland", berichtet Günther. In der Nacht von Freitag auf Samstag trafen die Arzneien am Frankfurter Flughafen ein, Samstagmittag wurden sie der Patientin injiziert. Nach wenigen Stunden kam es allerdings zu einer Impf-Reaktion - mit Fieber sowie Kopf- und Gliederschmerzen. Weil bei Ebola ähnliche Beschwerden auftreten, rieten die Ärzte der Patientin zur Behandlung unter Quarantäne in einem Sicherheitszelt am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf (UKE). Seit Montag ist sie fieberfrei und hat keine Beschwerden mehr.

"Wir wissen jetzt zumindest, dass der Impfstoff beim Menschen verträglich ist", sagt der Marburger Stephan Becker. Bislang sei alles nach Plan verlaufen, inklusive der Impf-Reaktion. Auch Stefan Günther meint: "So wie bei den Affenversuchen konnten wir zwei Tage lang das Impf-Virus nachweisen, jetzt ist es verschwunden." Das deute darauf hin, dass die Immunabwehr der Patientin zumindest gegen den Impfstoff aktiv geworden sei.

Was die Immunisierung allerdings genau im Körper bewirkt, wissen die Forscher noch nicht. "Eine Hypothese ist, dass sie die angeborenen Abwehrmechanismen aktiviert", meint Becker gegenüber SPIEGEL ONLINE. Dazu zählen Fresszellen, sogenannte dentritische Zellen, die dem Immunsystem körperfremde Antigene präsentieren und Zytokine, die die Kommunikation der Abwehrzellen anstoßen. Sie können sich schon kurz nach einer Infektion auf Eindringlinge stürzen und diese unschädlich machen. Erst später produziert der Organismus Antikörper.

"Wir sind noch nicht über den Berg"

Doch bislang ist unklar, ob sich die Frau überhaupt infiziert hat. Die Wahrscheinlichkeit dafür sei nicht besonders groß, meinen die Wissenschaftler. Täglich nehmen die Ärzte im UKE ihr nun Blut ab, bislang haben sie jedoch keine Viruspartikel oder Antikörper gefunden. "Wenn die Frau nicht erkrankt, wir aber im Blut nicht nur Antikörper gegen die Impf-Viren, sondern auch gegen Ebola-Viren finden, können wir davon ausgehen, dass die Impfung geholfen hat", sagt Stefan Becker.

Für den Fall, dass der Impfstoff nicht hilft, haben die Hamburger Ärzte schon weitere Vorkehrungen getroffen - die ebenfalls ein Experiment wären: Aus den USA ließen sie eine Arznei kommen, die bislang nur an Affen mit Ebola-Fieber getestet wurde und an Menschen in der Intensivmedizin. Das Medikament soll in die Gerinnung eingreifen, denn bei einer Ebola-Infektion kommt es oft zu unkontrollierten Schleimhautblutungen im Magen-Darm- und Genitaltrakt. "Wir hoffen sehr, dass dieser Riesenaufwand überflüssig ist, und die Frau nicht erkrankt", meint Günther.

Doch solange die Inkubationszeit nicht abgelaufen ist, muss die Forscherin noch im Krankenhaus bleiben. "Die Isolierstation ist eine psychisch extrem belastende Situation", meint Günther. Das kleine Zelt, die Einsamkeit, die Sorgen - all das verschlimmere die Lage der Frau. Weil bislang kein Hinweis für eine Infektion gefunden worden sei, müsse sie auch nicht länger wie eine Ebola-Kranke behandelt werden. "Sie soll noch heute auf eine normale Station verlegt werden, damit sie ihre Familie endlich wieder treffen kann", sagt Günther. Aber: "Wir sind noch nicht über den Berg. Drei Wochen können sehr lang sein."



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