Schneller Spaß Gehirnzellen feilschen um Glücksgefühle

Ob Menschen nach dem schnellen Glück suchen oder lieber behutsam an die Zukunft denken, wird von zwei konkurrierenden Systemen im Gehirn bestimmt. Normalerweise geben sich die Prozesse nicht viel - doch sobald ein begehrenswerter Gegenstand ins Blickfeld kommt, gewinnt das spontane Verlangen die Oberhand.


Süße Versuchung: Was ist wichtiger - ein kleines Glückserlebnis sofort oder die schlanke Linie auf Dauer?
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Süße Versuchung: Was ist wichtiger - ein kleines Glückserlebnis sofort oder die schlanke Linie auf Dauer?

Mitunter reagiert das menschliche Gehirn alles andere als rational: Dem schnellen Spaß werden langfristige Überlegungen, manchmal sogar die gesamte Zukunft geopfert. Oder aber die Angst vor einer unglücklichen Zukunft führt dazu, einmalige Gelegenheiten verstreichen zu lassen. Offensichtlich schlagen im Menschen nicht nur zwei Herzen, in seinem Gehirn arbeiten auch zwei völlig unabhängige Netzwerke, wie US-Forscher nun im Fachmagazin "Science" berichten.

Die neurologischen Stromkreise treten dabei fortwährend gegeneinander an - manchmal dominiert der eine, manchmal der andere: So werden die kurzfristigen Entscheidungen vom so genannten Limbischen System gesteuert, ein evolutionär sehr altes System, das auch für die Verarbeitung unmittelbarer Sinneseindrücke wie Sehen, Fühlen und Hören zuständig ist. Entsprechend ungeduldig, manchmal sogar unüberlegt fallen die spontanen Entscheidungen aus.

Ganz anders bei langfristigen Überlegungen: Die werden, wie Samuel McClure von der Princeton University in New Jersey und seine Kollegen in "Science" schreiben, von hoch entwickelten kognitiven Funktionen im Gehirn gesteuert. Die dabei aktiven Regionen sind sogar in der Lage, Kompromisse zwischen unterschiedlichen Formen der Anerkennung zu suchen.

Schnelle Belohnung oder langwieriges Abwägen?

Um die genauen Vorgänge im Gehirn zu untersuchen, registrierten die Forscher die Aktivitäten im Kopf von College-Studenten, die zwischen sofort erhältlichen Geschenkgutscheinen mit geringem Wert und höher dotierten Gutscheinen zu einem späteren Zeitpunkt wählen mussten. Dabei zeigte sich, dass zunächst die schnelle Belohnung im Vordergrund steht und das Limbische System in Gang gesetzt wird. Je mehr es jedoch darum geht, zwischen der Höhe der zukünftigen Belohung und der bis dahin notwendigen Wartezeit abzuwägen, desto stärker wurden Regionen im vorderen Teil des Gehirns aktiviert.

Dabei ist es kein Zufall, dass der Anblick eines Gegenstands ein viel stärkeres spontanes Verlangen auslöst als nur der abstrakte Gedanke: Durch den Blick wird das Sehzentrum aktiviert, so McClure und sein Team. Da die Verarbeitung von Sinneseindrücken Aufgabe des Limbischen Systems ist, ist diese Gehirnregion bereits aktiviert, spontane Entscheidungen fallen leichter. Sobald Menschen also etwas sehen - seien es Süßigkeiten an der Supermarktkasse, ein Paar schicke Schuhe oder der neue Sportwagen vor Nachbars Garage - wollen sie es auch haben. Und zwar sofort.



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