Schützende Informationen Austausch von Wissen kann Epidemien eindämmen

Informationen gegen Viren: Wenn Informationen über gefährliche Erreger schnell weitergegeben werden, können sie Epidemien begrenzen. Laut einer neuen Studie können SMS und Mundpropaganda ebenso wirkungsvoll sein wie offizielle Warnungen.


Medienberichte waren 2003 voll von Meldungen über die mysteriöse Lungenkrankheit Sars. Die Welt schaute erschrocken nach Asien, wo knapp 900 Menschen an einer bis dahin unbekannten Lungenerkrankung starben, die sich weltweit in 32 Ländern ausbreitete.

Ähnlich wie eine Epidemie verbreitet sich auch das Wissen darüber - und das kann dem Erreger auch zum Verhängnis werden, wie britische Forscher jetzt in der Fachzeitschrift "Proceedings of the National Academy of Sciences" berichten. Die Wissenschaftler haben mit einem mathematischen Modell berechnet, dass ein inoffizieller Austausch von Informationen das Verhalten innerhalb einer bedrohten Bevölkerungsgruppe so stark verändern kann, dass sich die Krankheit nicht weiter ausbreitet.

Für ihre Untersuchung behandelten Sebastian Funk von der Abteilung für biologische Wissenschaften an der University of London und sein Team das Wissen über eine übertragbare Infektion als ähnlich ansteckend wie die Krankheit selbst. Die Informationen springen demnach von einer Person auf die nächste über.

Ähnliches war etwa bei der Sars-Epidemie in Asien zu beobachten: Wie die Zeitung "Chinese Southern Weekend" berichtete, wurde 2003 die Textnachricht 'Es gibt eine tödliche Grippe in Guangzhou' 126 Millionen Mal in der chinesischen Stadt verschickt. Zudem führten Telefonate und mündlicher Informationsaustausch dazu, dass sich die Menschen mit Schutzmasken ausrüsteten und in ihren Häusern blieben. Bislang sei man vornehmlich davon ausgegangen, dass offizielle Warnungen und Aktionsprogramme am wichtigsten seien für effektive Schutzmaßnahmen, schreiben die Wissenschaftler. "Wir sind der Meinung, dass selbst initiierte Reaktionen von Individuen ebenso wichtig sind."

In ihrem Modell konnten die Forscher zeigen: Jene Personen, die Berichte aus erster Hand bekommen, sind am besten informiert, handeln am ehesten und schützen sich selbst. Dafür reicht ein informeller Informationsfluss aus. Nach Meinung der Wissenschaftler bedarf es nicht unbedingt einer offiziellen Warnung. Mit zunehmender Entfernung vom Krankheitsgeschehen nehmen jedoch sowohl die Qualität der Information als auch die Reaktionen ab.

Das hat einen wichtigen Einfluss auf die Verbreitung von Erregern, wie das Rechenmodell zeigt: Während sie sich ohne informellen Informationsfluss sehr schnell vom Ursprungsherd entfernen und zentrifugal ausbreiten, können ein lokal begonnener Informationsaustausch und die daraus folgenden Schutzmaßnahmen die Ausdehnung verhindern.

"Wenn die Krankheit leicht erkannt wird, die Informationen sich schnell verbreiten und es eine deutliche Tendenz zu schützendem Verhalten gibt, kann die Kenntnis einer Bevölkerung die Ausbreitung der Krankheit verlangsamen", schreiben die Forscher. In ihrem Modell wird deutlich, dass sich die Informationen wie ein Schutzwall um den Erreger-Herd legen. Ist ein kritischer Punkt jedoch überschritten, hilft auch die Mundpropaganda nicht weiter. "Das Bewusstsein über eine Krankheit kann eine Epidemie und den Übergriff auf große Bevölkerungsteile nicht immer vollständig verhindern", so die Wissenschaftler.

Nach einer großen Welle im Frühjahr 2003 nahm die Sars-Epidemie im Sommer langsam ab. Ende 2003 wurde der letzte Fall bekannt: Ein Militärarzt soll in Taiwan mit dem Erreger experimentiert haben und starb an der Krankheit.

hei



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.