Schnelleres Boarding Nie mehr Stau am Flieger

Ausgerechnet ein Astrophysiker hat eine Methode entwickelt, mit der die Einsteigezeit am Flughafen radikal verkürzt werden soll. Mit statistischen Methoden will er verhindern, dass sich Flugpassagiere beim Einladen des Handgepäcks in die Quere kommen.

Fluggäste beim Einsteigen (in Kiribati, 2004): Schnelles Boarding erwünscht
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Fluggäste beim Einsteigen (in Kiribati, 2004): Schnelles Boarding erwünscht

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Es war ein langer Tag, einer an dem Jason Steffen einfach nur noch nach Hause wollte. Der Astrophysiker, der am US-Teilchenbeschleuniger Fermilab in der Nähe von Chicago arbeitet, war auf dem Rückweg von einer Konferenz. Doch sein Flugzeug wollte und wollte nicht abheben. Erst eine geschlagene halbe Stunde nachdem er das Gate am Flughafen Seattle passiert hatte, gelangte Steffen an seinen Platz im Flieger. Passagiere, die vor ihm eingestiegen waren, hatten bis dahin den Mittelgang blockiert.

"Ich habe beobachtet, dass vor allem das Verstauen des Handgepäcks in den oberen Ablagefächern das weitere Einsteigen verzögerte", erklärt Steffen in Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Der Blondschopf, der sich normalerweise mit Teilchenphysik und der Suche nach Planeten außerhalb des Sonnensystems beschäftigt, begann zu grübeln, wie sich das Problem beheben ließe, das vielen Flugpassagieren bekannt vorkommen dürfte.

Jede Fluggesellschaft hat ihr eigenes System, um ihre Flugzeuge so schnell wie möglich zu füllen. Zeit ist kostbar: Je kürzer die Maschine am Gate steht, desto länger kann sie in der Luft sein - und Geld verdienen. "Ein Flugzeug ist nur produktiv, wenn es in der Luft ist", sagt Jan Bärwalde von der Lufthansa im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Die denkbar schlechteste Einsteigevariante wäre es, Fluggäste in den vorderen Sitzreihen zuerst ins Flugzeug zu lassen, denn die verstopfen unnötig den Mittelgang. Der Klassiker bei den derzeitigen Boarding-Methoden funktioniert deshalb so: Die Passagiere in den hinteren Sitzreihen steigen zuerst ein, später folgen Fluggäste, die weiter vorn sitzen.

Doch das ist nach Steffens Ansicht kaum effektiver als die schlechteste Variante. Mit einem Computer-Simulationsprogramm hat er deswegen ein eigenes Verfahren entwickelt. Seine wichtigste Annahme: Zeit geht vor allem beim Einsortieren des Handgepäcks in die Fächer über den Sitzen verloren: "Das ist der wichtigste Faktor." Und die klassische Hinten-Zuerst-Einsteigeordnung helfe dabei kaum weiter, weil sich trotzdem lange Staus bilden würden.

Zehnergruppen sollen Gedränge im Mittelgang verhindern

Mit Hilfe eines sogenannten "Markow Chain Monte Carlo Algorithmus" hat Steffen sich auf die Suche nach Alternativen gemacht. Idealerweise, so sein Fazit, sollten die Passagiere in Zehnergruppen ins Flugzeug einsteigen. Diese Gruppen müssten allerdings sehr sorgfältig zusammengesetzt werden. So sollte jeweils eine Reihe zwischen zwei zeitgleich boardenden Passagieren frei bleiben. So will Steffen zeitraubende Störungen beim Handgepäckeinladen weitestgehend vermieden. Durch genügend Abstand kommt sich niemand mehr ins Gehege. Außerdem, so schlägt Steffen vor, sollten Fensterplätze eher belegt werden als Gangplätze.

Zumindest in der Computersimulation ist der Zeitgewinn enorm: Für einen Flieger mit 240 Sitzplätzen verspricht Steffen im Schnitt eine Beschleunigung des Einsteigens um den Faktor sieben im Vergleich zu klassischen Einsteigeverfahren. In der Praxis hat das System allerdings einige Tücken: Da wäre zunächst einmal die komplizierte Vorsortierung am Flughafen, mit der die Zehnergrüppchen zusammengestellt werden müssten. Hier dürfte einiges an Erklärung nötig sein, damit die Kunden diese Einteilung verstehen - und sich nicht komplett darüber hinwegsetzen.

Familien droht Stress

Noch problematischer ist indes ein weiterer Punkt: Menschen, die nebeneinander im Flugzeug sitzen wollen, müssten zu komplett unterschiedlichen Zeiten einsteigen. Für Familien, zumal mit kleinen Kindern, wäre das ein Problem. Doch für diese Fälle seien problemlos Ausnahmen möglich, sagt Steffen.

Bei der Lufthansa zeigt man sich angesichts dieser Ergebnisse interessiert - aber durchaus skeptisch. "Wir haben es hier mit Menschen zu tun. Deren Verhalten lässt sich nur schwer modellieren, egal wie viele Variablen man verwendet", sagt Jan Bärwalde. Theoretische Ansätze wie der nun vorgestellte seien deswegen stets mit Vorsicht zu genießen. Bei einem großen Feldversuch habe die Lufthansa im Jahr 2005 alternative Boarding-Verfahren ausprobiert. Für rund 85.000 Fluggäste auf 450 Flügen gab es drei Varianten: In einigen Fällen ließ das Bodenpersonal vollkommen ungeordnet einsteigen, in einigen Fällen von außen nach innen - also die Gäste mit Fensterplätzen zuerst - ("Easyboarding") und ein einigen Fällen nach dem klassischen Lufthansa-System ("Reihenboarding"). Im Ergebnis sei man bei der klassischen Methode geblieben: Wer hinten sitzt, darf zuerst ins Flugzeug.

Die Zukunft wird zeigen, ob Steffens System in der Praxis doch eine Chance hat. Auf jeden Fall will er das Verfahren patentieren lassen. Außerdem denkt er darüber nach, in einer vier Wochen langen, unbezahlten Zwangspause in diesem Jahr, die ihm und seinen Fermilab-Kollegen aus Budgetgründen verordnet wird, weiter an dem Projekt zu arbeiten.

Sollte sich sein Verfahren am Ende doch als zu kompliziert herausstellen, dann haben seine Simulationen immerhin eine weitere, tröstliche Erkenntnis gebracht: Offenbar fahren auch Fluggesellschaften sehr gut, die ihre Passagiere ganz ohne System einsteigen lassen. Das, so sagt Jason Steffen, führe eben nicht zu Chaos, sondern zu einer Selbstorganisation, die nur wenig ineffektiver sei als das effizienteste Modell.



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